§ 1
Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt. *
* Nicht aber (womit so viele Ärzte bisher Kräfte und Zeit ruhmsüchtig verschwendeten) das Zusammenspinnen leerer Einfälle und Hypothesen über das innere Wesen des Lebensvorgangs und der Krankheitsentstehungen im unsichtbaren Inneren zu sogenannten Systemen, oder die unzähligen Erklärungsversuche über die Erscheinungen in Krankheiten und die, ihnen stets verborgen gebliebene, nächste Ursache derselben usw. in unverständliche Worte und einen Schwulst abstrakter Redensarten gehüllt, welche gelehrt klingen sollen, um den Unwissenden in Erstaunen zu setzen – während die kranke Welt vergebens nach Hilfe seufzte. Solcher gelehrter Schwärmereien (man nennt es theoretische Arzneikunst und hat sogar eigene Professuren dazu) haben wir nun gerade genug, und es wird hohe Zeit, dass, was sich Arzt nennt, endlich einmal aufhöre, die armen Menschen mit Geschwätz zu täuschen, und dagegen nun anfange zu handeln, das ist, wirklich zu helfen und zu heilen.§ 2
Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfang auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachteiligsten Weg, nach deutlich einzusehenden Gründen.
§ 3
Sieht der Arzt deutlich ein, was an Krankheiten, das ist, was an jedem einzelnen Krankheitsfall insbesondere zu heilen ist (Krankheitserkenntnis, Indikation), sieht er deutlich ein, was an den Arzneien, das ist, an jeder Arznei insbesondere, das Heilende ist (Kenntnis der Arzneikräfte), und weiß er nach deutlichen Gründen das Heilende der Arzneien auf das, was er an dem Kranken unbezweifelt Krankhaftes erkannt hat, so anzupassen, dass Genesung erfolgen muss, anzupassen sowohl in Hinsicht der Angemessenheit der für den Fall nach ihrer Wirkungsart geeignetsten Arznei (Wahl des Heilmittels, Indikat), als auch in Hinsicht der genau erforderlichen Zubereitung und Menge derselben (rechte Gabe) und der gehörigen Wiederholungszeit der Gabe: – kennt er endlich die Hindernisse der Genesung in jedem Fall und weiß sie hinweg zu räumen, damit die Herstellung von Dauer sei: so versteht er zweckmäßig und gründlich zu handeln und er ist ein echter Heilkünstler.
§ 4
Er ist zugleich ein Gesundheitserhalter, wenn er die Gesundheit störenden und Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Dinge kennt und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß.
§ 5
Als Beihilfe der Heilung dienen dem Arzt die Data der wahrscheinlichsten Veranlassung der akuten Krankheit, so wie die bedeutungsvollsten Momente aus der ganzen Krankheitsgeschichte des langwierigen Siechtums, um dessen Grundursache, die meist auf einem chronischen Miasma beruht, ausfindig zu machen, wobei die erkennbare Leibesbeschaffenheit des (vorzüglich des langwierigen) Kranken, sein gemütlicher und geistiger Charakter, seine Beschäftigungen, seine Lebensweise und Gewohnheiten, seine bürgerlichen und häuslichen Verhältnisse, sein Alter und seine geschlechtliche Funktion, usw. in Rücksicht zu nehmen sind.
§ 6
Der vorurteilslose Beobachter, – er kennt die Nichtigkeit übersinnlicher Ergrübelungen, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen lassen – nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheiten nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen des Befindens Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustand des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentieren die Krankheit in ihrem ganzen Umfang, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit. *
* Ich weiß daher nicht, wie es möglich war, dass man am Krankenbett, ohne auf die Symptome sorgfältigst zu achten und sich nach ihnen bei der Heilung zu richten, das an der Krankheit zu Heilende bloß im verborgenen und unerkennbaren Inneren suchen zu müssen und finden zu können sich einfallen ließ, mit dem prahlerischen und lächerlichen Vorgeben, dass man das im unsichtbaren Inneren veränderte, ohne sonderlich auf die Symptome zu achten, erkennen und mit (ungekannten!) Arzneien wieder in Ordnung bringen könne und dass so etwas einzig gründlich und rationell kurieren heiße? Ist denn das durch Zeichen an Krankheiten sinnlich Erkennbare nicht für den Heilkünstler die Krankheit selbst – da er das die Krankheit schaffende, geistige Wesen, die Lebenskraft, doch nie sehen kann und sie selbst auch nie, sondern bloß ihre krankhaften Wirkungen zu sehen und zu erfahren braucht, um hiernach die Krankheit heilen zu können? Was will nun noch außerdem die alte Schule für eine prima causa morbi im verborgenen Inneren aufsuchen, dagegen aber die sinnlich und deutlich wahrnehmbare Darstellung der Krankheit, die vernehmlich zu uns sprechenden Symptome, als Heilgegenstand verwerfen und vornehm verachten? Was will sie denn sonst an Krankheiten heilen als diese? * * “Der nach den verborgenen Verhältnissen im Inneren des Organismus forschende Arzt kann täglich irren; der Homöopathiker aber, wenn er mit gehöriger Sorgfalt die gesamte Symptomengruppe auffasst, hat einen sicheren Wegweiser und ist es ihm gelungen, die ganze Symptomengruppe zu Krankheitsursache gehoben.” Rau, a.a.O. S. 103.§ 7
Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) zu entfernen ist *,
* Dass jeder verständige Arzt diese zuerst hinwegräumen wird, versteht sich von selbst; dann lässt das Übelbefinden gewöhnlich von selbst nach. Er wird die, Ohnmacht und hysterische Zustände erregenden, stark duftenden Blumen aus dem Zimmer entfernen, den, die Augenentzündung erregenden Splitter aus der Hornhaut ziehen, den Brand drohenden, allzu festen Verband eines verwundeten Gliedes lösen und passender anlegen, die Ohnmacht herbeiführende, verletzte Arterie bloßlegen und unterbinden, verschluckte Belladonne-Beeren usw. durch Erbrechen fortzuschaffen suchen, die in Öffnungen des Körpers (Nase, Schlund, Ohren, Harnröhre, Mastdarm, Scham) geratenen fremden Substanzen ausziehen, den Blasenstein zermalmen, den verwachsenen After des neugeborenen Kindes öffnen usw. sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheitszeichen, so müssen, unter Mithinsicht auf etwaiges Miasma und unter Beachtung der Nebenumstände (§ 5), es auch einzig die Symptome sein, durch welche die Krankheit die zu ihrer Hilfe geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann – so muss die Gesamtheit dieser ihrer Symptome, dieses nach außen reflektierende Bild des inneren Wesens der Krankheit, das ist des Leidens der Lebenskraft, das Hauptsächlichste oder Einzige sein, wodurch die Krankheit zu erkennen geben kann, welches Heilmittel sie bedürfe, – das Einzige, was die Wahl des angemessensten Hilfsmittels bestimmen kann; so muss, mit einem Wort, die Gesamtheit * * Von jeher suchte die alte Schule, da man sich oft nicht anders zu helfen wusste, in Krankheiten hier und da ein einzelnes der mehreren Symptome durch Arzneien zu bestreiten und wo möglich zu unterdrücken – eine Einseitigkeit, welche, unter dem Namen: symptomatische Kurart, mit Recht allgemein Verachtung erregt hat, weil durch sie nicht nur nichts gewonnen, sondern auch viel verdorben wird. Ein einzelnes der gegenwärtigen Symptome ist so wenig die Krankheit selbst, als ein einzelner Fuß der Mensch selbst ist. Dieses Verfahren war um desto verwerflicher, da man ein solches einzelnes Symptom nur durch ein entgegengesetztes Mittel (also bloß enantiopathisch und palliativ) behandelte, wodurch es nach kurz dauernder Linderung nur desto mehr sich nachgängig verschlimmert.der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige sein, was er an jedem Krankheitsfall zu erkennen und durch seine Kunst hinweg zu nehmen hat, damit er geheilt und in Gesundheit verwandelt werde.
§ 8
Es lässt sich nicht denken, auch durch keine Erfahrung in der Welt nachweisen, dass, nach Hebung aller Krankheitssymptome und des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zufälle, etwas anderes, als Gesundheit, übrig bliebe oder übrig bleiben könne, so dass die krankhafte Veränderung im Inneren ungetilgt geblieben wäre. *
* Wer dergestalt von seiner Krankheit durch einen wahren Heilkünstler hergestellt worden, dass kein Zeichen von Krankheit, kein Krankheitssymptom mehr übrig und alle Zeichen von Gesundheit dauernd wiedergekehrt sind, kann man bei einem solchen, ohne dem Menschenverstand Hohn zu sprechen, die ganze leibhafte Krankheit doch noch im Inneren wohnend voraussetzen? Und dennoch behauptet der Vorsteher der alten Schule, Hufeland, dergleichen mit den Worten (s. d. Homöopathie S. 27. Z. 19.): “die Homöopathik kann die Symptome heben, aber die Krankheit bleibt” – behauptet es teils aus Gram über die Fortschritte der Homöopathik zum Heile der Menschen, teils weil er noch ganz materielle Begriffe von Krankheit hat, die er noch nicht als ein dynamisch von der krankhaft verstimmten Lebenskraft verändertes Sein des Organismus, nicht als abgeändertes Befinden sich zu denken vermag, sondern die Krankheit für ein materielles Ding ansieht, was nach geschehener Heilung noch in irgendeinem Winkel im Inneren des Körpers liegen geblieben sein könnte, um dereinst einmal bei schönster Gesundheit, nach Belieben, mit seiner materiellen Gegenwart hervorzubrechen! So krass ist noch die Verblendung der alten Pathologie! Kein Wunder, dass eine solche nur eine Therapie erzeugen konnte, die bloß aufs Ausfegen des armen Kranken losgeht.§ 9
Im gesunden Zustand des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organismus) belebende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt und hält alle seine Teile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgang in Gefühlen und Tätigkeiten, so dass unser inwohnender, vernünftiger Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höheren Zweck unseres Daseins bedienen kann.
§ 10
Der materielle Organismus, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Tätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig; *
* Er ist tot und, nun bloß der Macht der physischen Außenwelt unterworfen, fault er und wird wieder in seine chemischen Bestandteile aufgelöst.nur das immaterielle, den materiellen Organismus im gesunden und kranken Zustand belebende Wesen (die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.
§ 11
Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese geistartige, in seinem Organismus überall anwesende, selbsttätige (automatische) Lebenskraft durch den dem Leben feindlichen, dynamischen Einfluss eines krankmachenden Agens auf sie verstimmt; nur die zu einer solchen Innormalität verstimmte Lebenskraft kann dem Organismus die widrigen Empfindungen verleihen und ihn zu den regelwidrigen Tätigkeiten bestimmen, die wir Krankheit nennen, denn sie, als an sich unsichtbare und bloß in ihren Wirkungen im Organismus erkennbare Kraft gibt ihre krankhafte Verstimmung einzig nur durch Äußerung von Krankheit in den Gefühlen und Tätigkeiten der den Sinnen des Beobachters und Heilkünstlers zugekehrten Seite des Organismus, durch Krankheitssymptome zu erkennen und kann sie nicht anders zu erkennen geben.
§ 12
Einzig die krankhaft gestimmte Lebenskraft bringt die Krankheiten hervor, *
* Wie die Lebenskraft den Organismus zu den krankhaften Äußerungen bringt, das ist, wie sie Krankheit schafft, von diesem Wie kann der Heilkünstler keinen Nutzen ziehen, und deshalb wird es ihm ewig verborgen bleiben; nur was ihm von der Krankheit zu wissen nötig und völlig hinreichend zum Heilbehufe war, legte der Herr des Lebens vor seine Sinne.so dass die unseren Sinnen wahrnehmbare Krankheitsäußerung zugleich alle innere Veränderung, das ist, die ganze krankhafte Verstimmung der inneren Dynamis ausdrückt, mit einem Wort, die ganze Krankheit zu Tage legt, folglich auch das Verschwinden aller Krankheitsäußerung und aller vom gesunden Lebensvorgang abweichenden, merkbaren Veränderungen durch Heilung eben so gewiss die wieder hergestellte Integrität der Lebenskraft und so die wieder gekehrte Gesundheit des ganzen Organismus bedingt und notwendig voraussetzt.
§ 13
Daher ist Krankheit (die nicht der manuellen Chirurgie anheim fällt) wie von den Allöopathen geschieht, als ein vom lebenden Ganzen, vom Organismus und der ihn belebenden Lebenskraft gesondertes, innerlich verborgenes, obgleich noch so fein materielles Ding gedacht, ein Unding, was bloß in materiellen Köpfen entstehen konnte und der bisherigen Medizin seit Jahrtausenden alle die verderblichen Richtungen gegeben hat, die sie zu einer wahren Unheilkunst schufen.
§ 14
Es gibt nichts krankhaftes Heilbare und nichts unsichtbar krankhaft verändertes Heilbare im Inneren des Menschen, was nicht durch Krankheitszeichen und Symptome denn genau beobachtenden Arzt zu erkennen gäbe – ganz der unendlichen Güte des allweisen Lebenserhalters der Menschen gemäß.
§ 15
Das Leiden der krankhaft verstimmten, geistartigen, unseren Körper belebenden Dynamis (Lebenskraft) im unsichtbaren Inneren und der Inbegriff der von ihr im Organismus veranstalteten, äußerlich wahrnehmbaren, das vorhandene Übel darstellenden Symptome sind nämlich ein Ganzes, Eins und Dasselbe. Wohl ist der Organismus materielles Werkzeug zum Leben, aber ohne Belebtheit von der instinktartig fühlenden und ordnenden Lebenskraft (so wie Lebenskraft ohne Organismus) nicht denkbar, folglich machen beide eine Einheit aus, obgleich unser Verstand im Gedanken diese Einheit in zwei Begriffe spaltet, der Bequemlichkeit im Begreifen wegen.
§ 16
Von schädlichen Einwirkungen auf den gesunden Organismus durch die feindlichen Potenzen, welche das harmonische Lebensspiel von der Außenwelt her stören, kann unsere Lebenskraft als geistartige Dynamis nicht anders denn auf geistartige (dynamische) Weise ergriffen und affiziert werden und alle solche krankhafte Verstimmungen (die Krankheiten) können auch durch den Heilkünstler nicht von ihr entfernt werden, als ebenfalls durch geistartige (dynamische, virtuelle) Umstimmungskräfte der dienlichen Arzneien auf unsere geistartige Lebenskraft, von ihr durch den im Organismus allgegenwärtigen Fühlsinn der Nerven perzipiert, so dass Heil-Arzneien, nur durch dynamische Wirkung auf sie, Gesundheit und Lebensharmonie wiederherstellen können und wirklich herstellen, nachdem die unseren Sinnen merkbaren Veränderungen in dem Befinden des Kranken (der Symptomeninbegriff) dem aufmerksam beobachtenden und forschenden Heilkünstler die Krankheit so vollkommen dargestellt hatten, als es nur, um sie heilen zu können, bedurfte.
§ 17
Da nun in der Heilung durch Hinwegnahme des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zeichen und Zufälle der Krankheit zugleich die ihr zum Grunde liegende, innere Veränderung der Lebenskraft – also jedes Mal das Total der Krankheit – gehoben wird, *
* Ein ahnungartiger Traum, eine abergläubige Einbildung, oder eine feierliche Schicksalsprophezeihung des an einem gewissen Tag oder zu einer gewissen Stunde unfehlbar zu erwartenden Todes brachte nicht selten alle Zeichen entstehender und zunehmender Krankheit des herannahenden Todes und den Tod selbst zur angedeuteten Stunde zuwege, welches ohne gleichzeitige Bewirkung der (dem von außen wahrnehmbaren Zustand entsprechenden) inneren Veränderung nicht möglich war; und daher wurden in solchen Fällen, aus gleicher Ursache, durch eine künstliche Täuschung oder Gegenüberredung nicht selten wiederum alle den nahen Tod ankündigenden Krankheitsmerkmale verscheucht und plötzlich Gesundheit wieder hergestellt, welches ohne Wegnahme der Tod bereitenden, inneren und äußeren krankhaften Veränderungen, mittels dieser moralischen Heilmittel nicht möglich gewesen wäre.so folgt, dass der Heilkünstler bloß den Inbegriff der Symptome hinweg zu nehmen hat, um mit ihm zugleich die innere Veränderung, das ist, die krankhafte Verstimmung der Lebenskraft – also das Total der Krankheit, die Krankheit selbst, aufzuheben und zu vernichten. *
* Nur so konnte Gott, der Erhalter der Menschen, seine Weisheit und Güte bei Heilung der sie hienieden befallenden Krankheiten an den Tag legen, dass er dem Heilkünstler offen darlegte, was derselbe an Krankheiten hinwegzunehmen habe, um sie zu vernichten und so die Gesundheit herzustellen. Was müssten wir aber von seiner Weisheit und Güte denken, wenn er das an Krankheiten zu Heilende (wie die, ein divinatorisches Einschauen in das innere Wesen der Dinge affektierende, bisherige Arzneischule vorgab) in ein mystisches Dunkel gehüllt und im verborgenen Inneren verschlossen und es so dem Menschen unmöglich gemacht hätte, das Übel deutlich zu erkennen, folglich unmöglich, es zu heilen?Die vernichtete Krankheit aber ist hergestellte Gesundheit, das höchste und einzige Ziel des Arztes, der die Bedeutung seines Berufes kennt, welcher nicht in gelehrt klingendem Schwatzen, sondern im Helfen besteht.
§ 18
Von dieser nicht zu bezweifelnden Wahrheit, dass, außer der Gesamtheit der Symptome, an Krankheiten auf keine Weise etwas aufzufinden ist, wodurch sie ihr Hilfebedürfnis ausdrücken könnten, geht unwidersprechlich hervor, dass bloß der Inbegriff aller, in jedem einzelnen Krankheitsfall wahrgenommenen Symptome die einzige Indikation, die einzige Hinweisung auf ein zu wählendes Heilmittel sein kann.
§ 19
Indem nun die Krankheiten nichts als Befindensveränderungen des Gesunden sind, die sich durch Krankheitszeichen ausdrücken, und die Heilung ebenfalls nur durch Befindensveränderung des Kranken zum gesunden Zustand möglich ist, so sieht man leicht, dass die Arzneien auf keine Weise Krankheiten würden heilen können, wenn sie nicht die Kraft besäßen, das auf Gefühlen und Tätigkeiten beruhende Menschenbefinden umzustimmen, ja, dass einzig auf dieser ihrer Kraft, Menschenbefinden umzuändern, ihre Heilkraft beruhen müsse.
§ 20
Diese im inneren Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft, Menschenbefinden um zu ändern (und daher Krankheiten zu heilen), ist uns auf keine Weise mit bloßer Verstandesanstrengung an sich erkennbar; bloß durch ihre Äußerungen beim Einwirken auf das Befinden der Menschen lässt sie sich in der Erfahrung, und zwar deutlich wahrnehmen.
§ 21
Da nun, was Niemand leugnen kann, das heilende Wesen in Arzneien nicht an sich erkennbar ist, und in reinen Versuchen selbst vom scharfsinnigsten Beobachter an Arzneien sonst nichts, was sie zu Arzneien oder Heilmitteln machen könnte, wahrgenommen werden kann, als jene Kraft, im menschlichen Körper deutliche Veränderungen seines Befindens hervorzubringen, besonders aber den gesunden Menschen in seinem Befinden umzustimmen und mehrere, bestimmte Krankheitssymptome in und an demselben zu erregen; so folgt, dass wenn die Arzneien als Heilmittel wirken, sie ebenfalls nur durch diese ihre Kraft Menschenbefinden mittels Erzeugung eigentümlicher Symptome umzustimmen, ihr Heilvermögen in Ausübung bringen können, und dass wir uns daher einzig an die krankhaften Zufälle, die die Arzneien im gesunden Körper erzeugen, als an die einzig mögliche Offenbarung ihrer inwohnenden Heilkraft, zu halten haben, um zu erfahren, welche Krankheitserzeugungskraft jede einzelne Arznei, das ist zugleich, welche Krankheitsheilungskraft jede besitze.
§ 22
Indem aber an Krankheiten nichts aufzuweisen ist, was an ihnen hinweg zu nehmen wäre, um sie in Gesundheit zu verwandeln, als der Inbegriff ihrer Zeichen und Symptome, und auch die Arzneien nichts Heilkräftiges aufweisen können, als ihre Neigung, Krankheitssymptome bei Gesunden zu erzeugen und am Kranken hinweg zu nehmen, so folgt auf der einen Seite, dass Arzneien nur dadurch zu Heilmitteln werden und Krankheiten zu vernichten im Stande sind, dass das Arzneimittel durch Erregung gewisser Zufälle und Symptome, das ist, durch Erzeugung eines gewissen künstlichen Krankheitszustandes die schon vorhandenen Symptome, nämlich den zu heilenden, natürlichen Krankheitszustand, aufhebt und vertilgt – auf der anderen Seite hingegen folgt, dass für den Inbegriff der Symptome der zu heilenden Krankheit eine Arznei gesucht werden müsse, welche (je nachdem die Erfahrung zeigt, ob die Krankheitssymptome durch ähnliche oder durch entgegengesetzte Arzneisymptome *
* Die außer diesen beiden noch mögliche Anwendungsart der Arzneien gegen Krankheiten (die allöopathische Methode), wo Arzneien, deren Symptome keine direkte, pathische Beziehung auf den Krankheitszustand haben, also den Krankheitssymptomen weder ähnlich noch opponiert, sondern ganz heterogen sind, verordnet werden, ist, wie ich oben in der Einleitung (Hinblick auf das bisherige Medizinieren, Allöopathie und Palliativkuren der alten Arzneischule) gezeigt habe, nur eine unvollkommene und schädliche Nachahmung der selbst schon höchst unvollkommenen Bestrebungen der verstandlosen, bloß instinktartigen Lebenskraft, die von Schädlichkeiten erkrankt, sich durch Krankheitserregung im Organismus und deren Fortsetzung zu retten strebt, es koste was es wolle, folglich der rohen Lebenskraft, welche unserem Organismus anerschaffen ward, um unser Leben zwar bei Gesundheit in schönster Harmonie zu erhalten, in Krankheiten aber verstimmt, sich durch den verständigen Arzt (homöopathisch) wieder zur Gesundheit umstimmen zu lassen, nicht aber sich selbst zu heilen, als wozu sie so wenig musterhafte Fähigkeit besitzt, dass alle von ihr (der krankhaft verstimmten) im Organismus erzeugten Befindensveränderungen und Symptome ja eben die Krankheit selbst sind. – Doch kann dieses unzweckmäßige Medizinieren der bisherigen Arzneischule ebenso wenig unerwähnt bleiben, als die Menschengeschichte die tausendjährigen Unterdrückungen der Menschheit in den vernunftlosen, despotischen Regierungen auslassen darf.am leichtesten, gewissesten und dauerhaftesten aufzuheben und in Gesundheit zu verwandeln sind) ähnliche oder entgegengesetzte Symptome zu erzeugen Neigung hat.
§ 23
Es überzeugt uns aber jede reine Erfahrung und jeder genaue Versuch, dass von entgegengesetzten Symptomen der Arznei (in der antipathischen, enantiopathischen oder palliativen Methode) anhaltende Krankheitssymptome so wenig aufgehoben und vernichtet werden, dass sie viel mehr, nach kurz dauernder, scheinbarer Linderung, dann nur in desto verstärkterem Grad wieder hervor brechen und sich offenbar verschlimmern (siehe § 58 bis 62 und 69).
§ 24
Es bleibt daher keine andere, Hilfe versprechende Anwendungsart der Arzneien gegen Krankheiten übrig, als die homöopathische, vermöge deren gegen die Gesamtheit der Symptome des Krankheitsfalles eine Arznei gesucht wird, welche unter allen (nach ihren, im gesunden Menschen bewiesenen, Befindensveränderungen gekannten) Arzneien den dem Krankheitsfall ähnlichsten, künstlichen Krankheitszustand zu erzeugen Kraft und Neigung hat.
§ 25
Nun lehrt aber das einzige und untrügliche Orakel der Heilkunst, die reine Erfahrung, *
* Ich meine nicht eine solche Erfahrung, deren unsere gewöhnlichen Praktiker alter Schule sich rühmen, nachdem sie jahrelang mit einem Haufen vielfach zusammengesetzter Rezepte gegen eine Menge Krankheiten gewirtschaftet haben, die sie nie genau untersuchten, sondern sie schulmäßig für schon in der Pathologie benannte hielten, in ihnen einen (eingebildeten) Krankheitsstoff zu erblicken wähnten, oder eine andere hypothetische, innere Abnormität ihnen andichteten. Da sahen sie immer etwas, wussten aber nicht, was sie sahen, und sie erfuhren Erfolge, die nur ein Gott und kein Mensch aus den vielfachen, auf den unbekannten Gegenstand einwirkenden Kräften hätte enträtseln können, Erfolge, aus denen nichts zu lernen, nichts zu erfahren ist. Eine 50-jährige Erfahrung dieser Art ist einem 50 Jahre langen Schauen in ein Kaleidoskop gleich, was, mit bunten, unbekannten Dingen angefüllt, in steter Umdrehung sich bewegt; tausenderlei sich immerdar verwandelnde Gestalten und keine Rechenschaft dafür!in allen sorgfältigen Versuchen, dass wirklich diejenige Arznei, welche in ihrer Einwirkung auf gesunde menschliche Körper die meisten Symptome in Ähnlichkeit erzeugen zu können bewiesen hat, welche an dem zu heilenden Krankheitsfall zu finden sind, in gehörig potenzierten und verkleinerten Gaben auch die Gesamtheit der Symptome dieses Krankheitszustandes, des ist (siehe § 6 bis 16), die ganze gegenwärtige Krankheit schnell, gründlich und dauerhaft aufhebe und in Gesundheit verwandle, und dass alle Arzneien die ihnen an ähnlichen Symptomen möglichst nahe kommenden Krankheiten ohne Ausnahme heilen und keine derselben ungeheilt lassen.
§ 26
Dies beruht auf jenem zwar nicht ungeahnten, aber bisher nicht anerkannten, aller wahren Heilung von jeher zum Grunde liegenden homöopathischen Naturgesetz:
Eine schwächere dynamische Affektion wird im lebenden Organismus von einer stärkeren dauerhaft ausgelöscht, wenn diese (der Art nach von ihr abweichend) jener sehr ähnlich in ihrer Äußerung ist. *
* So werden auch physische Affektionen und moralische Übel geheilt. – Wie kann in der Frühdämmerung der hell leuchtende Jupiter vom Sehnerven des ihn Betrachtenden verschwinden? Durch eine stärkere, sehr ähnlich auf den Sehnerven einwirkende Potenz, die Helle des anbrechenden Tages! – Womit pflegt man in von üblen Gerüchen angefüllten Örtern die beleidigten Nasennerven wirksam zufriedenzustellen? Durch Schnupftabak, der den Geruchssinn ähnlich, aber stärker ergreift! Keine Musik, kein Zuckerbrot, die auf die Nerven anderer Sinne Bezug haben, würde diesen Geruchsekel heilen. – Wie schlau wusste der Krieger das Gewinsel des Spitzruten-Läufers aus den mitleidigen Ohren der Umstehenden zu verdrängen? Durch die quiekende, feine Pfeife mit der lärmenden Trommel gepaart! Und den in seinem Heer Furcht erregenden, fernen Donner der feindlichen Kanonen? Durch das tief erbebende Brummen der großen Trommel! Für beides würde weder die Austeilung eines glänzenden Montierungsstücks, noch irgendein dem Regiment erteilter Verweis geholfen haben. – So wird auch Trauer und Gram durch einen neuen, stärkeren, jemand anderem begegneten Trauerfall, gesetzt, er sei auch nur erdichtet, im Gemüt ausgelöscht. Der Nachteil von einer allzu lebhaften Freude wird durch den Überfreudigkeit erzeugenden Kaffeetrank gehoben. – Völker, wie die Deutschen, Jahrhunderte hindurch allmählich mehr und mehr in willenlose Apathie und unterwürfigen Sklavensinn herabgesunken, mussten erst von dem Eroberer aus Westen noch tiefer in den Staub getreten werden, bis zum Unerträglichen, und hierdurch erst ward ihre Selbst-Nichtachtung überstimmt und aufgehoben, es ward ihnen ihre Menschenwürde wieder fühlbar, und sie erhoben ihr Haupt zum ersten Mal wieder als deutsche Männer.§ 27
Das Heilvermögen der Arzneien beruht daher (§ 12 bis 26) auf ihren der Krankheit ähnlichen und dieselben an Kraft überwiegenden Symptomen, so dass jeder einzelne Krankheitsfall nur durch eine, die Gesamtheit seiner Symptome am ähnlichsten und vollständigsten (im menschlichen Befinden) selbst zu erzeugen fähigen Arznei, welche zugleich die Krankheit an Stärke übertrifft, am gewissesten, gründlichsten, schnellsten und dauerhaftesten vernichtet und aufgehoben wird.
§ 28
Da dieses Naturheilgesetz sich in allen reinen Versuchen und allen echten Erfahrungen der Welt beurkundet, die Tatsache also besteht, so kommt auf die scientifische Erklärung, wie dies zugehe, wenig an; und ich setze wenig Wert darauf, dergleichen zu versuchen. Doch bewährt sich folgende Ansicht als die wahrscheinlichste, da sie sich auf lauter Erfahrungs-Prämissen gründet.
§ 29
Indem jede (nicht der Chirurgie einzig anheim fallende) Krankheit nur auf einer besonderen, krankhaften Verstimmtheit unserer Lebenskraft in Gefühlen und Tätigkeiten beruht, so wird bei homöopathischer Heilung der von natürlicher Krankheit verstimmten Lebenskraft durch Eingabe einer genau nach Symptomenähnlichkeit gewählten Arzneipotenz eine etwas stärkere, ähnliche, künstliche Krankheitsaffektion beigebracht und so gleichsam an die Stelle der schwächeren, ähnlichen, natürlichen Krankheitserregung untergeschoben, gegen welche dann die instinktartige Lebenskraft, nun bloß noch (aber stärker) arzneikrank, eine erhöhte Energie zu richten gezwungen ist, aber wegen kurzer Wirkungsdauer *
* Die kurze Wirkungsdauer der künstlich krankmachenden Potenzen, die wir Arzneien nennen, macht es möglich, dass, ob sie gleich stärker als die natürlichen Krankheiten sind, doch von der Lebenskraft weit leichter überwunden werden, als die schwächeren natürlichen Krankheiten, die bloß wegen ihrer längeren, meist lebenswierigen Wirkungsdauer (Psora, Syphilis, Sykosis) nie von ihr allein besiegt und ausgelöscht werden können, bis der Heilkünstler die Lebenskraft stärker affiziert mit einer sehr ähnlich krankmachenden, aber stärkeren Potenz (homöopathischer Arznei), welche, nach dem Eingeben (oder Riechen derselben), der bewusstlosen, instinktartigen Lebenskraft gleichsam aufgedrungen und ihr an die Stelle der bisherigen natürlichen Krankheitsaffektion untergeschoben wird, wovon sie dann bloß noch arzneikrank bleibt, doch nur kurze Zeit, weil die Wirkung der Arznei (die Verlaufszeit der von ihr erregten Arzneikrankheit) nicht lange anhält. Die vieljährigen Krankheiten, welche (nach § 46) von den ausgebrochenen Menschenpocken und Masern (die auch beide nur eine Verlaufszeit von etlichen Wochen haben) geheilt wurden, sind ähnliche Vorgänge.der sie nun krankhaft affizierenden Arzneipotenz diese bald überwindet und, so wie zuerst von der natürlichen, so auch nun zuletzt von der an ihre Stelle getretenen, künstlichen (Arznei-) Krankheits-Affektion frei und daher fähig wird, das Leben des Organismus wieder in Gesundheit fortzuführen. -
Dieser höchst wahrscheinliche Vorgang beruht auf folgenden Sätzen.
§ 30
Der menschliche Körper scheint sich in seinem Befinden durch Arzneien (auch deshalb, weil die Einrichtung der Gabe derselben in unserer Macht steht) wirksamer umstimmen zu lassen, als durch natürliche Krankheitsreize – denn natürliche Krankheiten werden durch angemessene Arznei geheilt und überwunden.
§ 31
Auch besitzen die feindlichen, teils psychischen, teils physischen Potenzen im Erdenleben, welche man krankhafte Schädlichkeiten nennt, nicht unbedingt die Kraft, das menschliche Befinden krankhaft zu stimmen; *
* Wenn ich Krankheit eine Stimmung oder Verstimmung des menschlichen Befindens nenne, so bin ich weit entfernt, dadurch einen hyperphysischen Aufschluss über die innere Natur der Krankheiten überhaupt oder eines einzelnen Krankheitsfalles insbesondere geben zu wollen. Es soll mit diesem Ausdruck nur angedeutet werden, was die Krankheiten erwiesenermaßen nicht sind, und nicht sein können, nicht mechanische oder chemische Veränderungen der materiellen Körpersubstanz und nicht von einem materiellen Krankheitsstoff abhängig – sondern bloß geistige, dynamische Verstimmungen des Lebens.sondern wir erkranken durch sie nur dann, wenn unser Organismus so eben dazu disponiert und aufgelegt genug ist, von der gegenwärtigen Krankheitsursache angegriffen und in seinem Befinden verändert, verstimmt und in innormale Gefühle und Tätigkeiten versetzt zu werden – sie machen daher nicht Jeden und nicht zu jeder Zeit krank.
§ 32
Ganz anders verhält es sich aber mit den künstlichen Krankheitspotenzen, die wir Arzneien nennen. Jede wahre Arznei wirkt nämlich zu jeder Zeit, unter allen Umständen auf jeden lebenden Menschen und erregt in ihm die ihr eigentümlichen Symptome (selbst deutlich in die Sinne fallend, wenn die Gabe groß genug war), so dass offenbar jeder lebende menschliche Organismus jederzeit und durchaus (unbedingt) von der Arzneikrankheit behaftet und gleichsam angesteckt werden muss, welches, wie gesagt, mit den natürlichen Krankheiten gar nicht der Fall ist.
§ 33
Aus allen Erfahrungen *
* Ein auffallende dieser Art ist: dass, als vor dem Jahre 1801 noch das glatte, Sydenhamische Scharlachfieber unter den Kindern von Zeit zu Zeit epidemisch herrschte, und alle Kinder stets, ohne Ausnahme, befiel, die es in einer vorigen Epidemie noch nicht überstanden hatten, alle Kinder dagegen in einer solchen, die ich in Königslutter erlebte, wenn sie zeitig genug eine sehr kleine Gabe Belladonne eingenommen, frei von dieser höchst ansteckenden Kinderkrankheit blieben. Wenn Arzneien vor Ansteckung von einer grassierenden Krankheit schützen können, so müssen sie eine überwiegende Macht besitzen, unsere Lebenskraft umzustimmen.geht demnach unleugbar hervor, dass der lebende menschliche Organismus bei weitem aufgelegter und geneigter ist, sich von den arzneilichen Kräften erregen und sein Befinden umstimmen zu lassen, als von krankhaften Schädlichkeiten und Ansteckungsmiasmen, oder, was dasselbe sagt, dass die krankhaften Schädlichkeiten eine untergeordnete und bedingte, oft sehr bedingte, die Arzneikräfte aber eine absolute, unbedingte, jene weit überwiegende Macht besitzen, das menschliche Befinden krankhaft umzustimmen.
§ 34
Die größere Stärke der durch Arzneien zu bewirkenden Kunstkrankheiten ist jedoch nicht die einzige Bedingung ihres Vermögens, die natürlichen Krankheiten zu heilen. Es wird eben vor Allem zur Heilung erfordert, dass sie eine der zu heilenden Krankheit möglichst ähnliche Kunstkrankheit im menschlichen Körper zu erzeugen fähig seien, um durch diese, mit etwas größerer Stärke gepaarte Ähnlichkeit sich an die Stelle der natürlichen Krankheitsaffektion zu setzen und ihr auf diese Art alle Einwirkung auf die Lebenskraft zu rauben. Dies ist so wahr, dass sogar keine ältere Krankheit durch eine neue hinzutretende unähnliche Krankheit, sei diese auch noch so stark, von der Natur selbst nicht geheilt werden kann, und ebenso wenig durch ärztliche Kuren mit Arzneien, welche keinen ähnlichen Krankheitszustand im gesunden Körper zu erzeugen vermögend sind.
§ 35
Dies zu erläutern, werden wir in drei verschiedenen Fällen, sowohl den Vorgang in der Natur bei zweien im Menschen zusammentreffenden natürlichen, einander unähnlichen Krankheiten, als auch den Erfolg von der gemeinen ärztlichen Behandlung der Krankheiten mit allöopathischen, unpassenden Arzneien betrachten, welche keinen, der zu heilenden Krankheit ähnlichen, künstlichen Krankheitszustand hervorzubringen fähig sind, woraus erhellen wird, dass selbst die Natur nicht vermögend ist, durch eine unhomöopathische, selbst stärkere Krankheit eine schon vorhandene unähnliche aufzuheben, so wenig unhomöopathische Anwendung auch noch so starker Arzneien irgend eine Krankheit zu heilen jemals im Stande ist.
§ 36
I. entweder sind beide, sich unähnliche, im Menschen zusammentreffende Krankheiten von gleicher Stärke, oder ist vielmehr die ältere stärker, so wird die neue durch die alte vom Körper abgehalten und nicht zugelassen. Ein schon an einer schweren chronischen Krankheit Leidender wird von einer Herbstruhr oder einer anderen Seuche nicht angesteckt. – Die levantische Pest kommt, nach Larrey, *
* Mémoires et observations, in der Description de l’Egypte, Tom. I.nicht dahin, wo der Scharbock herrscht, und an Flechten leidende Personen werden von ihr nicht angesteckt. Rhachitis lässt, nach Jenner, die Schutzpockenimpfung nicht haften. Geschwürig Lungensüchtige werden von nicht allzu heftigen epidemischen Fiebern nicht angesteckt, nach von Hildenbrand.
§ 37
Und so bleibt bei einer gewöhnlichen ärztlichen Kur ein altes chronisches Übel ungeheilt und wie es war, wenn es nach gemeiner Kurart allöopathisch, das ist, mit Arzneien, die keinen der Krankheit ähnlichen Befindenszustand für sich in gesunden Menschen erzeugen können, nicht heftig behandelt wird, selbst wenn die Kur jahrelang dauerte. Dies sieht man in der Praxis täglich und es bedarf keiner bestätigenden Beispiele.
§ 38
II. Oder die neue unähnliche Krankheit ist stärker.
Hier wird die, woran der Kranke bisher litt, als die schwächere, von der stärkeren hinzu tretenden Krankheit solange aufgeschoben und suspendiert, bis die neue wieder verflossen oder geheilt ist, dann kommt die alte ungeheilt wieder hervor. Zwei mit einer Art Fallsucht behaftete Kinder blieben nach Ansteckung mit dem Grindkopf (tinea) von epileptischen Anfällen frei; sobald aber der Kopfausschlag wieder verging, war die Fallsucht ebenso wieder da, wie zuvor, nach Tulpius *
Beobachtung. Die Krätze, wie Schöpf *
* In Hufelands Journal, XV. II.sah, verschwand, als der Scharbock eintrat, kam aber nach Heilung des Scharbocks wieder zum Vorschein. So stand die geschwürige Lungensucht still, wie der Kranke von einem heftigen Typhus ergriffen wurde, ging aber nach dessen Verlauf wieder ihren Gang fort. *
* Chevalier in Hufelands neuesten Annalen der französischen Heilkunde. II. S. 192.- Tritt eine Manie zur Lungensucht, so wird diese mit allen ihren Symptomen von ersterer hinweggenommen; vergeht aber der Wahnsinn, so kehrt die Lungensucht gleich zurück und tötet. *
* Mania phthisi superveniens eam cum omnibus suis phaenomenis auffert, verum mox redit phthisis et occidit, abeunde mania. Reil, Memorab. Fasc. III. v. S. 171- Wenn die Masern und Menschenpocken zugleich herrschen und beide dasselbe Kind angesteckt haben, so werden gewöhnlich die ausgebrochenen Masern von den etwas später hervor brechenden Menschenpocken in ihrem Verlauf aufgehalten, denn sie nicht eher wieder fortsetzen, bis die Kindblattern abgeheilt sind; doch wurden nicht selten auch die nach der Einimpfung ausgebrochenen Menschenpocken von den indes hervor kommenden Masern vier Tage lang suspendiert, wie Manget *
* In Edinb. med. Comment. Th. I.I.bemerkte, nach deren Abschuppung die Pocken dann ihren Lauf bis zu Ende fortsetzen. Auch wenn der Impfstich von Menschenpocken schon sechs Tage gehaftet hatte, und die Masern nun ausbrachen, stand die Impf-Entzündung still, und die Pocken brachen nicht eher aus, bis die Masern ihren siebentägigen Verlauf vollendet hatten. *
* John Hunter, über die vener. Krankheiten. S. 5Den vierten oder fünften Tag nach eingeimpften Menschenpocken brachen bei einer Masern-Epidemie bei Vielen Masern aus, und verhinderten den Pockenausbruch, bis sie selbst vollkommen verlaufen waren, dann kamen erst die Pocken und verliefen gut. *
* Rainay in med. Comment. of Edinb. III. S. 480Das wahre, glatte, rotlaufartige, Sydenhamische *
* Auch von Withering und Plenciz sehr richtig beschrieben, vom Purpurfriesel aber (oder dem Roodvonk), was man fälschlich auch Scharlachfieber zu nennen beliebte, höchst verschieden. Nur in den letzteren Jahren haben sich beide, ursprünglich sehr verschiedene Krankheiten einander in ihren Symptomen genähert.Scharlachfieber mit Bräune wurde am vierten Tag durch den Ausbruch der Kuhpocke gehemmt, welche völlig bis zu Ende verlief, nach deren Endigung dann erst das Scharlachfieber sich wieder einstellte; so wurde aber auch, da beide von gleicher Stärke zu sein scheinen, die Kuhpocke am achten Tage von dem ausbrechenden wahren, glatten, Sydenhamischen Scharlachfieber suspendiert, und der rote Hof jener verschwand, bis der Scharlachfieber vorüber war, worauf die Kuhpocke sogleich ihren Weg bis zu Ende fortsetzte. *
* Jenner in Medizinische Annalen, 1800. August. S. 747Die Masern suspendierten die Kuhpocke: am achten Tage, da die Kuhpocken ihrer Vollkommenheit nahe waren, brachen die Masern aus, die Kuhpocken standen nun still, und erst da die Masern sich abschuppten, gingen die Kuhpocken wieder ihren Gang bis zur Vollendung, so dass sie den 16. Tag aussahen, wie sonst am 10., wie Korum beobachtete. *
* In Hufelands Journal der practischen Arzneikunde. XX. III. S. 50Auch bei schon ausgebrochenen Masern schlug die Kuhpockenimpfung noch an, machte aber ihren Verlauf erst, da die Masern vorbei waren, wie ebenfalls Kortum bezeugt. *
* A. a. O.Ich selbst sah einen Bauerwezel (angina parotidea, Mumps, Ziegenpeter, Tölpel) sogleich verschwinden, als die Schutzpockenimpfung gehaftet hatte und sich ihrer Vollkommenheit näherte; erst nach völligem Verlauf der Kuhpocke und der Verschwindung ihres roten Hofes trat diese fieberhafte Ohr- und Unterkiefer-Drüsengeschwulst von eigenen Miasma (der Bauerwezel) wieder hervor und durchging ihre siebentägige Verlaufszeit.
Und so suspendieren sich alle einander unähnliche Krankheiten, die stärkere die schwächere (wo sie sich nicht, wie bei akuten selten geschieht, komplizieren), heilen einander aber nie.
§ 39
Dies sah nun die gewöhnliche Arzneischule so viele Jahrhunderte mit an; sah, dass die Natur selbst nicht einmal irgend eine Krankheit durch Hinzutritt einer anderen, auch noch so starken, heilen kann, wenn die hinzutretende der schon im Körper wohnenden unähnlich ist. Was soll man von ihr denken, dass sie dennoch fortfuhr, die chronischen Krankheiten mit allöopathischen Kuren zu behandeln, nämlich mit Arzneien und Rezepten, die, Gott weiß, welchen? doch fast stets einen dem zu heilenden Übel nur unähnlichen Krankheitszustand selbst zu erzeugen vermögend waren? Und wenn die Ärzte bisher die Natur auch nicht genau beobachteten, so hätten sie doch aus den elenden Folgen ihres Verfahrens inne werden sollen, dass sie auf zweckwidrigem, falschem Weg waren. Sahen Sie denn nicht, wenn sie, wie allgewöhnlich, gegen eine langwierige Krankheit eine (wie allgewöhnlich) angreifende, allöopathische Kur brauchten, dass sie damit nur eine der ursprünglichen unähnliche Kunstkrankheit erschufen, welche nur solange sie unterhalten wurde, das ursprüngliche Übel zum Schweigen brachte, bloß unterdrückte und bloß suspendierte, was jedoch alle Mal wieder zum Vorschein kam und kommen musste, sobald die Kraftabnahme des Kranken nicht mehr gestattete, die allöopathischen Angriffe auf das Leben fortzusetzen? So verschwindet freilich durch oft wiederholte, heftige Purganzen der Krätze-Ausschlag gar bald von der Haut, aber wenn der Kranke die erzwungene (unähnliche) Darmkrankheit nicht mehr aushalten und die Purganzen nicht mehr einnehmen kann, dann blüht entweder der Hautausschlag, nach wie vor, wieder auf, oder die innere Psora entwickelt sich zu irgend einem bösen Symptom, da dann der Kranke, außer seiner unverminderten, ursprünglichen Übel, noch eine schmerzhafte, zerrüttete Verdauung und Kräfteverlust, zur Zugabe, zu erdulden hat. So, wenn die gewöhnlichen Ärzte künstliche Hautgeschwüre und Fontanelle äußerlich am Körper unterhalten, um dadurch eine chronische Krankheit zu tilgen, so können sie zwar nie damit ihre Absicht erreichen, können dieselbe nie damit heilen, da solche künstliche Hautgeschwüre dem inneren Leiden ganz fremd und allöopathisch sind; aber indem der durch mehrere Fontanelle erregte Reiz ein, wenigstens zuweilen, stärkeres (unähnliches) Übel ist, als die inwohnende Krankheit, so wird diese dadurch zuweilen auf ein paar Wochen zum Schweigen gebracht und suspendiert. Aber auch nur suspendiert auf sehr kurze Zeit, und zwar unter allmählicher Abmergelung des Kranken. Viele Jahre hindurch von Fontanellen unterdrückte Fallsucht kam stets und schlimmer wieder zum Vorschein, sobald man sie zuheilen ließ, wie Pechlin *
* Obs. phys. med. lib. 2. obs. 30und Andere bezeugen. Purganzen können aber für die Krätze, und Fontanelle für eine Fallsucht nicht fremdartigere, nicht unähnlichere Umstimmungspotenzen, nicht allöopathischere, angreifendere Kurmittel sein, als die allgewöhnlich, aus ungekannten Ingredienzien gemischten Rezepte für die übrigen namenlosen, unzählbaren Krankheitsformen in der bisherigen Praxis. Auch diese schwächen bloß, und unterdrücken und suspendieren die Übel nur auf kurze Zeit, ohne sie heilen zu können, und fügen dann immer durch langwierigen Gebrauch einen neuen Krankheitszustand zu dem alten Übel hinzu.
§ 40
III. Oder die neue Krankheit tritt, nach langer Einwirkung auf den Organismus, endlich zu der alten ihr unähnlichen, und bildet mit ihr eine komplizierte Krankheit, so dass jede von ihnen eine eigene Gegend im Organismus, das ist die besonders angemessenen Organe und gleichsam nur den für sie eigentümlich gehörigen Platz einnimmt, den übrigen aber der anderen, ihr unähnlichen überlässt.
So kann ein Venerischer auch noch krätzig werden, und umgekehrt. Als zwei sich unähnliche Krankheiten können sie einander nicht aufheben, nicht heilen. Anfangs schweigen die venerischen Symptome, während der Krätze-Ausschlag anfängt zu erscheinen, und werden suspendiert; mit der Zeit aber (da die venerische Krankheit wenigstens ebenso stark, als die Krätze ist) gesellen sich beide zueinander *
das ist, jede nimmt bloß die für sie geeigneten Teile des Organismus ein, und der Kranke ist dadurch kranker geworden und schwieriger zu heilen.
Beim Zusammentreffen einander unähnlicher akuter Ansteckungskrankheiten, zum Beispiel der Menschenpocken und Masern, suspendiert gewöhnlich, wie vorhin angeführt worden, eine die andere; doch gab es auch heftige Epidemien dieser Art, wo sich in seltenen Fällen zwei sich unähnliche akute Krankheiten dieser Art in einem und demselben Körper einfanden und sich so gleichsam auf kurze Zeit komplizierten. In einer Epidemie, wo Menschenpocken und Masern zugleich herrschten, gab es unter 300 Fällen, (wo sich diese Krankheiten einander mieden oder suspendierten, und wo die Masern erst 20 Tage nach dem Pockenausbruch, die Pocken aber 17, 18 Tage nach dem Masernausbruch den Menschen befielen, so dass die erstere Krankheit vorher erst völlig verlaufen war) dennoch einen einzigen Fall, wo P. Russel *
beide unähnliche Krankheiten zugleich an derselben Person antraf. Rainay *
* In den med. Commentarien von Edinb. III. S. 480sah bei zwei Mädchen Menschenpocken und Masern zusammen. J. Maurice *
* In Med. and phys. Journ. 1805will in seiner ganzen Praxis nur zwei solche Fälle beobachtet haben. Dergleichen findet man auch bei Ettmüller *
* Opera, II. P.I. Cap. 10und noch einigen wenigen Anderen. -
Kuhpocken sah Zencker *
ihren regelmäßigen Verlauf neben Masern und neben Purpurfriesel behalten.
Kuhpocken gingen bei einer Mercurial-Kur gegen Lustseuche ihren Weg ungestört, wie Jenner sah.
§ 41
Ungleich häufiger, als die natürlichen sich zu einander in demselben Körper gesellenden und sich so komplizierenden, Krankheiten, sind die durch gewöhnliche Arztes-Kunst entstehenden Krankheitskomplikationen, welche das zweckwidrige, ärztliche Verfahren (die allöopathische Kurart) durch langwierigen Gebrauch unangemessener Arzneien zu Wege zu bringen pflegt.
Zu der natürlichen Krankheit, die geheilt werden sollte, gesellen sich dann durch anhaltende Wiederholung des unpassenden Arzneimittels die nach der Natur seiner eigentümlichen Kräfte zu erwartenden neuen, oft sehr langwierigen Krankheitszustände, welche mit dem ihnen unähnlichen chronischen Übel (was sie nicht durch Ähnlichkeitswirkung, das ist, nicht homöopathisch heilen konnten) sich allmählich zusammen paaren und komplizieren, zu der alten eine neue, unähnliche, künstliche Krankheit chronischer Art hinzusetzen, und so den bisher einfach Kranken doppelt krank, das heißt, um vieles kränker und unheilbarer, oft ganz unheilbar machen.
Mehrere in ärztlichen Journalen zu Konsultation aufgestellte Krankheitsfälle, so wie andere in medizinischen Schriften erzählte Krankengeschichten geben Belege hierzu. Von gleicher Art sind die häufigen Fälle, wo die venerische Schankerkrankheit, vorzüglich mit Krätzekrankheit, auch wohl mit dem Siechtum des Feigwarzentrippers kompliziert, unter langwieriger, oder oft wiederholter Behandlung mit großen Gaben unpassender Quecksilberpräparate nicht heilt, sondern neben dem indes allmählich erzeugten chronischen Quecksilber-Siechtum *
* Denn Quecksilber hat außer den Krankheitssymptomen, welche, als das Ähnliche, die venerische Krankheit homöopathisch heilen können, noch viele andere der Lustseuche unähnliche, in seiner Wirkungsart, welche bei Anwendung großer Gaben, vorzüglich in der so häufigen Komplikation mit Psora, neue Übel und große Zerstörung im Körper anrichten.im Organismus Platz nimmt, und so mit ihm ein oft grausames Ungeheuer von komplizierter Krankheit bildet (unter dem allgemeinen Namen: verlarvte venerische Krankheit), die nun, wo nicht ganz unheilbar, doch nur mit größter Schwierigkeit wieder in Gesundheit herzustellen ist.
§ 42
Die Natur selbst erlaubt, wie gesagt, in einigen Fällen den Zusammentritt zweier (ja dreier) natürlicher Krankheiten in einem und demselben Körper.
Diese Komplizierung eignet sich aber, wie man wohl zu bemerken hat, nur bei sich unähnlichen Krankheiten, die nach ewigen Naturgesetzen einander nicht aufheben, einander nicht vernichten und nicht heilen können, und zwar so, wie es scheint, dass sich beide (oder die drei), sozusagen, in den Organismus teilen und jede die für sie eigentümlich gehörigen Teile und Systeme einnimmt, wie, wegen Unähnlichkeit dieser Übel gegeneinander, auch geschehen kann, der Einheit des Lebens unbeschadet.
§ 43
Aber ganz anders ist der Erfolg, wenn zwei ähnliche Krankheiten im Organismus zusammentreffen, das ist wenn zu der schon vorhandenen Krankheit eine stärkere, ähnliche hinzutritt. Hier zeigt sich, wie im Lauf der Natur Heilung erfolgen kann, und wie von Menschen geheilt werden sollte.
§ 44
Zwei so sich einander ähnliche Krankheiten können sich weder (wie von den unähnlichen in I. gesagt ist) einander abhalten, noch (wie bei der Bedingung II. von den unähnlichen gezeigt wurde) einander suspendieren, so dass die alte nach Verlauf der neuen wiederkäme, und ebenso wenig können die beiden ähnlichen (wie bei III. von den unähnlichen gezeigt worden) in demselben Organismus nebeneinander bestehen, oder eine doppelte komplizierte Krankheit bilden.
§ 45
Nein! stets und in jedem Fall vernichten sich zwei, der Art nach *
* Man sehe oben § 26 die Anmerkung.zwar verschiedene, ihren Äußerungen und Wirkungen aber und den durch jede von ihnen verursachten Leiden und Symptomen nach sehr ähnliche Krankheiten, sobald sie im Organismus zusammentreffen, nämlich die stärkere Krankheit die schwächere, und zwar aus der nicht schwer zu erratenden Ursache, weil die stärkere hinzukommende Krankheitspotenz, ihrer Wirkungsähnlichkeit wegen, dieselben Teile im Organismus, und zwar vorzugsweise in Anspruch nimmt, die von dem schwächeren Krankheitsreiz bisher affiziert waren, welcher folglich nun nicht mehr einwirken kann, sondern erlischt; *
* Wie von dem stärkeren, in unsere Augen fallenden Sonnenstrahl das Bild einer Lampenflamme im Sehnerven schnell überstimmt und verwischt wird.oder (mit anderen Worten) weil, sobald die durch die bisherige Krankheitspotenz verstimmte Lebenskraft von der neuen sehr ähnlichen, aber stärkeren, dynamischen Krankheitspotenz stärker ergriffen wird, sie daher von letzterer nun allein affiziert bleibt, wodurch die vorgängige, ähnliche, aber schwächere, als bloß dynamische Kraft, ohne Materie, ferner auf die Lebenskraft krankhaft einzuwirken, folglich zu existieren aufhören muss.
§ 46
Es würden sich sehr viele Beispiele von Krankheiten anführen lassen, die im Laufe der Natur durch Krankheiten von ähnlichen Symptomen homöopathisch geheilt wurden, wenn wir uns nicht einzig an jene (wenigen) sich stets gleich bleibenden, aus einem feststehenden Miasma entspringenden und daher eines bestimmten Namens werten Krankheiten halten müssten, um von etwas Bestimmtem und Unzweifelhaftem reden zu können.
Unter diesen ragt die wegen der großen Zahl ihrer heftigen Symptome so berüchtigte Menschenpocken-Krankheit hervor, welche schon zahlreiche Übel mit ähnlichen Symptomen aufgehoben und geheilt hat.
Wie allgemein sind nicht die heftigen, bis zur Erblindung steigenden Augenentzündungen bei der Menschenpocke, und siehe! sie heilte, eingeimpft, eine langwierige Augenentzündung vollständig bei Dezoteux *
* Traité de l’inoculation, S. 189und eine andere bei Leroy *
* Heilkunde für Mütter, S. 384auf immer.
Eine von unterdrücktem Kopfgrind entstandene, zwei-jährige Blindheit wich ihr nach Klein *
* Interpres clinicus, S. 293gänzlich.
Wie oft erzeugte die Menschenblatter-Krankheit nicht Taubhörigkeit und Schweratmigkeit! Und beide langwierige Übel hob sie, als sie zu ihrer größten Höhe gestiegen war, wie J. Fr. Closs *
* Neue Heilart der Kinderpocken, Ulm 1769 S. 68 und specim. Obs. No. 18beobachtete.
Hodengeschwulst, auch sehr heftige, ist ein häufiges Symptom der Menschenpocke, und deshalb konnte sie durch Ähnlichkeit eine von Quetschung entstandene große, harte Geschwulst des linken Hodens heilen, wie Klein *
* Ebendaselbstbeobachtete. Und eine ähnliche Hodengeschwulst wurde von ihr unter den Augen eines anderen Beobachters *
* Nov. Act. Nat. Cur. Vol. I Obs. 22geheilt.
So gehört auch unter die beschwerlichen Zufälle der Menschenpocke ein ruhrartiger Stuhlgang, und sie besiegte daher als ähnliche Krankheitspotenz eine Ruhr nach Fr. Wendt´s *
* Nachricht von dem Krankeninstitut zu Erlangen, 1783Beobachtung.
Die zu Kuhpocken kommende Menschenpocken-Krankheit hebt, wie bekannt, eben sowohl ihrer größeren Stärke, als ihrer großen Ähnlichkeit wegen, erstere sogleich gänzlich, homöopathisch, auf und lässt sie nicht zur Vollendung kommen; doch wird hinwiederum durch die ihrer Reife schon nahe gekommene Kuhpocke, ihrer großen Ähnlichkeit wegen, die darauf ausbrechende Menschenpocke homöopathisch wenigstens um vieles gemindert und gutartiger gemacht, wie Mühry *
* Bei Robert Willan, über die Kuhpockenimpfung.und viele Andere bezeugen.
Die eingeimpfte Kuhpocke, deren Lymphe, außer Schutzpockenstoff, auch noch einen Zunder zu einem allgemeinen Hautausschlag anderer Natur von (selten größeren, eiternden) gewöhnlich kleinen, trockenen, auf roten Fleckchen sitzenden, spitzen Blüten (pimples), oft mit untermischten, roten, runden Hautfleckchen enthält, nicht selten mit dem heftigsten Jucken begleitet, welcher Ausschlag bei nicht wenigen Kindern auch wirklich mehrere Tage vor, öfter jedoch nach dem roten Hof der Kuhpocke erscheint, und, mit Hinterlassung kleiner, roter, harter Hautfleckchen, in ein paar Tagen vergeht; die geimpfte Kuhpocke, sage ich, heilt durch Ähnlichkeit dieses Neben-Miasmas ähnliche, oft sehr alte und beschwerliche Hautausschläge der Kinder, nachdem die Kuhpockenimpfung bei ihnen gehaftet hat, vollkommen und dauerhaft nach Homöopathie, wie eine Menge Beobachter *
* Vorzüglich Clavier, Hurel und Desormeaux, im Bulletin des sc. médicales, publié par les membres du comité central de la soc. de médecine du département de l’Eure, 1808. So auch im Journal de Médecine continué, Vol. XV S. 206bezeugen.
Die Kuhpocken, deren eigentümliches Symptom es ist, Armgeschwulst *
* Balhorn, in Hufelands Journal X IIzu verursachen, heilten nach ihrem Ausbruch, einen geschwollenen, halb gelähmten Arm. *
* Stevenson in Duncans Annals of medicine, Lustr. II Vol. I Abth. 2 No. 9Das Fieber bei der Kuhpocke, welches sich zur Zeit der Entstehung des roten Hofes einfindet, heilte homöopathisch ein Wechselfieber bei zwei Personen, wie Hardege der jüngere *
* In Hufelands Journ. der pr. Arzneik. XXIIIberichtet, zur Bestätigung dessen, was schon J. Hunter *
* Über die vener. Krankheit. S. 4bemerkt hatte, dass nicht zwei Fieber (ähnliche Krankheiten) in einem Körper zugleich bestehen können. – *
* Die an dieser Stelle in den vorvorigen Ausgaben des Organons beigebrachten Beispiele von langwierigen, durch Krätze geheilten Siechtumen können, zu Folge der Entdeckungen und Aufschlüsse, welche ich im ersten Teil meines Buchs von den chronischen Krankheiten gegeben habe, nur in gewisser Hinsicht als homöopathische Heilungen gelten.Diese da verschwindenden großen Siechtume (vieljährige, Erstickung drohende Engbrüstigkeiten und geschwürige Lungensuchten) waren ursprünglich schon psorischen Ursprungs, – weit gediehene, Leben bedrohende Symptome einer schon völlig aus dem Inneren entwickelten, alten Psora, welche durch den von einer neuen Ansteckung erfolgten Krätzausschlag (wie in solchem Falle stets geschieht) in die einfache Form primitiver Krätzkrankheit sich wieder verwandelte, wodurch die alten Siechtume und lebensgefährlichen Symptome verschwanden.
Eine solche Umwandlung in die primitive Form ist daher nur insofern eine homöopathische Heilung jener weit gediehenen Symptome alter, hochentwickelter Psora zu nennen, als die neue Ansteckung den Kranken in die ungleich günstigere Lage setzt, nun weit leichter von der ganzen Psora durch die antipsorischen Arzneien geheilt werden zu können.
In Fieber und in Hustenbeschaffenheit haben die Masern viel Ähnlichkeit mit dem Keuchhusten und deshalb sah Bosquillon, *
* Elemens de médec. prat. de M. Cullen traduits, P. II I 3 Ch. 7dass bei einer Epidemie, wo beide herrschten, viele Kinder, welche die Masern damals überstanden hatten, vom Keuchhusten in dieser Epidemie frei blieben. Sie würden alle und auch in der Folge, vom Keuchhusten frei und unansteckbar durch die Masern geworden sein, wenn der Keuchhusten nicht eine den Masern nur zum Teil ähnliche Krankheit wäre, das ist, wenn er auch einen ähnlichen Hautausschlag, wie die letzteren bei sich führte.
So aber konnten die Masern nur Viele, und nur in der gegenwärtigen Epidemie von Keuchhusten, homöopathisch frei erhalten.
Wenn aber die Masern eine im Ausschlag, ihrem Hauptsymptom, ähnliche Krankheit vor sich haben, da können Sie dieselbe ohne Widerrede aufheben und homöopathisch heilen. So wurde eine langwierige Flechte vom Ausbruch der Masern sogleich gänzlich und dauerhaft (homöopathisch) geheilt, *
* Oder wenigstens dies Symptom hinweg genommen.wie Kortum *
* In Hufelands Journal XX III S. 50beobachtete.
Ein äußerst brennender, sechsjähriger, frieselartiger Ausschlag im Gesicht, am Hals und an den Armen, von jedem Wetterwechsel erneuert, wurde von hinzukommenden Masern zu einer aufgeschwollenen Hautfläche; nach dem Verlauf der Masern war das Friesel geheilt und kam nicht wieder. *
* Rau, über d. Wert des homöop. Heilverfahrens, Heidelb. 1824 S. 85§ 47
Unmöglich kann es für den Arzt eine deutlichere und überzeugendere Belehrung, als diese, geben, welche Art von künstlicher Krankheitspotenz (Arznei) er zu wählen habe, um nach dem Vorgang in der Natur gewiss, schnell und dauerhaft zu heilen.
§ 48
Im Laufe der Natur kann, wie wir aus allen diesen Beispielen sehen, nie und in keinem Fall, und ebenso wenig mittels Arztes Kunst, ein vorhandenes Leiden und Übelsein von einer unähnlichen, auch noch so starken Krankheitspotenz aufgehoben und geheilt werden, wohl aber einzig von einer an Symptomen ähnlichen, etwas stärkeren, nach ewigen unwiderruflichen Naturgesetzen, welche bisher verkannt waren.
§ 49
Wir würden von dieser Art echter, homöopathischer Naturheilungen noch weit mehrere finden, wenn teils die Beobachter mehr Aufmerksamkeit auf sie gerichtet hätten, teils wenn es der Natur nicht an homöopathischen Hilfskrankheiten gebräche.
§ 50
Die große Natur selbst hat zu homöopathischen Heilwerkzeugen, wie wir sehen, fast nur die wenigen miasmatischen, festständigen Krankheiten zur Hilfe, (die Krätze), die Masern und die Menschenpocken, *
* Und den Hautausschlagszunder, der nebenbei in der Kuhpocken-Lymphe befindlich ist.Krankheitspotenzen, die *
* Nämlich die Menschenpocken und Masern.teils als Heilmittel lebensgefährlicher und schrecklicher, als das damit zu heilende Übel sind, teils solche (wie die Krätze), die nach vollführter Heilung selbst wieder Heilung bedürfen, um hinwiederum vertilgt zu werden; beides Umstände, die ihre Anwendung als homöopathische Mittel schwierig, unsicher und gefährlich machen.
Und wie wenig gibt es Krankheitszustände unter den Menschen, die an Pocken, Masern und Krätze ihr ähnliches Heilmittel finden!
Im Laufe der Natur können deshalb auch nur wenige Übel sich mit diesen bedenklichen und misslichen homöopathischen Heilmitteln heilen, und es erfolgt nur mit Gefahr und großer Beschwerde, auch deshalb, da die Gaben dieser Krankheitspotenzen sich nicht, wie wir es doch mit Arzneigaben können, nach den Umständen selbst verkleinern; sondern mit der ganzen gefährlichen und beschwerlichen Krankheit, mit der ganzen Menschenpocken-, Masern- (und Krätz-) Krankheit, wird die er mit einem alten, ähnlichen Übel Behaftete überzogen, um von letzterem zu genesen. Und dennoch haben wir von diesem glücklichen Zusammentreffen, wie man sie, schöne homöopathische Heilungen aufzuweisen, als eben so viele, unwiderlegliche Belege von dem in ihnen waltenden, großen, einzigen Naturheilgesetz: Heile durch Symptomen-Ähnlichkeit!
§ 51
Dem fähigen Geist des Menschen wird dieses Heilgesetz aus ihnen kund, und hierzu waren sie hinreichend.
Dagegen, siehe! welchen Vorzug hat der Mensch nicht vor der rohen Natur in ihren ungefähren Ereignissen!
Wie viele 1000 homöopathische Krankheitspotenzen mehr zur Hilfe für die leidenden Mitbrüder hat nicht der Mensch an den überall in der Schöpfung verbreiteten Arzneisubstanzen!
Krankheits-Erzeugerinnen hat er an ihnen von allen möglichen Wirkungs-Verschiedenheiten für alle die unzähligen, für alle nur erdenkliche und unerdenkliche natürliche Krankheiten, denen sie homöopathische Hilfe leisten können – Krankheitspotenzen (Arzneisubstanzen), deren Kraft nach vollendeter Heilanwendung, durch die Lebenskraft besiegt, von selbst verschwindet, ohne einer abermaligen Hilfe zur Wiedervertreibung, wie die Krätze, zu bedürfen – künstliche Krankheitspotenzen, die der Arzt bis an die Grenzen der Unendlichkeit verdünnen, zerteilen, potenzieren und in ihrer Gabe bis dahin vermindern kann, dass sie nur um ein Kleines stärker bleiben, als die damit zu heilende, ähnliche, natürliche Krankheit, so dass es bei dieser unübertrefflichen Heilart eines heftigen Angriffs auf den Organismus bedarf, um auch ein altes, hartnäckiges Übel auszurotten, ja dass diese Heilart nur einen sanften, unmerklichen, und doch oft geschwinden Übergang aus den quälenden, natürlichen Leiden in die erwünschte dauerhafte Gesundheit ziehen lässt.
§ 52
Unmöglich kann ein verständiger Arzt nach jenen sonnenklar einleuchtenden Beispielen noch in der gewöhnlichen, alten Medizin fortfahren, mit (allöopathischen) Arzneien, welche keinen direkten, pathischen (homöopathischen) Bezug auf die zu heilende Krankheit haben, den Körper, wie bisher geschah, in seinen am wenigsten kranken Teilen anzugreifen durch Ausleeren, Gegenreizen, Ableiten, usw. *
* M. s. oben in der Einleitung: Hinblick auf das bisherige Medizinieren, usw. und mein Buch: Die Allöopathie, ein Wort der Warnung für Kranke jeder Art, Leipz. b. Baumgärtner.und so mit Aufopferung der Kräfte einen, dem ursprünglichen ganz heterogenen und unähnlichen Krankheitszustand zum Verderben des Kranken herbeizuführen durch starke Gaben von Gemischen meist ungekannter Arzneien, deren Gebrauch dann keinen anderen Erfolg haben kann, als der sich nach ewigen Naturgesetzen in den oben erzählten und so in allen übrigen Fällen in der Welt zeigt, wo eine unähnliche Krankheit zu der anderen in den menschlichen Organismus gerät, nämlich, dass nie in Krankheiten eine Heilung dadurch, sondern stets eine Verschlimmerung dadurch erfolgt, – also keinen anderen Erfolg haben kann, als dass entweder (weil nach dem Vorgang in der Natur, bei I., die ältere Krankheit im Körper die hinzutretende unähnliche schwächere abweist) die natürliche Krankheit bei milder allöopathischer, selbst noch so lang dauernder Kur, unter Schwächung des Kranken, bleibt, wie sie war, oder (weil nach dem Vorgang in der Natur, bei II., die neue stärkere die schon vorhandene, schwächere, unähnliche nur auf kurze Zeit unkenntlich macht und suspendiert) dass durch heftigen Angriff auf den Körper mit starken, allöopathischen Arzneien das ursprüngliche Übel auf einige Zeit zu weichen scheint, um wenigstens in gleicher Stärke wiederzukommen, oder auch wohl (weil nach dem Vorgang in der Natur, bei III., zwei sich unähnliche Krankheiten, wenn beide langwieriger Art und gleichstark sind, nebeneinander im Organismus Platz nehmen und sich komplizieren) dass in solchem Fall, wenn die der natürlichen chronischen Krankheit vom Arzt entgegengesetzten, unähnlichen Krankheitspotenzen und allöopathischen Arzneien in heftigen Gaben und lange angewendet werden, solche allöopathischen Kuren, ohne jemals die ursprüngliche (unähnliche) chronische Krankheit aufheben und heilen zu können, nur noch neue Kunstkrankheiten daneben erzeugen und den Kranken, wie die tägliche Erfahrung lehrt, um vieles kränker machen und unheilbarer.
§ 53
Die wahren, sanften Heilungen geschehen, wie man sieht, bloß auf homöopathischem Weg, einem Weg, der, da wir ihn auch oben (§§ 7 bis 25) auf eine andere Weise, durch Erfahrungen und Schlüsse fanden, auch der wahre und einzige ist, wodurch die Krankheiten am gewissesten, schnellsten und dauerhaftesten von der Kunst ausgelöscht werden, weil diese Heilart auf einem ewigen, untrüglichen Naturgesetz beruht.
§ 54
Dieser, der homöopathische Weg muss, wie oben (§§ 43 bis 49) erinnert worden, auch schon deshalb der einzig richtige sein, weil er unter den drei einzig möglichen Anwendungsarten der Arzneien gegen Krankheiten der einzig gerade Weg zur sanften, sicheren, dauerhaften Heilung ist, ohne auf einer anderen Seite Nachteil zu bringen, oder zu schwächen. Die rein homöopathische Heilungsart ist der einzig richtige, der einzig gerade, der einzig durch Menschenkunst mögliche Heilweg, so gewiss zwischen zwei gegebenen Punkten nur eine einzige gerade Linie zu ziehen möglich ist.
§ 55
Die zweite Anwendungsart der Arzneien in Krankheiten, die allöopathische oder heteropathische, welche, ohne pathischen Bezug auf das eigentlich Krankhafte im Körper, die von der Krankheit freiesten Teile angreift, um das Übel durch diese abzuleiten und auf diese Weise, wie man wähnt, fortzuschaffen, war bisher die allgemeinste Methode. Ich habe sie oben in der Einleitung *
* Hinblick auf das bisherige Medizinieren, usw.abgehandelt und werde ihrer nicht weiter gedenken.
§ 56
Die dritte, noch einzig übrige, *
* Man möchte gern eine vierte Anwendungsart der Arzneien gegen Krankheiten erschaffen, durch Isopathie, wie man’s nennt, nämlich mit gleichem Miasma eine gleiche vorhandene Krankheit heilen. Aber, gesetzt auch, man vermöchte dies, was dann allerdings eine schätzbare Erfindung zu nennen wäre, so würde sie die Heilung, da sie das Miasma nur hoch potenziert, und so, folglich, gewisser Massen verändert dem Kranken reicht, dennoch nur durch ein Simillimum dem Simillimo entgegen gesetzt, bewirken.und außer den beiden gedachten noch einzig mögliche Anwendungsweise der Arzneien gegen Krankheiten ist die antipathische (enantiopathische) oder die palliative, womit der Arzt bisher noch am hilfreichsten scheinen konnte und dass Kranken Vertrauen noch am gewissesten zu gewinnen hoffte, indem er ihn mit augenblicklicher Besserung täuschte. Wie unhilfreich aber und wie schädlich dieser dritte noch übrige Weg in nicht sehr schnell verlaufenden Krankheiten war, wollen wir jetzt dartun. Zwar ist er das Einzige in der Kurart der Allöopathen, was offenbaren Bezug auf einen Teil des Leidens der natürlichen Krankheit hatte; aber welchen Bezug? Wahrlich nur den (den umgekehrten), welcher, wenn man den chronisch Kranken nicht täuschen und seiner nicht spotten will, am meisten vermieden werden sollte.
§ 57
Um so antipathisch zu verfahren, gibt ein solcher gewöhnlicher Arzt gegen ein einzelnes, beschwerliches Symptom unter den vielen übrigen, von ihm nicht geachteten Symptomen der Krankheit, eine Arznei, von welcher es bekannt ist, dass sie das gerade Gegenteil des zu beschwichtigenden Krankheitssymptoms hervorbringt, wovon er demnach zufolge der ihm seit mehr als 1500 Jahren vorgeschriebenen Regel der uralten medizinischen Schule (contraria contrariis), die schleunigste (palliative) Hilfe erwarten kann. Er gibt starke Gaben Mohnsaft gegen Schmerzen aller Art, weil diese Arznei die Empfindung schnell betäubt, und gibt eben dieses Mittel gegen Durchfälle, weil es schnell die wurmförmige Bewegung des Darmkanals hemmt und denselben alsbald unempfindlich macht, und so auch gegen Schlaflosigkeit, weil Mohnsaft schnell einen betäubten, stupiden Schlaf zu Wege bringt; er gibt Purganzen, wo der Kranke schon lange an Leibesverstopfung und Hartleibigkeit leidet; er lässt die verbrannte Hand in kaltes Wasser tauchen, was durch die Kälte den Brennschmerz augenblicklich wie wegzuzaubern scheint; setzt den Kranken, der über Frostigkeit und Mangel an Lebenswärme klagt, in warme Bäder, die ihn augenblicklich erwärmen, und lässt den langwierig Geschwächten Wein trinken, wodurch er augenblicklich belebt und erquickt wird, und wendet so noch einige andere opponierte (antipathische) Hilfsveranstaltungen an, doch außer diesen nur noch wenige, da der gewöhnlichen Arzneikunst nur von wenigen Mitteln einige eigentümliche (Erst-) Wirkung bekannt ist.
§ 58
Wenn ich auch bei Beurteilung dieser Arzneianwendung den Umstand übergehen wollte, dass hierbei sehr fehlerhaft symptomatisch (siehe Anmerkung zu § 7), nur einseitig für ein einzelnes Symptom, also nur für einen kleinen Teil des Ganzen gesorgt wird, wovon offenbar nicht Hilfe für das Total der Krankheit, die allein der Kranke wünschen kann, zu erwarten ist, – so muss man doch auf der anderen Seite die Erfahrung fragen, ob wohl in einem einzigen Fall solchen antipathischen Arzneigebrauchs gegen eine langwierige oder anhaltende Beschwerde, nach erfolgter, kurz dauernder Erleichterung, nicht eine größere Verschlimmerung der so palliativ anfangs beschwichtigten Beschwerde, ja Verschlimmerung der ganzen Krankheit erfolgte? und da wird jeder aufmerksame Beobachter übereinstimmen, dass auf eine solche antipathische, kurze Erleichterung jede Zeit und ohne Ausnahme Verschlimmerung erfolgt, obgleich der gemeine Arzt diese nachgängige Verschlimmerung dem Kranken anders zu deuten und sie auf eine sich jetzt erst offenbarende Bösartigkeit der ursprünglichen oder auf eine Entstehung einer neuen Krankheit zu schieben pflegt. *
* So wenig auch bisher die Ärzte zu beobachten pflegten, so konnte ihnen doch die auf solche Palliative gewiss erfolgende Verschlimmerung nicht entgehen. Ein starkes Beispiel dieser Art findet man in J. H. Schulze, Diss. qua corporis humani momentanearum alterationum specimina quaedam expenduntur, Halae 1741 § 28.Etwas Ähnliches bezeugt Willis, Pharm. rat. Sect. 7. Cap. I. S. 298 Opiata dolores atrocissimos plerumque sedant atque indolentiam – procurant, eamque – aliquamdiu et pro stato quodam tempore continuant, quo spatio elapso dolores mox recrudescunt et brevi ad solitam ferociam augentur. Und so S. 295: Exactis opii viribus illico redeunt tormina, nec atrocitatem suam remittunt, nisi dum ab eodem pharmaco rursus incantantur. So sagt J. Hunter (über die vener. Krankh. S. 13), dass Wein bei Schwachen die Wirkungskraft vermehre, ohne ihnen jedoch eine wahre Stärke mitzuteilen, und dass die Kräfte hintennach in demselben Verhältnis wieder sinken, als sie zuvor erregt worden waren, wodurch man keinen Vorteil erhalte, sondern die Kräfte größtenteils verloren gingen.
§ 59
Noch nie in der Welt wurden bedeutende Symptome anhaltender Krankheiten durch solche palliative Gegensätze behandelt, wo nicht nach wenigen Stunden das Gegenteil, die Rückkehr, ja offenbare Verschlimmerung eines solchen Übels erfolgt wäre. Gegen langwierige Neigung zu Tagesschläfrigkeit verordnete man den in seiner Erstwirkung ermunternden Kaffee, und da er ausgewirkt hatte, nahm die Tagesschläfrigkeit zu; – gegen öfteres nächtliches Aufwachen gab man, ohne auf die übrigen Symptome der Krankheit zu sehen, abends Mohnsaft, der seiner Erstwirkung zufolge, diese Nacht einen betäubten, (dummen) Schlaf zu Wege brachte, aber die folgenden Nächte wurden dann noch schlafloser als vorher; – den chronischen Durchfällen setzte man, ohne auf die übrigen Krankheitszeichen Rücksicht zu nehmen, eben diesen, in seiner Erstwirkung Leib verstopfenden Mohnsaft entgegen, und nach kurzer Hemmung des Durchfalls wurde derselbe hinterdrein nur desto ärger; – heftige, oft wiederkehrende Schmerzen aller Art konnte man mit dem, Gefühl betäubenden, Mohnsaft nur auf kurze Zeit unterdrücken, dann kamen sie stets erhöht, oft unerträglich erhöht, wieder zurück, oder andere, weit schlimmere Übel dafür. – Gegen alten Nachthusten weiß der gemeine Arzt nichts Besseres, als den jeden Reiz in der Erstwirkung unterdrückenden Mohnsaft zu geben, welcher davon die erste Nacht vielleicht schweigt, aber die folgenden Nächte nur desto angreifender wird, und wenn er dann nochmals und abermals mit diesem Palliativ in hoch gesteigerter Gabe unterdrückt wird, so kommt Fieber und Nachtschweiß hinzu; – eine geschwächte Harnblase und daher rührende Harnverhaltung, suchte man durch den antipathischen Gegensatz der die Harnwege aufreizenden Canthariden-Tinktur zu besiegen, wodurch zwar anfangs Ausleerung des Urins erzwungen, hinterdrein aber die Blase noch unreizbarer und unvermögender wird, sich zusammenzuziehen, und die Harnblasenlähmung ist vor der Tür; – mit den in starker Gabe die Därme zu häufiger Ausleerung reizenden Purgier-Arzneien und Laxier-Salzen wollte man alte Neigung zu Leibverstopfung aufheben, aber in der Nachwirkung wurde der Leib nur desto verstopfter; – langwierige Schwäche will der gemeine Arzt durch Wein trinken heben, was doch nur in der Erstwirkung aufreizt, daher sinken die Kräfte nur desto tiefer in der Nachwirkung; – durch bittere Dinge und hitzige Gewürze will er langwierig schwache und kalte Magen stärken und erwärmen, aber der Magen wird von diesen nur in der Erstwirkung aufregenden Palliativen in der Nachwirkung nur desto untätiger; – lang anhaltender Mangel an Lebenswärme sowie Frostigkeit, soll aufverordnete warme Bäder weichen, aber desto matter, kälter und frostiger werden die Kranken hinterdrein; – stark verbrannte Teile fühlen auf Behandlung mit kaltem Wasser zwar augenblickliche Erleichterung, aber der Brennschmerz vermehrt sich hinterdrein unglaublich, und die Entzündung greift um sich und steigt zu einem desto höheren Grad; *
* M.s. die Einleitung, zu Ende.- durch Schleim erregende Niesmittel will man alten Stockschnupfen heben, merkt aber nicht, dass er durch dieses Entgegengesetzte immer mehr (in der Nachwirkung) sich verschlimmert, und die Nase nur verstopfter wird; – mit den in der Erstwirkung die Muskelbewegung stark aufreizenden Potenzen der Elektrizität und dem Galvanismus, setzte man langwierig schwache, fast lähmige wieder schnell in tätigere Bewegung; die Folge aber (die Nachwirkung) war gänzliche Ertötung aller Muskel-Reizbarkeit und vollendete Lähmung; – mit Aderlassen wollte man langwierigen Blutandrang nach dem Kopfe wegnehmen, aber es erfolgte darauf stets größere Blutaufwallung; – die lähmige Trägheit der Körper- und Geistesorgane, mit Unbesinnlichkeit gepaart, welche in vielen Typhusarten vorherrschen, weiß die gemeine Arztkunst mit nichts Besserem zu behandeln, als mit großen Gaben Baldrian, weil dieser eines der kräftigsten, ermunternden und beweglich machenden Arzneimittel sei; ihrer Unwissenheit war aber nicht bekannt, dass diese Wirkung bloß Erstwirkung ist, und dass der Organismus nach derselben jedes Mal in der Nachwirkung (Gegenwirkung) in eine desto größere Betäubung und Bewegungslosigkeit, das ist, in Lähmung der Geistes- und Körperorgane (und Tod) mit Gewissheit verfällt; sie sahen nicht, dass gerade diejenigen Krankheiten, die sie am meisten mit dem hier opponierten, antipathischen Baldrian fütterten, am unfehlbarsten starben. – Den kleinen, schnellen Puls in Kachexien frohlockt der Arzt alter Schule, *
* M. s. Hufeland in seinem Pamphlet: die Homöopathie S. 20.schon mit der ersten Gabe von (in seiner Erstwirkung den Puls verlangsamenden) unvermischtem Purpur-Fingerhut auf mehrere Stunden langsamer erzwungen zu haben, aber bald kehrt dessen Geschwindigkeit zurück; wiederholte, nun verstärkte Gaben bewirken immer weniger und endlich gar keine Minderung seiner Schnelligkeit, vielmehr wird er in der Nachwirkung nun unzählbar; aller Schlaf, Esslust und Kraft weicht und der baldige Tod ist unausbleiblich stets die Folge, wenn nicht Wahnsinn entsteht. Wie oft man, mit einem Wort, durch solche entgegengesetzte (antipathische) Mittel, in der Nachwirkung die Krankheit verstärkte, auch oft noch etwas Schlimmeres damit erreichte, sieht die falsche Theorie nicht, aber die Erfahrung lehrt es mit Schrecken.
§ 60
Entstehen nun diese, vom antipathischen Gebrauch der Arzneien sehr natürlich zu erwartenden, üblen Folgen, so weiß sich der gewöhnliche Arzt dadurch, wie er glaubt, zu helfen, dass er, bei jeder erneuten Verschlimmerung, eine verstärkte Gabe des Mittels reicht, wovon dann ebenfalls nur kurz dauernde Beschwichtigung und bei dann noch mehr nötiger, immer höherer Steigerung des Palliativs, entweder ein anderes, größeres Übel, oder oft gar Lebensgefahr und Tod erfolgt, nie aber Heilung eines etwas älteren oder alten Übels.
§ 61
Wären die Ärzte fähig gewesen, über solche traurigen Erfolge von opponierter Arzneianwendung nachzudenken, so würden sie schon längst die große Wahrheit gefunden haben, dass im geraden Gegenteil von solcher antipathischer Behandlung der Krankheitssymptome die wahre, dauerhafte Heilart zu finden sein müsse; sie würden inne geworden sein, dass, so wie eine den Krankheitssymptomen entgegengesetzte Arzneiwirkung (antipathisch angewendete Arznei) nur kurz dauernde Erleichterung und nach ihrer Verfließung stets Verschlimmerung zur Folge hat, notwendig das umgekehrte Verfahren, die homöopathische Anwendung der Arzneien nach ihrer Symptomenähnlichkeit eine dauernde, vollständige Heilung zu Wege bringen müsse, wenn dabei das Gegenteil ihrer großen Gaben, die allerkleinsten gegeben würden.
Aber weder hierdurch, noch dadurch, dass kein Arzt je eine dauerhafte Heilung in älteren oder alten Übeln bewirkte, wenn sich in seiner Verordnung nicht ein vorwirkendes homöopathisches Arzneimittel befand, auch nicht dadurch, dass alle schnelle, vollkommene Heilung, die je von der Natur zu Stande gebracht worden (§ 46), stets nur durch eine ähnliche, der alten hinzugekommene, Krankheit bewirkt wurde, kamen sie in einer so großen Reihe von Jahrhunderten auf diese einzig heilbringende Wahrheit.
§ 62
Woher er aber, dieser verderbliche Erfolg des palliativen, antipathischen Verfahrens, und die Heilsamkeit des umgekehrten, des homöopathischen Verfahrens rühre, erklären folgende, aus vielfältigen Beobachtungen abgezogene Erfahrungen, die niemandem vor mir in die Augen fielen, so nahe sie auch lagen, so einleuchtend und so unendlich wichtig sie auch zum Heilbehufe sind.
§ 63
Jede auf das Leben einwirkende Potenz, jede Arznei stimmt die Lebenskraft mehr oder weniger um, und erregt eine gewisse Befindens-Veränderung im Menschen auf längere oder kürzere Zeit. Man benennt sie mit dem Namen: Erstwirkung.
Sie gehört, obgleich ein Produkt aus Arznei- und Lebenskraft, doch mehr der einwirkenden Potenz an.
Dieser Einwirkung bestrebt sich unsere Lebenskraft ihre Energie entgegenzusetzen. Die Rückwirkung gehört unserer Lebenserhaltungskraft an – und ist eine automatische Tätigkeit derselben, Nachwirkung oder Gegenwirkung genannt.
§ 64
Bei der Erstwirkung von den künstlichen Krankheitspotenzen (Arzneien) auf unseren gesunden Körper scheint sich diese unsere Lebenskraft bloß empfänglich (rezeptiv, gleichsam leidend) zu verhalten und, sozusagen, wie gezwungen die Eindrücke der von außen einwirkenden künstlichen Potenz in sich geschehen und so ihr Befinden umändern zu lassen, dann aber sich gleichsam wieder zu ermannen, und dieser in sie geschehenen Einwirkung (Erstwirkung)
a) wenn es davon ein Entgegengesetztes gibt, den gerade entgegengesetzten Befindenszustand (Gegenwirkung, Nachwirkung) hervorzubringen in gleichem Grad, als groß die Einwirkung (Erstwirkung) der künstlich krankmachenden, oder arzneilichen Potenz auf sie gewesen war und nach dem Maße ihrer eigenen Energie – oder
b) wo es einen der Erstwirkung gerade entgegengesetzten Zustand in der Natur nicht gibt, scheint sie sich zu bestreben, sich zu indiffenzieren, das ist, ihr Übergewicht geltend zu machen durch Auslöschen der von außen (durch die Arznei) in ihr bewirkten Veränderung, an deren Stelle sie ihre Norm wieder einsetzt (Nachwirkung, Heilwirkung).
§ 65
Beispiele von a) liegen jedermann vor Augen.
Eine, in heißem Wasser gebadete, Hand ist zwar anfänglich viel wärmer als die andere, ungebadete Hand (Erstwirkung), aber von dem heißen Wasser entfernt und gänzlich wieder abgetrocknet, wird sie nach einiger Zeit kalt und endlich viel kälter, als die andere (Nachwirkung).
Dem, von heftiger Leibesbewegung, Erhitzten (Erstwirkung) befällt Frost und Schauder (Nachwirkung).
Dem, gestern durch viel Wein, Erhitzten (Erstwirkung) ist heute jedes Lüftchen zu kalt (Gegenwirkung des Organismus, Nachwirkung).
Ein, in das kälteste Wasser lange getauchter, Arm ist zwar anfänglich weit blässer und kälter (Erstwirkung), als der andere, aber vom kalten Wasser entfernt und abgetrocknet, wird er nachgehends nicht nur wärmer, als der andere, sondern sogar heiß, rot und entzündet (Nachwirkung, Gegenwirkung der Lebenskraft).
Auf starken Kaffee erfolgt Übermunterkeit (Erstwirkung), aber danach bleibt lange Trägheit und Schläfrigkeit zurück (Gegenwirkung, Nachwirkung), wenn diese nicht immer wieder durch neues Kaffeetrinken (palliativ) auf kurze Zeit hinweggenommen wird.
Auf, von Mohnsaft erzeugten, tiefen Betäubungsschlaf (Erstwirkung) wird die nachfolgende Nacht desto schlafloser (Gegenwirkung, Nachwirkung).
Nach der, durch Mohnsaft erzeugten, Leibverstopfung (Erstwirkung) erfolgt Durchfälligkeit (Nachwirkung) und nach dem mit darmerregenden Arzneien bewirkten Purgieren (Erstwirkung) erfolgt mehrtägige Leibverstopfung und Hartleibigkeit (Nachwirkung).
Und so wird überall auf jede Erstwirkung einer das Befinden des gesunden Körpers stark umändernden Potenz in großer Gabe stets das gerade Gegenteil, wo, wie gesagt, es positiv dergleichen gibt, durch unsere Lebenskraft in der Nachwirkung zu Wege gebracht.
§ 66
Eine auffallende, opponierte Nachwirkung ist aber begreiflicherweise nicht bei Einwirkung ganz kleiner homöopathischer Gaben der umstimmenden Potenzen im gesunden Körper wahrzunehmen. Ein wenig von diesem allen bringt zwar eine, bei gehöriger Aufmerksamkeit, wahrnehmbare Erstwirkung hervor; aber der lebende Organismus macht dagegen nur soviel Gegenwirkung (Nachwirkung), als zur Wiederherstellung des normalen Zustandes erforderlich ist.
§ 67
Diese, aus Natur und Erfahrung sich von selbst darbietenden, unwidersprechlichen Wahrheiten erklären uns den hilfreichen Vorgang bei homöopathischen Heilungen, so wie sie auf der anderen Seite die Verkehrtheit der antipathischen und palliativen Behandlung der Krankheiten mit entgegengesetzt wirkenden Arzneien dartun. *
* Bloß bei höchst dringenden Fällen, wo Lebensgefahr und Nähe des Todes einem homöopathischen Hilfsmittel zum Wirken keine Zeit, nicht Stunden, oft nicht einmal Viertelstunden und kaum Minuten verstattet, in plötzlich entstandenen Zufällen, bei vorher gesunden Menschen, z. B. bei Asphyxien und dem Scheintod vom Blitz, vom Ersticken, Erfrieren, Ertrinken usw., ist es erlaubt und zweckmäßig, durch ein Palliativ, z. B. durch gelinde elektrische Erschütterungen, durch Klystiere von starkem Kaffee, durch ein excitierendes Riechmittel, allmähliche Erwärmungen usw., vorerst wenigstens die Reizbarkeit und Empfindung (das physische Leben) wieder aufzuregen; ist es dann nur aufgeregt, so geht das Spiel der Lebensorgane wieder seinen vorigen gesunden Gang fort, weil hier keine Krankheit, sondern bloß Hemmung und Unterdrückung der an sich gesunden Lebenskraft zu beseitigen war.Hierher gehören auch verschiedene Antidote plötzlicher Vergiftungen:
Alkalien gegen Mineralsäuren, Schwefelleber gegen Metallgifte, Kaffee und Kampher (und Ipecacuanha) gegen Opium-Vergiftungen, usw.
Auch ist eine homöopathische Arznei deshalb noch nicht gegen einen Krankheitsfall unpassend gewählt, wenn einige Arzneisymptome einigen mittleren und kleinen Krankheitssymptomen nur antipathisch entsprechen; wenn nur die übrigen, die stärkeren, vorzüglich ausgezeichneten (charakteristischen) und sonderlichen Symptome der Krankheit durch dasselbe Arzneimittel mit Symptomenähnlichkeit (homöopathisch) gedeckt und befriedigt, das ist, überstimmt, vertilgt und ausgelöscht werden; dann vergehen auch die wenigen entgegengesetzten Symptome nach verflossener Wirkungsdauer des Medikaments von selbst, ohne im mindesten die Heilung zu verzögern.
§ 68
Bei homöopathischen Heilungen zeigen Sie uns, dass auf die ungemein kleinen Gaben Arznei (§§ 275 bis 287), die bei dieser Heilart nötig sind, welche nur so eben hinreichend waren, durch Ähnlichkeit ihrer Symptome die ähnliche, natürliche Krankheit zu überstimmen und zu verdrängen, zwar, nach Vertilgung der letzteren anfangs noch einige Arzneikrankheit allein im Organismus fortdauert, aber, der außerordentlichen Kleinheit der Gabe wegen, so überhingehend, so leicht und so bald von selbst verschwindend, dass die Lebenskraft gegen diese kleine, künstliche Verstimmung ihres Befindens keine bedeutendere Gegenwirkung vorzunehmen nötig hat, als zur Erhebung des jetzigen Befindens auf den gesunden Standpunkt, das ist, als zur völligen Herstellung gehört, wozu sie nach Auslöschung der vorherigen krankhaften Verstimmung wenig Anstrengung bedarf (siehe § 65 b).
§ 69
Bei der antipathischen (palliativen) Verfahrensart aber geschieht gerade das Widerspiel.
Das, dem Krankheitssymptom vom Arzt entgegengesetzte, Arzneisymptom (z. B. die gegen den empfindlichen Schmerz vom Mohnsaft in der Erstwirkung erzeugte Unempfindlichkeit und Betäubung) ist zwar dem ersteren nicht fremdartig, nicht allöopathisch, es ist offenbare Beziehung des Arzneisymptoms auf das Krankheitssymptom sichtbar, aber die umgekehrte; die Vernichtung des Krankheitssymptoms soll hier durch ein opponiertes Arzneisymptom geschehen, was unmöglich ist.
Zwar berührt die antipathisch gewählte Arznei auch denselben krankhaften Punkt im Organismus, so gewiss als die ähnlich krankmachende, homöopathisch gewählte Arznei; erstere verdeckt aber nur als ein Entgegengesetztes das entgegengesetzte Krankheitssymptom und macht es nur auf kurze Zeit unmerklich, so dass im ersten Moment der Einwirkung des opponierten Palliativs die Lebenskraft von beiden nichts Unangenehmes fühlt (weder von dem Krankheits- noch vom entgegengesetzten Arzneisymptom), da sie sich beide einander gegenseitig aufgehoben und gleichsam dynamisch neutralisiert zu haben scheinen (z. B. die Betäubungskraft des Mohnsafts den Schmerz).
Die Lebenskraft fühlt sich in den ersten Minuten wie gesund und fühlte weder Mohnsaft-Betäubung, noch Krankheitsschmerz.
Aber da das opponierte Arzneisymptom nicht (wie beim homöopathischen Verfahren) die Stelle der vorhandenen Krankheitsverstimmung im Organismus als eine ähnliche, stärkere (künstliche) Krankheit einnehmen, also die Lebenskraft nicht, wie eine homöopathische Arznei, mit einer sehr ähnlichen Kunstkrankheit affizieren kann, um so an die Stelle der bisherigen natürlichen Krankheitsverstimmung treten zu können, so muss die palliative Arznei, als ein von der Krankheitsverstimmung durch Gegensatz gänzlich Abweichendes, die Krankheitsverstimmung unvertilgt lassen; sie macht sie zwar der Lebenskraft, wie gesagt, durch einen Schein von dynamischer Neutralisation *
* Im lebenden Menschen findet keine bleibende Neutralisation streitiger oder entgegengesetzter Empfindungen statt, wie etwa bei Substanzen von entgegengesetzten Eigenschaften in der chemischen Werkstatt, wo z. B. Schwefelsäure und Potasch-Kali sich zu einem ganz anderen Wesen, zu einem Neutralsalz vereinigen, was nun weder Säure, noch Laugensalz mehr ist und sich selbst im Feuer nicht wieder zersetzt.Solche Zusammenschmelzungen und innige Vereinigungen zu etwas bleibend Neutralem und Gleichgültigem finden, wie gesagt, bei dynamischen Eindrücken entgegengesetzter Natur in unseren Empfindungs-Werkzeugen nie statt.
Nur ein Schein von Neutralisation und gegenseitiger Aufhebung ereignet sich in diesem Fall anfänglich, aber die opponierten Gefühle heben einander nicht dauernd auf.
Dem Traurigen werden durch ein lustiges Schauspiel nur kurze Zeit die Tränen getrocknet; er vergisst aber die Possen bald und seine Tränen fließen dann nur desto reichlicher.
anfänglich unfühlbar, verlöscht aber bald, wie jede Arzneikrankheit von selbst, und lässt nicht nur die Krankheit, wie sie vorher war, zurück, sondern nötigt auch die Lebenskraft (da sie, wie alle Palliative, in großer Gabe gegeben werden musste, um die Schein-Beschwichtigung zu erreichen), einen opponierten Zustand (§§ 63 bis 65) auf diese palliative Arznei hervorzubringen, das Gegenteil der Arzneiwirkung, also das Ähnliche von der vorhandenen, ungetilgten, natürlichen Krankheitsverstimmung, die durch diesen von der Lebenskraft hervorgebrachten Zusatz (Gegenwirkung auf das Palliativ) notwendig verstärkt und vergrößert wird. *
* So deutlich dies ist, so hat man es dennoch missverstanden und gegen diesen Satz eingewendet, “dass das Palliativ in seiner Nachwirkung, welche dann das Ähnliche von der vorhandenen Krankheit sei, wohl eben so gut heilen müsse, als eine homöopathische Arznei durch ihre Erstwirkung tue.”Man bedachte aber nicht, dass die Nachwirkung nie ein Erzeugnis der Arznei, sondern stets der gegenwirkenden Lebenskraft des Organisms sei, also diese von der Lebenskraft auf Anwendung eines Palliativs herrührende Nachwirkung ein dem Krankheitssymptom ähnlicher Zustand sei, den eben das Palliativ ungetilgt ließ, und den die Gegenwirkung der Lebenskraft auf das Palliativ folglich noch verstärkte.
Das Krankheitssymptom (dieser einzelne Teil der Krankheit) wird also schlimmer nach verflossener Wirkungsdauer des Palliativs; desto schlimmer, je größer die Gabe des Palliativs gewesen war.
Je größer also (um bei dem selben Beispiel zu bleiben) die zur Verdeckung des Schmerzes gereichte Gabe Mohnsaft gewesen war, um desto mehr vergrößert sich der Schmerz über seine ursprüngliche Heftigkeit, sobald der Mohnsaft ausgewirkt hat. *
* Wie wenn in einem dunklen Kerker, wo der Gefangene nur nach mit Mühe die nahen Gegenstände erkennen konnte, plötzlich angezündeter Weingeist dem Elenden auf einmal alles um ihn her tröstlich erhellt, bei Verlöschung desselben aber, je stärker die nun erloschene Flamme vorher gewesen war, ihn nun eine nur desto schwärzere Nacht umgibt und ihm alles umher weit unsichtbarer macht, als vorher.§ 70
Nach dem bisher Vorgetragenen ist es nicht zu verkennen:
dass alles, was der Arzt wirklich Krankhaftes und zu Heilendes an Krankheiten finden kann, bloß in den Beschwerden des Kranken und den an ihm sinnlich wahrnehmbaren Veränderungen seines Befindens, mit einem Wort, bloß in der Gesamtheit der Symptome bestehe, durch welche die Krankheit die zu ihrer Hilfe geeignete Arznei fordert, hingegen jede ihr angedichtete innere Ursache, verborgene Beschaffenheit, oder ein eingebildeter, materieller Krankheitsstoff ein nichtiger Traum sei;
dass diese Befindens-Verstimmung, die wir Krankheit nennen, bloß durch eine andere Befindens-Umstimmung mittels Arzneien zur Gesundheit gebracht werden könne, deren einzige Heilkraft folglich nur in Veränderung des Menschenbefindens, das ist, in eigentümlicher Erregung krankhafter Symptome bestehen kann, und am deutlichsten und reinsten beim Probieren derselben an gesunden Körpern erkannt wird;
dass, nach allen Erfahrungen, durch Arzneien, die einen von der zu heilenden Krankheit abweichenden, fremdartigen Krankheitszustand (unähnliche krankhafte Symptome) für sich in gesunden Menschen zu erregen vermögen, die ihnen unähnliche, natürliche Krankheit nie geheilt werden könne (nie also durch ein allopathisches Kurverfahren), und dass selbst in der Natur keine Heilung vorkommen, wo eine innewohnende Krankheit durch eine hinzutretende zweite, jener unähnlichen, aufgehoben, vernichtet und geheilt würde, sei die neue auch noch so stark; dass auch, nach allen Erfahrungen, durch Arzneien, die ein dem zu heilenden einzelnen Krankheitssymptom entgegengesetztes künstliches Krankheitssymptom für sich im gesunden Menschen zu erregen Neigung haben, bloß eine schnell vorübergehende Linderung, nie aber Heilung einer älteren Beschwerde, sondern stets nachgängige Verschlimmerung derselben bewirkt werde; und dass, mit einem Wort, dies antipathische und bloß palliative Verfahren in älteren, wichtigen Übeln durchaus zweckwidrig sei; dass aber die dritte, einzig noch übrig mögliche Verfahrensart (die homöopathische), mittels deren gegen die Gesamtheit der Symptome einer natürlichen Krankheit eine, möglichst ähnliche Symptome in gesunden Menschen zu erzeugen fähige Arznei in angemessener Gabe gebraucht wird, die allein hilfreiche Heilart sei, wodurch die Krankheiten als bloß dynamische Verstimmungsreize der Lebenskraft überstimmt werden und so unbeschwerlich, vollkommen und dauerhaft ausgelöscht, zu existieren aufhören müssen – worin auch die freie Natur in ihren zufälligen Ereignissen selbst mit ihrem Beispiel uns vorangeht, wenn zu einer alten Krankheit eine neue, der alten ähnliche hinzutritt, wodurch die alte schnell und auf immer vernichtet und geheilt wird.
§ 71
Da es nun weiter keinem Zweifel unterworfen ist, dass die Krankheiten des Menschen bloß in Gruppen gewisser Symptome bestehen, durch einen Arzneistoff aber bloß dadurch, dass dieser ähnliche krankhafte Symptome künstlich zu erzeugen vermag, vernichtet und in Gesundheit verwandelt werden (worauf der Vorgang aller echten Heilung beruht), so wird sich das Heilgeschäft auf folgende drei Punkte beschränken:
- I. Wie erforscht der Arzt, was er zum Heilbehufe von der Krankheit zu wissen nötig hat?
- II. Wie erforscht er die zur Heilung der natürlichen Krankheiten bestimmten Werkzeuge, die krankmachende Potenz der Arzneien?
- III. Wie wendet er diese künstlichen Krankheitspotenzen (Arzneien) zur Heilung der natürlichen Krankheiten am zweckmäßigsten an?
§ 72
Was den ersten Punkt betrifft, so dient Folgendes zuerst als allgemeine Übersicht.
Die Krankheiten der Menschen sind teils schnelle Erkrankungsprozesse der innormal verstimmten Lebenskraft, welche ihren Verlauf in mäßiger, mehr oder weniger kurzer Zeit zu beendigen geeignet sind – man nennt sie akute Krankheiten -, teils sind es solche Krankheiten, welche bei kleinen, oft unbemerkten Anfängen den lebenden Organismus, jede auf ihre eigene Weise, dynamisch verstimmen und ihn allmählich so vom gesunden Zustand entfernen, dass die zur Erhaltung der Gesundheit bestimmte, automatische Lebensenergie, Lebenskraft genannt, ihnen beim Anfang, wie bei ihrem Fortgang, nur unvollkommenen, unzweckmäßigen, unnützen Widerstand entgegensetzen, sie aber, für sich, nicht selbst auslöschen kann, sondern unmächtig (sie fortwuchern und) sich immer innormaler umstimmen lassen muss, bis zur endlichen Zerstörung des Organismus; man nennt sie chronische Krankheiten.
Sie entstehen von Ansteckung mit einem chronischen Miasma.
§ 73
Was die akuten Krankheiten betrifft, so sind sie teils solche, die den einzelnen Menschen befallen auf Veranlassung von Schädlichkeiten, denen gerade er insbesondere ausgesetzt war.
Ausschweifungen in Genüssen, oder ihre Entbehrung, physische heftige Eindrücke, Erkältungen, Erhitzungen, Strapazen, Verheben usw., oder physische Erregungen, Affektionen usw., sind Veranlassung solcher akuten Fieber, im Grunde aber meist nur überhingehende Aufloderungen latenter Psora, welche von selbst wieder in ihren Schlummerzustand zurückkehrt, wenn die akuten Krankheiten nicht allzu heftig waren und bald beseitigt wurden – teils sind es solche, welche einige Menschen zugleich hier und dort (sporadisch) befallen von meteorischen oder tellurischen Einflüssen und Schädlichkeiten, wovon krankhaft erregt zu werden, nur einige Menschen zu der Zeit Empfänglichkeit besitzen; an welche jene grenzen, welche viele Menschen aus ähnlicher Ursache unter sehr ähnlichen Beschwerden (epidemisch) ergreifen, die dann gewöhnlich, wenn sie gedrängte Massen von Menschen überziehen, ansteckend (kontagiös) zu werden pflegen. Da entstehen Fieber, *
* Der homöopathische Arzt, welcher nicht von Vorurteilen befangen ist, welche die gewöhnliche Schule ersann (die einige wenige Namen solcher Fieber festsetzte, außer denen die große Natur keine anderen hervorbringen dürfe, um bei ihrer Behandlung nach einem bestimmten Leisten verfahren zu können), erkennt die Namen: Kerker-, Gall-, Typhus-, Faul-, Nerven- oder Schleim-Fieber nicht an, sondern heilt sie, jedes nach seiner Eigentümlichkeit.jedes Mal von eigener Natur, und weil die Krankheitsfälle gleichen Ursprungs sind, so versetzen sie auch stets die daran Erkrankten in einen gleichartigen Krankheitsprozess, welcher jedoch, sich selbst überlassen, in einem mäßigen Zeitraum, zu Tod oder Genesung sich entscheidet.
Kriegsnot, Überschwemmungen und Hungersnot sind ihre nicht seltenen Veranlassungen und Erzeugerinnen – teils sind es auf gleiche Art wiederkehrende (daher unter einem hergebrachten Namen bekannte) eigenartige, akute Miasmen, die entweder den Menschen nur einmal im Leben befallen, wie die Menschenpocke, die Masern, der Keuchhusten, das ehemalige glatte, hellrote Scharlachfieber *
* Nach dem Jahre 1801 ward ein, aus Westen gekommenes, Purpur-Friesel (Roodvonk) mit dem Scharlachfieber von den Ärzten verwechselt, ungeachtet jenes ganz andere Zeichen als dieses hatte und jenes an Belladonna, dieses an Aconit sein Schutz- und Heilmittel fand, letzteres auch meist nur sporadisch, ersteres stets nur epidemisch erschien.In den letzteren Jahren scheinen sich hier und da beide zu einem Ausschlagsfieber von eigener Art verbunden zu haben, gegen welches das eine wie das andere Heilmittel einzeln nicht mehr genau homöopathisch passend gefunden wird.
des Sydenham, die Mumps usw., oder die oft auf ziemlich ähnliche Weise wiederkehrende, levantische Pest, das gelbe Fieber der Küstenländer, die ostindische Cholera usw.
§ 74
Zu den chronischen Krankheiten müssen wir noch, leider! jene allgemein verbreiteten rechnen, durch die allöopathischen Kuren anhaltenden Gebrauchs heftiger, heroischer Arzneien in großen und gesteigerten Gaben erkünstelt, durch Missbrauch von Calomel, Quecksilbersublimat, Quecksilbersalbe, salpetersaures Silber, Jodine und ihre Salbe, Opium, Baldrian, Chinarinde und Chinin, Purpurfingerhut, Blausäure, Schwefel und Schwefelsäure, jahrelange Abführungsmittel, Aderlässe, Blutegel, Fontanelle, Haarseile usw., wovon die Lebenskraft teils unbarmherzig geschwächt, teils, wenn sie ja nicht unterliegt, nach und nach (von jedes besonderen Mittels Missbrauch, eigenartig) dergestalt innormal verstimmt wird, dass sie, um das Leben gegen diese feindseligen und zerstörenden Angriffe aufrecht zu erhalten, den Organismus umändern, und diesem oder jenem Teil entweder die Erregbarkeit oder die Empfindung benehmen, oder übermäßig erhöhen, Teile erweitern oder zusammenziehen, erschlaffen oder verhärten, oder wohl gar vernichten, und hier und da im Inneren und Äußeren organische Fehler anbringen *
* Unterliegt endlich der Kranke, so pflegt der Vollender einer solchen Kur bei der Leichenöffnung diese inneren organischen Verunstaltungen, die seiner Unkunst die Entstehung verdanken, recht schlau, als ursprüngliches, unheilbares Übel den trostlosen Angehörigen vorzuzeigen; m. s. mein Buch: die Allöopathie, ein Wort der Warnung an Kranke jeder Art.Leipz. bei Baumgärtner. Die anatomischen Pathologien mit Abbildungen, täuschenden Andenkens, enthalten die Produkte solcher jämmerlichen Verpfuschungen.(den Körper im Inneren und Äußeren verkrüppeln) muss, um Schutz vor völliger Zerstörung des Lebens gegen die immer erneuerten, feindlichen Angriffe solcher ruinierenden Potenzen dem Organismus zu verschaffen.
§ 75
Diese, durch die allöopathische Unheilkunst (am schlimmsten in den neueren Zeiten) hervorgebrachten Verhunzungen des menschlichen Befindens sind unter allen die traurigsten, unheilbarsten chronischen Krankheiten, und ich bedaure, dass, sie zu heilen, wenn sie zu einiger Höhe getrieben worden sind, wohl nie Mittel scheinen erfunden oder erdacht werden zu können.
§ 76
Nur gegen natürliche Krankheiten hat uns der Allgütige Hilfe durch die Homöopathik geschenkt – aber jene, durch falsche Kunst schonungslos erzwungenen, oft jahrelangen Verhunzungen und Verkrüppelungen des menschlichen Organismus im Inneren und Äußeren durch schädliche Arzneien und Behandlungen, müsste (bei übrigens zweckmäßiger Hilfe gegen ein vielleicht im Hintergrund noch liegendes, chronisches Miasma berichtet) die Lebenskraft selbst wieder zurücknehmen, wenn sie nicht schon zu sehr durch solche Untaten geschwächt worden und mehrere Jahre auf dieses ungeheure Geschäft ungestört verwenden kann.
Eine menschliche Heilkunst zur Normalisierung jener unzähligen, von der allöopathischen Unheilkunst oft angerichteten Innormalitäten gibt es nicht und kann es nicht geben.
§ 77
Uneigentlich werden diejenigen Krankheiten chronische benannt, welche Menschen erleiden, die sich fortwährend vermeidbaren Schädlichkeiten aussetzen, gewöhnlich schädliche Getränke oder Nahrungsmittel genießen, sich Ausschweifungen mancher Art hingeben, die die Gesundheit untergraben, zum Leben nötige Bedürfnisse anhaltend entbehren, in ungesunden, vorzüglich sumpfigen Gegenden sich aufhalten, nur in Kellern oder anderen verschlossenen Wohnungen hausen, Mangel an Bewegung oder freier Luft leiden oder sich durch übermäßige Körper- oder Geistesanstrengungen um ihre Gesundheit bringen, in stetem Verdruss leben, und so weiter.
Diese, sich selbst zugezogenen Ungesundheiten, vergehen, wenn nicht sonst ein chronisches Miasma im Körper liegt, bei gebesserter Lebensweise von selbst und können den Namen chronischer Krankheiten nicht führen.
§ 78
Die wahren, natürlichen, chronischen Krankheiten sind die, von einem chronischen Miasma entstandenen, welche für sich und ohne die für sie spezifischen Heilmittel, immerdar zunehmen und bei dem besten, geistig und körperlich diätetischen Verhalten dennoch steigen und den Menschen mit immerdar erhöhten Leiden bis ans Ende des Lebens quälen.
Diese sind die allerzahlreichsten und größten Peiniger des Menschengeschlechts, indem die robusteste Körperanlage, die geordnetste Lebensweise und die tätigste Energie der Lebenskraft sie zu vertilgen außer Stande sind.
§ 79
Man kannte bisher nur die Syphilis einigermaßen als eine solche chronisch-miasmatische Krankheit, welche ungeheilt nur mit dem Ende des Lebens verlischt.
Die, für sich und ungeheilt, gleichfalls von der Lebenskraft unvertilgbare Sykosis (Feigwarzenkrankheit) erkannte man nicht als eine innere chronisch miasmatische Krankheit eigener Art, wie sie doch unstreitig ist und glaubte sie durch Zerstörung der Auswüchse auf der Haut geheilt zu haben, ohne das fortwährende Siechtum von ihr zu bemerken.
§ 80
Unermesslich größer und bedeutender als genannte beide, chronische Miasmen aber ist das chronische Miasma der Psora, welche, während jene beide, die eine durch den venerischen Schanker, die andere durch die Blumenkohl artigen Auswüchse ihr spezifisches inneres Siechtum bezeichnen, ihrenteils ebenfalls erst nach vollendeter innerer Infektion des ganzen Organismus durch den eigenartigen, zuweilen nur in einigen Blütchen bestehenden, Hautausschlag unerträglich kitzelnd, wollüstigem Jucken (und spezifischem Geruch) das innere, ungeheure, chronische Miasma beurkundet – die Psora die einzig wahre Grundursache und Erzeugerin aller der übrigen vielen, ja unzähligen Krankheitsformen, *
* Zwölf Jahre brachte ich darüber zu, um die Quelle jener unglaublich zahlreichen Menge langwieriger Leiden aufzufinden, diese der ganzen Vor- und Mitwelt unbekannt gebliebene, große Wahrheit zu erforschen und zur Gewissheit zu bringen und zugleich die vorzüglichsten (antipsorischen) Heilmittel zu entdecken, welche zusammen diesem tausendköpfigen Ungeheuer von Krankheit größtentheils gewachsen wären in ihren so sehr verschiedenen Äußerungen und Formen. Ich habe meine Erfahrungen hierüber in dem Buch: Die chronischen Krankheiten (4 Teile, Dresden b. Arnold, 1828, 1830) vorgelegt. - Eher als ich mit dieser Kenntnis im Reinen war, konnte ich die sämtlichen chronischen Krankheiten nur als abgesonderte, einzelne Individuen behandeln lehren mit den nach ihrer reinen Wirkung an gesunden Menschen bis dahin geprüften Arzneisubstanzen, so dass jeder Fall langwieriger Krankheit nach der an ihm anzutreffenden Symptomen-Gruppe gleich als eine eigenartige Krankheit von meinen Schülern behandelt und oft so weit geheilt ward, dass die kranke Menschheit über den schon so weit gediehenen Hilfs-Reichtum der neuen Heilkunst frohlockte. Um wie viel zufriedener kann sie nun sein, dass sie dem gewünschten Ziel um so näher kommt, indem ihr die nun hinzu gefundenen, für die aus Psora hervorkeimenden, chronischen Leiden noch weit spezifischer homöopathischen (eigentlicher so zu nennenden, antipsorischen) Heilmittel und die spezielle Lehre, sie zu bereiten und anzuwenden, mitgeteilt worden, unter denen nun der echte Arzt diejenigen zur Hilfe wählt, deren Arzneisymptome der zu heilenden, chronischen Krankheit am ähnlichsten (homöopathisch) entspricht – und so von den für dieses Miasma geeigneteren (antipsorischen) Arzneien wesentlichere Dienste und fast durchgängige, vollständige Heilungen erfolgen sieht.welche unter den Namen von Nervenschwäche, Hysterie, Hypochondrie, Manie, Melancholie, Blödsinn, Raserei, Fallsucht und Krämpfen aller Art, von Knochenerweichung (Rhachitis), Skoliosis und Kyphosis, Knochenfäule, Krebs, Blutschwamm, Afterorganisationen, Gicht, Hämorrhoiden, Gelb- und Blausucht, Wassersucht, Amenorrhoe und Blutsturz aus Magen, Nase, Lungen, aus der Harnblase oder der Gebärmutter, von Asthma und Lungenvereiterung, von Impotenz und Unfruchtbarkeit, von Migräne, Taubheit, grauem und schwarzem Star, Nierenstein, Lähmungen, Sinne-Mängel und Schmerzen tausenderlei Art usw., in den Pathologien als eigene, abgeschlossene Krankheiten figurieren.
§ 81
Es wird dadurch, dass dieser uralte Ansteckungs-Zunder nach und nach, in einigen 100 Generationen, durch viele Millionen menschlicher Organismen ging und so zu einer unglaublichen Ausbildung gelangte, einiger Maßen begreiflich, wie er sich nun in so unzähligen Krankheitsformen an dem großen Menschengeschlecht entfalten konnte, vorzüglich wenn wir uns der Betrachtung überlassen, welche Menge von Umständen *
* Einige dieser, die Bildung der Psora zu chronischen Übeln modifizierenden Ursachen liegen offenbar teils im Klima und der besonderen, natürlichen Beschaffenheit des Wohnorts, teils in der so abweichenden Erziehung des Körpers und Geistes der Jugend, der vernachlässigten, verschobenen, oder überfeinerten Ausbildung beider, dem Missbrauch derselben im Beruf oder Lebensverhältnis, der diätetischen Lebensart, den Leidenschaften der Menschen, ihren Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten mancher Art.zur Bildung dieser großen Verschiedenheit chronischer Krankheiten (sekundärer Symptome der Psora) beizutragen pflegen, auch außer der unbeschreiblichen Mannigfaltigkeit der Menschen in ihren angeborenen Körperkonstitutionen, welche schon für sich so unendlich voneinander abweichen, dass es kein Wunder ist, wenn auf so verschiedene, vom psorischen Miasma durchdrungene Organismen, so viele verschiedene, oft dauernd, von innen und außen einwirkende Schädlichkeiten auch unzählbar verschiedene Mängel, Verderbnisse, Verstimmungen und Leiden hervorbringen, welche unter einer Menge eigener Namen als für sich bestehende Krankheiten in der alten Pathologie *
* Wie viel gibt es darin nicht missbräuchliche, vieldeutige Namen, unter deren jedem man höchst verschiedene, oft nur mit einem einzigen Symptom sich ähnelnde Krankheitszustände begreift, wie: kaltes Fieber, Gelbsucht, Wassersucht, Schwindsucht, Leukorrhoe, Hämorrhoiden, Rheumatismus, Schlagfluss, Krämpfe, Hysterie, Hypochondrie, Melancholie, Manie, Bräune, Lähmung usw., die man für sich gleichbleibende, festständige Krankheiten ausgibt und des Namens wegen nach einem festgesetzten Leisten behandelt! Wie könnte man mit einem solchen Namen eine gleichartige, arzneiliche Behandlung rechtfertigen? Und soll die Kur nicht immer dieselbe sein, wozu der gleiche Kur voraussetzende identische Name? “Nihil sane in artem medicam pestiferum magis unquam irrepsit malum, quam generalia quaedam nomina morbis imponere iisque aptare velle generalem quandam medicinam,” spricht der so einsichtsvolle, als seines zarten Gewissens wegen verehrungswerte Huxham (Op. phys. med. Tom. I.). Und ebenso beklagt sich Fritze (Annalen I S. 80) “dass man wesentlich verschiedene Krankheiten mit Einem Namen benenne.” Selbst jene Volkskrankheiten, welche sich wohl bei jeder einzelnen Epidemie durch einen eigenen, uns unbekannt bleibenden Ansteckungsstoff fortpflanzen mögen, werden in der alten Arzneischule, gleich als wären sie stets gleichartig wiederkehrende, schon bekannte, festständige Krankheiten, mit Namen belegt, wie: Spital-, Kerker-, Lager-, Faul-, Gallen-, Nerven-, Schleimfieber, obgleich jede Epidemie solcher herumgehenden Fieber sich jedesmal als eine andere, neue, nie ganz so jemals dagewesene Krankheit auszeichnet, sehr abweichend in ihrem Verlauf sowohl, als in mehreren der auffallendsten Symptome und ihrem ganzen jedesmaligen Verhalten. Jede ist allen vorhergegangenen, so oder so benannten Epidemien dergestalt unähnlich, dass man alle logische Genauigkeit in Begriffen verleugnen müsste, wenn man diesen von sich selbst so sehr abweichenden Seuchen einen jener, in der Pathologie eingeführten Namen geben und sie, dem missbräuchlichen Namen nach, arzneilich überein behandeln wollte. Diess sah bloß der redliche Sydenham ein, da er (Oper. Cap. 2. de morb. epid. S. 43) darauf dringt, keine epidemische Krankheit für eine schon dagewesene zu halten und sie nach Art einer anderen ärztlich zu behandeln, da sie alle, so viel ihrer nach und nach kämen, voneinander verschieden wären: animum admiratione percellit, quam discolor et sui plane dissimilis morborum epidemicorum facies; quae tam aperta horum morborum diversitas tum propriis ac sibi peculiaribus symptomatis tum etiam medendi ratione, quam hi ab illis disparem sibi vindicant, satis illucescit. Ex quibus constat, morbos epidemicos, utut externa quatantenus specie et symptomatis aliquot utrisque pariter convenire paullo incautioribus videantur, re tamen ipsa, si bene adverteris animum, alienae esse admodum indolis et distare ut aera lupinis. Aus Allem diesen erhellet, dass diese nutzlosen und missbräuchlichen Krankheitsnamen keinen Einfluss auf die Kurart eines echten Heilkünstlers haben dürfen, welcher weiß, dass er die Krankheiten nicht nach der wegen Namensähnlichkeit eines einzelnen Symptoms, sondern nach dem ganzen Inbegriff aller Zeichen des individuellen Zustandes jedes einzelnen Kranken zu beurteilen und zu heilen habe, dessen Leiden er genau auszuspähen die Pflicht hat, nie aber hypothetisch vermuten darf. Glaubt man aber dennoch zuweilen Krankheitsnamen zu bedürfen, um, wenn von einem Kranken die Rede ist, sich dem Volke in der Kürze verständlich zu machen, so bediene man sich derselben nur als Kollektivnamen, und sage ihnen z. B.: der Kranke hat eine Art Veitstanz, eine Art von Wassersucht, eine Art von Nervenfieber, eine Art kaltes Fieber, nie aber (damit endlich einmal die Täuschung mit diesen Namen aufhöre): er hat den Veitstanz, das Nervenfieber, die Wassersucht, das kalte Fieber, da es doch gewiss keine festständigen, sich gleichbleibenden Krankheiten dieser und ähnlicher Namen gibt.bisher aufgeführt wurden.
§ 82
Ob nun gleich die Heilkunst durch Entdeckung jener großen Quelle der chronischen Krankheiten, auch in Hinsicht der Auffindung der spezifischeren, homöopathischen Heilmittel, namentlich für die Psora, der Natur der zu heilenden Mehrzahl von Krankheiten um einige Schritte näher gekommen ist, so bleibt doch zur Bildung der Indikation bei jeder zu heilenden chronischen (psorischen) Krankheit für den homöopathischen Arzt die Pflicht sorgfältiger Auffassung der erforschbaren Symptome und Eigenheiten derselben so unerlässlich, als vor jener Erfindung, da keine echte Heilung dieser, so wie der übrigen Krankheiten stattfinden kann, ohne strenge Eigen-Behandlung (Individualisierung) jedes Krankheitsfalles – nur, dass bei dieser Erforschung einiger Unterschied zu beobachten ist, ob das Leiden eine akute und schnell entstandene Krankheit oder eine chronische sei, da bei den akuten die Hauptsymptome schneller auffallen und den Sinnen erkennbar werden und daher weit kürzere Zeit zur Aufzeichnung des Krankheitsbildes erforderlich, auch weit weniger dabei zu fragen ist, *
* Das so eben erfolgende Schema zur Ausforschung der Symptome geht daher nur zum Teil die akuten Krankheiten an.da sich das Meiste von selbst darbietet, als bei den weit mühsamer aufzufindenden Symptomen einer schon mehrere Jahre allmählich fortgeschrittenen, chronischen Krankheit.
§ 83
Diese individualisierende Untersuchung eines Krankheitsfalles, wozu ich hier nur eine allgemeine Anleitung gebe, und wovon der Krankheitsuntersucher nur das für den jedesmaligen Fall Anwendbare beibehält, verlangt von dem Heilkünstler als Unbefangenheit und gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit.
§ 84
Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden; die Angehörigen erzählen seine Klagen, sein Benehmen, und was sie an ihm wahrgenommen; der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne, was verändert und ungewöhnlich an ihm ist. Er schreibt alles genau mit denselben Ausdrücken auf, deren der Kranke und die Angehörigen sich bedienen. Stillschweigend lässt er sie ausreden, wo möglich, wenn sie nicht auf Nebendinge abschweifen, ohne Unterbrechung. *
* Jede Unterbrechung stört die Gedankenreihe der Erzählenden, und es fällt ihnen hinterdrein nicht alles genau so wieder ein, wie sie´s Anfangs sagen wollten.Bloß langsam zu sprechen ermahne sie der Arzt gleich anfangs, damit er den Sprechenden im Nachschreiben des Nötigen folgen könne.
§ 85
Mit jeder Angabe des Kranken oder der Angehörigen bricht er die Zeile ab, damit die Symptome alle einzeln untereinander zu stehen kommen. So kann er bei jedem nachtragen, was ihm anfänglich allzu unbestimmt, nachgehends aber deutlicher angegeben wird.
§ 86
Sind die Erzählenden fertig mit dem, was sie von selbst sagen wollten, so trägt der Arzt bei jedem einzelnen Symptom die nähere Bestimmung nach, auf folgende Weise erkundigt:
Er liest die einzelnen, ihm gesagten Symptome durch, und fragt bei diesem und jenem insbesondere: z.B. Zu welcher Zeit er eignete sich dieser Zufall? in der Zeit vor dem bisherigen Arzneigebrauch? Während des Arzneieinnehmens? Oder erst einige Tage nach Beiseitesetzung der Arzneien?
Was für ein Schmerz, welche Empfindung, genau beschrieben, war es, die sich an dieser Stelle ereignete? Welche genaue Stelle war es? Erfolgte der Schmerz abgesetzt und einzeln, zu verschiedenen Zeiten? Oder war er anhaltend, unausgesetzt? Wie lange? Zu welcher Zeit des Tages oder der Nacht, und in welcher Lage des Körpers war er am schlimmsten, oder setzte ganz aus? Wie war dieser, wie war jener angegebene Zufall oder Umstand – mit deutlichen Worten beschrieben – genau beschaffen?
§ 87
Und so lässt sich der Arzt die nähere Bestimmung von jeder einzelnen Angabe noch dazu sagen, ohne jedoch jemals dem Kranken bei der Frage schon die Antwort mit in den Mund zu legen, *
* Der Arzt darf z. B. nicht fragen: “war nicht etwa auch dieser oder jener Umstand da?” Dergleichen zu einer falschen Antwort und Angabe verführende Suggestionen darf sich der Arzt nie zu Schulden kommen lassen.so dass der Kranke dann bloß mit Ja oder Nein darauf zu antworten hätte; sonst wird er verleitet, etwas Unwahres, Halbwahres oder anders Vorhandenes, aus Bequemlichkeit oder dem Fragenden zu gefallen, zu bejahen oder zu verneinen, wodurch ein falsches Bild der Krankheit und eine umfassende Kurart entstehen muss.
§ 88
Ist nun bei diesen freiwilligen Angaben von mehreren Teilen oder Funktionen des Körpers oder von seiner Gemütsstimmung nicht erwähnt worden, so fragt der Arzt, was in Rücksicht dieser Teile und dieser Funktionen, so wie wegen seines Geistes oder Gemütszustandes, *
* Z. B. Wie ist es mit dem Stuhlgang? Wie geht der Urin ab? Wie ist es mit dem Schlaf, bei Tage, bei der Nacht? Wie ist sein Gemüt, seine Laune, seine Besinnungskraft beschaffen? Wie ist es mit dem Durst? Wie ist es mit dem Geschmack so für sich im Mund? Welche Speisen und Getränke schmecken ihm am besten? Welche sind ihm am meisten zuwider? Hat jedes seinen natürlichen, vollen, oder einen anderen, fremden Geschmack? Wie wird ihm nach dem Essen oder Trinken? Ist etwas wegen des Kopfes, der Glieder, oder des Unterleibes zu erinnern?noch zu erinnern sei, aber in allgemeinen Ausdrücken, damit der Berichtgeber genötigt sei, sich speziell darüber zu äußern.
§ 89
Hat nun der Kranke (in diesem ist in Absicht seiner Empfindungen, außer in Verstellungs-Krankheiten, der meiste Glaube beizumessen) auch durch diese freiwilligen und bloß veranlassten Äußerungen dem Arzt gehörige Auskunft gegeben und das Bild der Krankheit ziemlich vervollständigt, so ist es diesem erlaubt, und nötig (wenn er fühlt, dass er noch nicht gehörig unterrichtet sei), nähere, speziellere Fragen zu tun.
Z. B. Wie oft hatte er Stuhlgang; von welcher genauen Beschaffenheit? War der weißliche Stuhlgang Schleim oder Kot? Waren Schmerzen beim Abgang, oder nicht? Welche genau, und wo? Was brach der Kranke aus? Ist der garstige Geschmack im Mund faul, oder bitter, oder sauer, oder wie sonst? vor oder nach dem Essen und Trinken, oder während desselben? Zu welcher Tageszeit am meisten?
Von welchem Geschmack ist das Aufstoßen? Wird der Urin erst beim Stehen trübe, oder lässt er ihn gleich trübe? Von welcher Farbe ist er, wenn er ihn eben gelassen hat? Von welcher Farbe ist der Satz? -
Wie gebärdet oder äußert er sich im Schlaf? wimmert, stöhnt, redet oder schreit er im Schlaf? erschrickt er im Schlaf? schnarcht er beim Einatmen, oder beim Ausatmen?
Liegt er einzig auf dem Rücken, oder auf welcher Seite? Deckt er sich selbst fest zu, oder leidet er das Zudecken nicht? Wacht er leicht auf, oder schläft er allzu fest? Wie befindet er sich gleich nach dem Erwachen aus dem Schlaf?
Wie oft kommt diese, wie oft jene Beschwerde; auf welche jedesmalige Veranlassung kommt sie? im Sitzen, im Liegen, im Stehen oder bei der Bewegung? bloß nüchtern, oder doch früh, oder bloß Abends, oder bloß nach der Mahlzeit, oder wann sonst gewöhnlich? -
Wann kam der Frost? war es bloß Frostempfindung, oder war er zugleich kalt? an welchen Teilen? oder war er bei der Frostempfindung sogar heiß anzufühlen? war es bloß Empfindung von Kälte, ohne Schauder? war er heiß, ohne Gesichtsröte? an welchen Teilen war er heiß anzufühlen? oder klagte er über Hitze, ohne heiß zu sein beim Anfühlen? wie lange dauerte der Frost, wie lange die Hitze? -
Wann kam der Durst? beim Frost? bei der Hitze? oder vorher? oder nachher? wie stark war der Durst, und worauf?
- Wann kommt der Schweiß? beim Anfang, oder zu Ende der Hitze? oder wie viele Stunden nach der Hitze? im Schlaf oder im Wachen? wie stark ist der Schweiß? heiß oder kalt? an welchen Teilen? von welchem Geruch? -
Was klagt er an Beschwerden vor oder bei dem Frost? was bei der Hitze? was nach derselben? was bei oder nach dem Schweiß? usw.
§ 90
Ist der Arzt mit Niederschreibung dieser Aussagen fertig, so merkt er sich an, was er selbst an dem Kranken wahrnimmt *
* Z. B. Wie sich der Kranke bei dem Besuch gebärdet hat, ob er verdrießlich, zänkisch, hastig, weinerlich, ängstlich, verzweifelt oder traurig, oder getrost, gelassen, usw.; ob er schlaftrunken oder überhaupt unbesinnlich war? ob er heisch, sehr leise, oder ob er unpassend, oder wie anders er redete? wie die Farbe des Gesichts und der Augen, und die Farbe der Haut überhaupt, wie die Lebhaftigkeit und Kraft der Mienen und Augen, wie die Zunge, der Atem, der Geruch aus dem Mund, oder das Gehör beschaffen ist? wie sehr die Pupillen erweitert, oder verengt sind? wie schnell, wie weit sie sich im Dunkeln und Hellen verändern? wie der Puls? wie der Unterleib? wie feucht oder heiß, wie kalt oder trocken die Haut an diesen oder jenen Teilen oder überhaupt anzufühlen ist? ob er mit zurückgebogenem Kopf, mit halb oder ganz offenem Mund, mit über den Kopf gelegten Armen, ob er auf dem Rücken, oder in welcher anderen Stellung er liegt? mit welcher Anstrengung er sich aufrichtet, und was von dem Arzt sonst auffallend Bemerkbares an ihm wahrgenommen werden konnte.und erkundigt sich, was dem Kranken hiervon in gesunden Tagen eigen gewesen.
§ 91
Die Zufälle und das Befinden des Kranken während eines etwa vorgängigen Arzneigebrauchs geben nicht das reine Bild der Krankheit; diejenigen Symptomen und Beschwerden hingegen, welche er vor dem Gebrauch der Arzneien oder nach ihrer mehrtägigen Zurücksetzung litt, geben den echten Grundbegriff von der ursprünglichen Gestalt der Krankheit, und vorzüglich diese muss der Arzt sich aufzeichnen. Er kann auch wohl, wenn die Krankheit langwierig ist, dem Kranken, wenn er bis jetzt noch Arznei genommen hatte, einige Tage ganz ohne Arznei lassen, oder ihm etwas Unarzneiliches indes geben und bis dahin die genauere Prüfung der Krankheitszeichen verschieben, um die dauerhaften, unvermischten Symptome des alten Übels in ihrer Reinheit aufzufassen und ein untrügliches Bild von der Krankheit entwerfen zu können.
§ 92
Ist es aber eine schnell verlaufende Krankheit, und leidet ihr dringender Zustand keinen Verzug, so muss sich der Arzt mit dem, selbst von den Arzneien geänderten Krankheitszustand begnügen, wenn er die vor dem Arzneigebrauch bemerkten Symptome nicht erfahren kann, – um wenigstens die gegenwärtige Gestalt des Übels, das heißt, um die mit der ursprünglichen Krankheit vereinigte Arzneikrankheit, welche durch die oft zweckwidrigen Mittel gewöhnlich beträchtlicher und gefährlicher, als die ursprüngliche ist, und daher oft dringend zweckmäßige Hilfe heischt, in ein Gesamtbild zusammenfassen und, damit der Kranke an der genommenen schädlichen Arznei nicht sterbe, mit einem passend homöopathischen Heilmittel besiegen zu können.
§ 93
Ist die Krankheit durch ein auffallendes Ereignis seit kurzem, oder bei einem langwierigen Übel vor längerer Zeit verursacht worden, so wird der Kranke – oder wenigstens die im Geheim befragten Angehörigen – sie schon angeben, entweder von selbst und aus eigenem Antrieb oder auf eine behutsame Erkundigung. *
* Den etwaigen entehrenden Veranlassungen, welche der Kranke oder die Angehörigen nicht gern, wenigstens nicht von freien Stücken gestehen, muss der Arzt durch klügliche Wendungen der Fragen oder durch andere Privaterkundigungen auf die Spur zu kommen suchen.Dahin gehören: Vergiftung oder begonnener Selbstmord, Onanie, Ausschweifungen gewöhnlicher oder unnatürlicher Wollust, Schwelgen in Wein, Likören, Punsch und anderen hitzigen Getränken, oder Kaffee, – Schwelgen in Essen überhaupt oder in besonders schädlichen Speisen, – venerische oder Krätz-Ansteckung, unglückliche Liebe, Eifersucht, Hausunfrieden, Ärgernis, Gram über ein Familienunglück, erlittene Misshandlung, verbissene Rache, gekränkter Stolz, Zerrüttung der Vermögensumstände, – abergläubige Furcht, – Hunger – oder ein Körpergebrechen an den Schamteilen, ein Bruch, ein Vorfall usw.
§ 94
Bei Erkundigung des Zustandes chronischer Krankheiten müssen die besonderen Verhältnisse des Kranken in Absicht seiner gewöhnlichen Beschäftigungen, seiner gewohnten Lebensordnung und Diät, seiner häuslichen Lage usw. wohl erwogen und geprüft werden, was sich in ihnen Krankheit erregendes oder unterhaltendes befindet, um durch dessen Entfernung die Genesung befördern zu können. *
* Vorzüglich muss bei chronischen Krankheiten des weiblichen Geschlechts auf Schwangerschaft, Unfruchtbarkeit, Neigung zur Begattung, Niederkunften, Fehlgeburten, Kindersäugen, und den Zustand des monatlichen Blutflusses Rücksicht genommen werden.Insbesondere ist in Betreff des letzteren die Erkundigung nicht zu versäumen, ob er in zu kurzen Perioden wiederkehrt, oder über die gehörige Zeit außen bleibt, wie viele Tage er anhält, ununterbrochen oder abgesetzt? in welcher Menge überhaupt, wie dunkel von Farbe, ob mit Leukorrhoe (Weißfluss) vor dem Eintritt oder nach der Beendigung? vorzüglich aber mit welchen Beschwerden Leibes und der Seele, mit welchen Empfindungen und Schmerzen vor dem Eintritt, bei dem Blutfluss oder nachher?
Ist Weißfluss bei ihr; wie er beschaffen ist? mit welchen Empfindungen? in welcher Menge? und unter welchen Bedingungen und auf welche Veranlassungen er erscheint?
§ 95
Die Erforschung der obgedachten und aller übrigen Krankheitszeichen muss deshalb bei chronischen Krankheiten so sorgfältig und umständlich, wie möglich, geschehen und in die kleinsten Einzelheiten gehen, teils weil sie bei diesen Krankheiten am sonderlichsten sind, denen in den schnell vorübergehenden Krankheiten am wenigsten gleichend, und bei der Heilung, wenn sie gelingen soll, nicht genau genug genommen werden können; teils weil die Kranken der langen Leiden so gewohnt werden, dass sie auf die kleineren, oft sehr bezeichnungsvollen (charakteristischen) – bei Aufsuchung des Heilmittels oft viel entscheidenden – Nebenzufälle wenig oder gar nicht mehr achten und sie fast für einen Teil ihres notwendigen Zustandes, fast für Gesundheit ansehen, deren wahres Gefühl sie bei der oft 15-, 20-jährigen Dauer ihrer Leiden ziemlich vergessen haben, es ihnen auch kaum einfällt, zu glauben, dass diese Nebensymptome, diese übrigen, kleineren oder größeren Abweichungen vom gesunden Zustand mit ihrem Hauptübel im Zusammenhang stehen könnten.
§ 96
Zudem sind die Kranken selbst von so abweichender Gemütsart, dass einige, vorzüglich die so genannten Hypochondristen und andere sehr gefühlige und unleidliche Personen ihre Klagen in allzu grellem Licht aufstellen und, um den Arzt zur Hilfe aufzureizen, die Beschwerden mit überspannten Ausdrücken bezeichnen. *
* Eine reine Erdichtung von Zufällen und Beschwerden wird man wohl nie bei Hypochondristen, selbst bei den unleidlichsten nicht, antreffen, – dies zeigt die Vergleichung ihrer zu verschiedenen Zeiten geklagten Beschwerden, während der Arzt ihnen nichts oder etwas ganz Unarzneiliches eingibt, deutlich; – nur muss man von ihren Übertreibungen etwas abziehen, wenigstens die Stärke ihrer Ausdrücke auf Rechnung ihres übermäßigen Gefühls setzen; in welcher Hinsicht selbst diese Hochstimmung ihrer Ausdrücke über ihre Leiden für sich schon zum bedeutenden Symptom in der Reihe der übrigen wird, woraus das Bild der Krankheit zusammengesetzt ist. Bei Wahnsinnigen und böslichen Krankheitserdichtern ist es ein anderer Fall.§ 97
Andere, entgegengesetzte Personen aber halten, teils aus Trägheit, teils aus missverstandener Scham, teils aus einer Art milder Gesinnung oder Blödigkeit, eine Menge Beschwerden zurück, bezeichnen sie mit undeutlichen Ausdrücken, oder geben mehrere als unbeschwerlich an.
§ 98
So gewiss man nun auch vorzüglich den Kranken über seine Beschwerden und Empfindungen zu hören und vorzüglich seinen eigenen Ausdrücken, mit denen er seine Leiden zu verstehen geben kann, Glauben beizumessen hat, – weil sie im Munde der Angehörigen und Krankenwärter verändert und verfälscht zu werden pflegen, – so gewiss erfordert doch auf der anderen Seite bei allen Krankheiten, vorzüglich aber bei den langwierigen, die Erforschung des wahren, vollständigen Bildes derselben und seiner Einzelheiten besondere Umsicht, Bedenklichkeit, Menschenkenntnis, Behutsamkeit im Erkundigen und Geduld, in hohem Grade.
§ 99
Im Ganzen wird dem Arzt die Erkundigung akuter, oder sonst seit Kurzem entstandener Krankheiten leichter, weil dem Kranken und den Angehörigen alle Zufälle und Abweichungen von der nur unlängst erst verlorenen Gesundheit noch in frischem Gedächtnis, noch neu und auffallend geblieben sind. Der Arzt muss zwar auch hier alles wissen; er braucht aber weit weniger zu erforschen; man sagt ihm alles größtenteils von selbst.
§ 100
Bei Erforschung des Symptomen-Inbegriffs der epidemischen Seuchen und sporadischen Krankheiten ist es sehr gleichgültig, ob schon ehedem etwas Ähnliches unter diesem oder jenem Namen in der Welt vorgekommen sei. Die Neuheit oder Besonderheit einer solchen Seuche macht keinen Unterschied weder in ihrer Untersuchung, noch Heilung, da der Arzt ohnehin das reine Bild jener gegenwärtig herrschenden Krankheit als neu und unbekannt voraussetzen und es, vom Grunde aus, für sich erforschen muss, wenn er ein echter, gründlicher Heilkünstler sein will, der nie Vermutung an die Stelle der Wahrnehmung setzen, nie einen ihm angetragenen Krankheitsfall weder ganz, noch zum Teil für bekannt annehmen darf, ohne ihn sorgfältig nach allen seinen Äußerungen auszuspähen, und dies hier umso mehr, da jede herrschende Seuche in vieler Hinsicht eine Erscheinung eigener Art ist und sehr abweichend von allen ehemaligen, fälschlich mit gewissen Namen belegten Seuchen bei genauer Untersuchung befunden wird; – wenn man die Epidemien von sich gleich bleibendem Ansteckungszunder, die Menschenpocken, die Masern usw. ausnimmt.
§ 101
Es kann wohl sein, dass der Arzt beim ersten ihm vorkommenden Fall einer epidemischen Seuche, nicht gleich das vollkommene Bild derselben zur Wahrnehmung bekommt, da jede solche Kollektivkrankheit erst bei näherer Beobachtung mehrerer Fälle den Inbegriff ihrer Symptome und Zeichen an den Tag legt. Indessen kann der sorgfältig forschende Arzt schon beim ersten und zweiten Kranken dem wahren Zustand oft schon so nahe kommen, dass er einem charakteristischen Bild davon inne wird – und selbst schon dann ein passendes, homöopathisch angemessenes Heilmittel für sie ausfindet.
§ 102
Bei Niederschreibung der Symptome mehrerer Fälle dieser Art wird das entworfene Krankheitsbild immer vollständiger, nicht größer und wortreicher, aber bezeichnender (charakteristischer), die Eigentümlichkeit dieser Kollektivkrankheit umfassender; die allgemeinen Zeichen (z.B. Appetitlosigkeit, Mangel an Schlaf usw.) erhalten ihre eigenen und genaueren Bestimmungen, und auf der anderen Seite treten die mehr ausgezeichneten, besonderen, wenigstens in dieser Verbindung selteneren, nur wenigen Krankheiten eigenen Symptome hervor und bilden das Charakteristische dieser Seuche. *
* Dann werden dem Arzt, welcher schon in den ersten Fällen das dem spezifisch homöopathischen nahe kommende Heilmittel hat wählen können, die folgenden Fälle entweder die Angemessenheit der gewählten Arznei bestätigen, oder ihn auf ein noch passenderes, auf das passendste homöopathische Heilmittel hinweisen.Alle an der dermaligen Seuche Erkrankten haben zwar eine aus einer und derselben Quelle geflossene und daher gleiche Krankheit; aber der ganze Umfang einer solchen epidemischen Krankheit und die Gesamtheit ihrer Symptome (deren Kenntnis zur Übersicht des vollständigen Krankheitsbildes gehört, um das für diesen Symptomen-Inbegriff passendste homöopathische Heilmittel wählen zu können) kann nicht bei einem einzelnen Kranken wahrgenommen, sondern nur aus den Leiden mehrerer Kranker von verschiedener Körperbeschaffenheit vollständig abgezogen (abstrahiert) und entnommen werden.
§ 103
Auf gleiche Weise, wie hier von den epidemischen, meist akuten Seuchen gelehrt worden, mussten auch von mir die in ihrem Wesen sich gleichbleibenden miasmatischen, chronischen Siechtume, namentlich und vorzüglich die Psora, viel genauer als bisher geschah, nach dem Umfang ihrer Symptome ausgeforscht werden, indem auch bei ihnen der eine Kranke nur einen Teil derselben an sich trägt, ein zweiter, ein dritter usw. wiederum an einigen anderen Zufällen leidet, welche ebenfalls nur ein (gleichsam abgerissener) Teil aus der Gesamtheit der den ganzen Umfang desselben Siechtums ausmachenden Symptome sind, so dass nur an sehr vielen einzelnen dergleichen chronischen Kranken der Inbegriff aller zu einem solchen miasmatischen, chronischen Siechtum, insbesondere der Psora gehörigen Symptome ausgemittelt werden konnte, ohne deren vollständige Übersicht und Gesamtbild die homöopathisch das ganze Siechtum heilenden (namentlich der antipsorischen) Arzneien nicht ausgeforscht werden konnten, welche zugleich die wahren Heilmittel der einzelnen, an dergleichen chronischen Übeln leidenden Kranken sind.
§ 104
Ist nun die Gesamtheit der den Krankheitsfall vorzüglich bestimmenden und auszeichnenden Symptome, oder, mit anderen Worten, das Bild der Krankheit irgend einer Art einmal genau aufgezeichnet, *
* Die Ärzte alter Schule machten sich´s hiermit in ihren Kuren äußerst bequem. Da hörte man keine genaue Erkundigung nach allen Umständen des Kranken, ja der Arzt unterbrach diese sogar oft in der Erzählung ihrer einzelnen Beschwerden, um sich nicht stören zu lassen bei schneller Aufschreibung des Rezeptes, aus mehreren von ihm nach ihrer wahren Wirkung nicht gekannten Ingredienzen zusammengesetzt. Kein allöopathischer Arzt, wie gesagt, verlangte die sämtlichen genauen Umstände des Kranken zu erfahren und noch weniger schrieb er sich etwas davon auf. Wenn er dann den Kranken nach mehreren Tagen wieder sah, wusste er von den wenigen, zuerst gehörten Umständen (da er seitdem so viele verschiedene, andere Kranke gesehen) wenig oder nichts mehr; er hatte es zu dem einen Ohre hinein und zu dem anderen wieder hinaus gehen lassen. Auch tat er bei ferneren Besuchen nur wenige allgemeine Fragen, tat als fühlte er den Puls an der Handwurzel, besah die Zunge, verschrieb in demselben Augenblick, ebenso ohne verständigen Grund, ein anderes Rezept, oder ließ das erstere (öfters des Tages in ansehnlicheren Portionen) fortbrauchen und eilte mit zierlichen Gebärden zu dem 50., 60. Kranken, den er denselben Vormittag noch gedankenlos zu besuchen hatte. So ward das eigentlich nachdenklichste aller Geschäfte, die gewissenhafte, sorgfältige Erforschung des Zustandes jedes einzelnen Kranken und die darauf zu gründende, spezielle Heilung von den Leuten getrieben, die sich Ärzte, rationelle Heilkünstler nannten. Der Erfolg war fast ohne Ausnahme schlecht, wie natürlich; und dennoch mussten die Kranken zu ihnen, teils weil es nichts Bessers gab, teils aus Etikette.so ist auch die schwerste Arbeit geschehen.
Der Heilkünstler hat es dann bei der Kur, vorzüglich der chronischen Krankheit zum Grunde gelegt, auf immer vor sich, kann es in allen seinen Teilen durchschauen und die charakteristischen Zeichen herausheben, um eine gegen diese, das ist, gegen das Übel selbst gerichtete, treffend ähnliche, künstliche Krankheitspotenz in dem homöopathisch gewählten Arzneimittel entgegenzusetzen, gewählt aus den Symptomreihen aller nach ihren reinen Wirkungen bekannt gewordenen Arzneien. Und wenn er sich während der Kur nach dem Erfolg der Arznei und dem geänderten Befinden des Kranken erkundigt, braucht er bei seinem neuen Krankheitsbefund von der ursprünglichen Gruppe der zuerst aufgezeichneten Symptome bloß das in seinem Manual wegzulassen, was sich gebessert hat, und dazu zu setzen, was noch davon vorhanden, oder etwa an neuen Beschwerden hinzugekommen ist.
§ 105
Der zweite Punkt des Geschäftes eines echten Heilkünstlers, betrifft die Erforschung der zu Heilung der natürlichen Krankheiten bestimmten Werkzeuge, die Erforschung der krankmachenden Kraft der Arzneien, um, wo zu heilen ist, eine von ihnen aussuchen zu können, aus deren Symptomenreihe eine künstliche Krankheit zusammengesetzt werden kann, der Haupt-Symptomen-Gesamtheit der zu heilenden natürlichen Krankheit möglichst ähnlich.
§ 106
Die ganze, Krankheit erregende Wirksamkeit der einzelnen Arzneien muss bekannt sein, das ist, möglichst alle die krankhaften Symptome und Befindensveränderungen, die jede derselben in gesunden Menschen besonders zu erzeugen fähig ist, müssen erst beobachtet worden sein, ehe man hoffen kann, für die meisten natürlichen Krankheiten treffend homöopathische Heilmittel unter ihnen finden und auswählen zu können.
§ 107
Gibt man um dies zu erforschen, Arzneien nur den kranken Personen ein, selbst wenn man sie nur einfach und einzeln verordnete, so sieht man von ihren reinen Wirkungen wenig oder nichts Bestimmtes, da die von den Arzneien zu erwartenden, besonderen Befindensveränderungen mit den Symptomen der gegenwärtigen natürlichen Krankheit vermengt, nur selten deutlich wahrgenommen werden können.
§ 108
Es ist also kein Weg weiter möglich, auf welchem man die eigentümlichen Wirkungen der Arzneien auf das Befinden des Menschen untrüglich erfahren könnte – es gibt keine einzige sichere, keine natürlichere Veranstaltung zu dieser Absicht, als dass man die einzelnen Arzneien versuchsweise gesunden Menschen in mäßiger Menge eingibt, um zu erfahren, welche Veränderungen, Symptome und Zeichen ihrer Einwirkung jede besonders im Befinden Leibes und der Seele hervorbringe, das ist, welche Krankheitselemente sie zu erregen fähig und geneigt sei, *
* Nicht ein einziger Arzt, meines Wissens, kam in der drittehalbtausendjährigen Vorzeit auf diese so natürliche, so unumgänglich notwendige, einzig echte Prüfung der Arzneien auf ihre reinen, eigentümlichen, das Befinden der Menschen umstimmenden Wirkungen, um so zu erfahren, welche Krankheitszustände jede Arznei zu heilen vermöge, als der große, unsterbliche Albrecht von Haller. Bloß dieser sah, außer mir, die Notwendigkeit hiervon ein (siehe Vorrede zur Pharmacopoea Helvet., Basil. 1771. fol. S. 12): “Nempe primum in corpore sano medela tentanda est, sine peregrina ulla miscela; odoreque et sapore ejus exploratis, exigua illius dosis ingerenda et ad omnes, quae inde contingunt, affectiones, quis pulsus, qui calor, quae respiratio, quaenam excretiones, attendendum. Inde ad ductum phaenomenorum, in sano obviorum, transeas ad experimenta in corpore aegroto etc.” Aber Niemand, kein einziger Arzt achtete oder befolgte diese, seine unschätzbaren Winke.da, wie (§ 24 bis 27) gezeigt worden, alle Heilkraft der Arzneien einzig in dieser ihrer Menschenbefindens-Veränderungskraft liegt, und aus Beobachtung der letzteren hervorleuchtet.
§ 109
Diesen Weg schlug ich zuerst ein mit einer Beharrlichkeit, die nur durch eine vollkommene Überzeugung von der großen, Menschen beglückenden Wahrheit, dass bloß durch homöopathischen Gebrauch der Arzneien die einzig gewisse Heilung der Krankheiten der Menschen möglich sei, *
* Es ist unmöglich, dass es außer der reinen Homöopathik noch eine andere wahre, beste Heilung der dynamischen (das ist, aller nicht chirurgischen) Krankheiten geben könne, so wenig als zwischen zwei gegebenen Punkten mehr als eine gerade Linie zu ziehen möglich ist. Wie wenig muss der, welcher wähnt, dass es außer ihr noch andere Arten, Krankheiten zu heilen gebe, der Homöopathie auf den Grund gesehen und sie mit hinlänglicher Sorgfalt ausgeübt, oder richtig motivierte, homöopathische Heilungen gesehen oder gelesen, und auf der anderen Seite die Ungegründetheit jeder allöopathischen Verfahrungsart in Krankheiten erwogen und die teils schlechten, teils schrecklichen Erfolge davon erkundigt haben, welcher mit einem solchen lockeren Indifferentismus die einzig wahre Heilkunst jenen schädlichen Kurarten gleich stellt, oder sie gar für Schwestern der Homöopathik ausgibt, deren sie nicht entbehren könne! Meine echten, gewissenhaften Nachfolger, die reinen Homöopathiker mit ihren fast nie fehlenden, glücklichen Heilungen mögen sie eines Besseren belehren.entstehen und aufrecht erhalten werden konnte. *
* Die erste Frucht von diesem Streben legte ich, so reif sie damals sein konnte, nieder in den: Fragmenta de viribus medicamentorum positivis, sive in sano corp. hum. observatis. P.I. II. Lipsiae, 8. 1805. ap. J.A. Barth; die reifere in: Reine Arzneimittellehre. I. T. dritte Ausg. II. T. dritte Ausg. 1833. III. T. zw. Ausg. 1825. IV. T. zw. Ausg. 1825. V. T. zw. Ausg. 1826. VI. T. zw. Ausg. 1827. und im zweiten, dritten und vierten Teil der chronischen Krankheiten, 1828. 1830. Dresden bei Arnold.§ 110
Daneben sah ich, dass die krankhaften Schädlichkeiten, welche vorgängige Schriftsteller von arzneilichen Substanzen aufgezeichnet hatten, wenn sie in großer Menge aus Versehen, oder um sich oder Andere zu töten, oder unter anderen Umständen in den Magen gesunder Personen geraten waren, mit meinen Beobachtungen beim Versuchen derselben Substanzen an mir und anderen gesunden Personen viel übereinkamen. Sie erzählen diese Vorgänge als Vergiftungsgeschichten und als Beweise des Nachteils dieser heftigen Dinge, meistens nur, um davor zu warnen, teils auch, um ihre Kunst zu rühmen, wenn bei ihren, gegen diese gefährlichen Zufälle gebrauchten Mittel allmählich wieder Genesung eingetreten war, teils aber auch, wo diese so angegriffenen Personen in ihrer Kur starben, sich mit der Gefährlichkeit dieser Substanzen, die sie dann Gifte nannten, zu entschuldigen. Keiner von diesen Beobachtern ahnte, dass diese von ihnen bloß als Beweise der Schädlichkeit und Giftigkeit dieser Substanzen erzählten Symptome, sichere Hinweisung enthielten auf die Kraft dieser Drogen, ähnliche Beschwerden in natürlichen Krankheiten heilkräftig auslöschen zu können, dass diese ihre Krankheitserregungen Andeutungen ihrer homöopathischen Heilwirkungen seien, und dass bloß auf Beobachtung solcher Befindensveränderungen, die die Arzneien in gesunden Körpern hervorbringen, die einzig mögliche Erforschung ihrer Arzneikräfte beruhe, indem weder durch vernünftelnde Klügelei a priori, noch durch Geruch, Geschmack oder Ansehen der Arzneien, noch durch chemische Bearbeitung, noch auch durch Gebrauch mehrerer derselben zugleich in einer Mischung (Rezepte) bei Krankheiten die reinen, eigentümlichen Kräfte der Arzneien zum Heilbehufe zu erkennen sind; man ahnte nicht, dass diese Geschichten von Arzneikrankheiten dereinst die ersten Anfangsgründe der wahren, reinen Arzneistofflehre abgeben würden, die von Anbeginn bis hierher nur in falschen Vermutungen und Erdichtungen bestand, das ist, noch gar nicht vorhanden war. *
* Man sehe, was ich hiervon gesagt habe in: Beleuchtung der Quellen der gewöhnlichen Materia medica, vor dem dritten Teil meiner reinen Arzneimittellehre.§ 111
Die Übereinkunft meiner mit jenen älteren – obgleich unhinsichtlich auf Heilbehuf geschriebenen – Beobachtungen reiner Arzneiwirkungen und selbst die Übereinstimmung dieser Nachrichten mit anderen dieser Art von verschiedenen Schriftstellern, überzeugt uns leicht, dass die Arzneistoffe bei ihrer krankhaften Veränderung des gesunden menschlichen Körpers, nach bestimmten, ewigen Naturgesetzen wirken, und, vermöge dieser, gewisse, zuverlässige Krankheitssymptome zu erzeugen fähig sind, jeder, nach seiner Eigentümlichkeit besondere.
§ 112
In jenen älteren Beschreibungen der oft lebensgefährlichen Wirkungen in so übermäßigen Gaben verschluckter Arzneien nimmt man auch Zustände wahr, die nicht anfangs, sondern beim Ausgang solcher traurigen Ereignisse sich zeigten und von einer den anfänglichen ganz entgegengesetzten Natur waren.
Diese der Erstwirkung (§ 63) oder eigentlichen Einwirkung der Arzneien auf die Lebenskraft entgegenstehenden Symptome sind die Gegenwirkung der Lebenskraft des Organismus, die Nachwirkung desselben (§ 62 bis 67), wovon jedoch bei mäßigen Gaben zum Versuch an gesunden Körpern selten oder fast nie das Mindeste zu spüren ist, bei kleinen Gaben aber gar nicht. Gegen diese macht der lebende Organismus beim homöopathischen Heilgeschäft nur so viel Gegenwirkung, als erforderlich ist, das Befinden wieder auf die natürlichen, gesunden Zustand zu erheben (§ 67).
§ 113
Bloß die narkotischen Arzneien machen hierin eine Ausnahme. Da sie in der Erstwirkung teils die Empfindlichkeit und Empfindung, teils die Reizbarkeit hinweg nehmen, so pflegt bei ihnen öfterer, auch bei mäßigen Versuchsgaben, in gesunden Körpern eine erhöhte Empfindlichkeit in der Nachwirkung (rund eine größere Reizbarkeit) merkbar zu werden.
§ 114
Diese narkotischen Substanzen ausgenommen, werden bei Versuchen mit mäßigen Gaben Arznei in gesunden Körpern bloß die Erstwirkungen derselben, das ist diejenigen Symptome wahrgenommen, womit die Arznei das Befinden des Menschen umstimmt und einen krankhaften Zustand auf längere oder kürzere Zeit in und an demselben hervorbringt.
§ 115
Unter diesen gibt es bei einigen Arzneien nicht wenige, welche anderen, teils vorher erschienenen, teils nachher erscheinenden Symptomen zum Teil oder in gewissen Nebenumständen entgegengesetzt sind, deswegen jedoch nicht eigentlich als Nachwirkung oder bloße Gegenwirkung der Lebenskraft anzusehen sind, sondern nur den Wechselzustand der verschiedenen Wirkungs-Paroxysmen erster Wirkung bilden; man nennt sie Wechselwirkungen
§ 116
Einige Symptome werden von den Arzneien öfter, das ist, in vielen Körpern, andere seltener oder in wenigen Menschen zu Wege gebracht, einige nur in sehr wenigen gesunden Körpern.
§ 117
Zu den letzteren gehören die so genannten Idiosyncrasien, worunter man eigene Körperbeschaffenheiten versteht, welche, obgleich sonst gesund, die Neigung besitzen, von gewissen Dingen, welche auf viele andere Menschen gar keinen Eindruck haben und keine Veränderung zu machen scheinen, in einen mehr oder weniger krankhaften Zustand versetzt zu werden. *
* Einige wenige Personen können vom Geruch der Rosen in Ohnmacht fallen, und vom Genuss der Miesmuscheln, der Krebse oder des Roggens des Barbe-Fisches, von Berührung des Laubes einiger Sumacharten usw. in mancherlei andere krankhafte, zuweilen gefährliche Zustände geraten.Doch dieser Mangel an Eindruck auf Jedermann ist nur ein Schein. Denn da zu diesen, so wie zur Hervorbringung aller übrigen krankhaften Befindensveränderungen im Menschen beide, sowohl die der einwirkenden Substanz inwohnende Kraft, als die Fähigkeit der den Organismus belebenden Lebenskraft, von ihr erregt zu werden, erforderlich ist, so können die auffallenden Erkrankungen in den so genannten Idiosyncrasien nicht bloß Aufrechnung dieser besonderen Körperbeschaffenheiten gesetzt, sondern Sie müssen zugleich von diesen veranlassenden Dingen hergeleitet werden, in denen die Kraft liegen muss, auf alle menschliche Körper denselben Eindruck zu machen, nur so, dass wenige unter den gesunden Körperbeschaffenheiten geneigt sind, sich in einen so auffallend kranken Zustand von ihnen versetzen zu lassen. Dass diese Potenzen wirklich auf jeden Körper diesen Eindruck machen, sieht man daraus, dass sie bei allen kranken Personen für ähnliche Krankheitssymptome, als sie selbst (obgleich anscheinend nur bei den so genannten idiosyncratischen Personen) erregen können, homöopathische Hilfe als Heilmittel leisten. *
* So half die Prinzessin Maria Porphyrogeneta ihrem an Ohnmachten leidenden Bruder, Kaiser Alexius durch Bespritzung mit Rosenwasser (to ton rodon stalagma) in Gegenwart seiner Tante Eudoxia (Hist. byz. Alexias lib. 15. S. 503. ed. Posser.) und Horstius (Oper. III. S. 59.) sah den Rosenessig bei Ohnmachten sehr hilfreich.§ 118
Jeder Arznei zeigt besondere Wirkungen im menschlichen Körper, welche sich von keinem anderen Arzneistoff verschiedener Art genauso ereignen. *
* Dies sah auch der verehrungswürdige A. v. Haller ein, da er sagt (Vorrede zu seiner hist. stirp. helv.): “latet immensa virium diversitas in iis ipsis plantis, quarum facies externas dudum novimus, animas quasi et quodcunque caelestius habent, nondum perspeximus.”§ 119
So gewiss jede Pflanzenart in ihrer äußeren Gestalt, in der eigenen Weise ihres Lebens und Wuchses, in ihrem Geschmack und Geruch von jeder anderen Pflanzenart und Gattung, so gewiss jedes Mineral und jedes Salz in seinen äußeren sowohl, als inneren physischen und chemischen Eigenschaften (welche allein schon alle Verwechslung hätten verhüten sollen) verschieden ist, so gewiss sind sie alle unter sich in ihren krankmachenden – also auch heilenden – Wirkungen verschieden und voneinander abweichend. *
* Wer die so sonderbar verschiedenen Wirkungen jeder einzelnen Substanz von denen jeder anderen auf das menschliche Befinden genau kennt und zu würdigen versteht, der sieht auch leicht ein, dass es unter ihnen, in arzneilicher Hinsicht, durchaus keine gleichbedeutenden Mittel, keine Surrogate geben kann.Bloß wer die verschiedenen Arzneien nach ihren reinen, positiven Wirkungen nicht kennt, kann so töricht sein, uns weißmachen zu wollen, eins könne statt des anderen dienen und ebenso gut, als jenes, in gleicher Krankheit helfen.
So verwechseln unverständige Kinder die wesentlich verschiedensten Dinge, weil sie sie kaum dem Äußeren nach und am wenigsten nach ihrem Wert, ihrer wahren Bedeutung und ihren inneren, höchst abweichenden Eigenschaften kennen.
Jede dieser Substanzen wirkt auf eine eigene, verschiedene, doch bestimmte Weise, die alle Verwechslung verbietet, Abänderungen des Gesundheitszustandes und des Befindens der Menschen. *
* Ist dies reine Wahrheit, wie sie es ist, so kann fortan kein Arzt, der nicht für verstandlos angesehen sein, und der sein gutes Gewissen, das einzige Zeugnis echter Menschenwürde, nicht verletzen will, unmöglich eine Arzneisubstanz zur Kur der Krankheiten anwenden, als die er genau und vollständig in ihrer wahren Bedeutung kennt, d. i., deren virtuelle Wirkung auf das Befinden gesunder Menschen er so genau erprobt hat, dass er gewiss wisse, sie sei vermögend, einen sehr ähnlichen Krankheitszustand, und einen ähnlicheren, als jede andere ihm genau bekannt gewordene Arznei, selbst zu erzeugen, als der durch sie zu heilende Krankheitsfall enthält – da, wie oben gezeigt worden, weder der Mensch, noch die große Natur anders vollkommen, schnell und dauerhaft als mit einem homöopathischen Mittel heilen kann.Kein echter Arzt kann sich fortan von solchen Versuchen ausschließen, um diese notwendigste und einzige Kenntnis der Arzneien, die zum Heilbehufe gehört, zu erlangen, diese von den Ärzten aller Jahrhunderte bisher versäumte Kenntnis.
Alle vergangenen Jahrhunderte – die Nachwelt wird´s kaum glauben – begnügten sich bisher, die in ihrer Bedeutung unbekannten, und in Absicht ihrer höchst wichtigen, höchst abweichenden, reinen, dynamischen Wirkung auf Menschenbefinden nie geprüften Arzneien so blindhin in Krankheiten, und zwar mehrere dieser unbekannten, so sehr verschiedenen Kräfte in Rezepte zusammengemischt zu verordnen und dem Zufall zu überlassen, wie es dem Kranken davon ergehen möge.
So dringt ein Wahnsinniger in die Werkstatt eines Künstlers, und ergreift Hände voll ihm unbekannter, höchst verschiedener Werkzeuge, um die dastehenden Kunstwerke, wie er wähnt, zu bearbeiten; dass sie von seiner unsinnigen Arbeit verderbt, wohl gar unwiederbringlich verderbt werden, brauche ich nicht weiter zu erinnern.
§ 120
Also genau, sorgfältigst genau müssen die Arzneien, von denen Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit der Menschen abhängt, voneinander unterschieden und deshalb auch sorgfältige, reine Versuche auf ihre Kräfte und wahren Wirkungen im gesunden Körper geprüft werden, um sie genau kennen zu lernen und bei ihrem Gebrauch in Krankheiten jeden Fehlgriff vermeiden zu können, indem nur eine treffende Wahl derselben das größte der irdischen Güter, Wohlsein Leibes und der Seele, bald und dauerhaft wieder bringen kann.
§ 121
Bei Prüfung der Arzneien auf ihre Wirkungen im gesunden Körper muss man bedenken, dass die starken, so genannten heroischen Substanzen schon in geringer Gabe Befindensveränderungen selbst bei starken Personen zu erregen pflegen.
Die von milderer Kraft müssen zu diesen Versuchen in ansehnlicherer Gabe gereicht werden: die schwächsten aber können, damit man ihre Wirkung wahrnehme, bloß bei solchen von Krankheit freien Personen versucht werden, welche zärtlich, reizbar und empfindlich sind.
§ 122
Es dürfen zu solchen Versuchen – denn von ihnen hängt die Gewissheit der ganzen Heilkunst und das Wohl aller folgenden Menschengenerationen ab – es dürfen, sage ich, zu solchen Versuchen keine anderen Arzneien, als solche genommen werden, die man genau kennt, und von deren Reinheit, Echtheit und Vollkräftigkeit man gänzlich überzeugt ist.
§ 123
Jede dieser Arzneien muss in ganz einfacher, ungekünstelter Form, die einheimischen Pflanzen als frisch ausgepresster Saft, mit etwas Weingeist vermischt, sein Verderben zu verhüten, die ausländischen Gewächse aber als Pulver, oder frisch mit Weingeist zur Tinktur ausgezogen, dann aber mit etlichen Teilen Wasser gemischt eingenommen werden, die Salze und Gummen aber gleich vor der Einnahme in Wasser aufgelöst.
Ist die Pflanze nur in trockener Gestalt zu haben und ihrer Natur nach von Kräften schwach, so dient zu einem solchen Versuch der Aufguss, indem das zerkleinerte Kraut mit kochendem Wasser übergossen und so ausgezogen worden ist; er muss gleich nach seiner Bereitung noch warm getrunken werden, denn alle ausgepressten Pflanzensäfte und alle wässrigen Pflanzenaufgüsse gehen ohne geistigen Zusatz schnell in Gärung und Verderbnis über, und haben dann ihre Arzneikraft verloren.
§ 124
Jeden Arzneistoff muss man zu dieser Absicht ganz allein, ganz rein anwenden, ohne irgend eine fremdartige Substanz zuzumischen, oder sonst etwas fremdartig Arzneiliches an demselben Tag zu sich nehmen, und ebenso wenig die folgenden Tage, als solange man die Wirkungen der Arznei beobachten will.
§ 125
Während dieser Versuchszeit muss auch die Diät recht mäßig eingerichtet werden; möglichst ohne Gewürze, von bloß nährender, einfacher Art, so dass die grünen Zugemüse *
* Junge grüne Erbsen (Schoten), grüne Bohnen und allenfalls Möhren (Mohrrüben) sind zulässig, als die am wenigsten arzneilichen grünen Gemüse.und Wurzeln und alle Salate und Suppenkräuter (welche sämtlich immer einige störende Arzneikraft auch bei aller Zubereitung behalten) vermieden werden.
Die Getränke sollen die alltäglichen sein, so wenig als möglich reizend. *
* Die Versuchsperson muss entweder an keinen puren Wein, Branntwein, Kaffee oder Tee gewöhnt sein, oder sich diese teils reizenden, teils arzneilich schädlichen Getränke schon längere Zeit vorher völlig abgewöhnt haben.§ 126
Die Versuchsperson muss sich während des Versuchs vor Anstrengungen des Geistes und Körpers, vor allen Ausschweifungen und störenden Leidenschaften hüten; keine dringenden Geschäfte dürfen sie von der gehörigen Beobachtung abhalten; sie muss mit gutem Willen genaue Aufmerksamkeit auf sich selbst richten und dabei ungestört sein; in ihrer Art gesund an Körper, muss sie auch den nötigen Verstand besitzen, um ihre Empfindungen in deutlichen Ausdrücken benennen und beschreiben zu können.
§ 127
Die Arzneien müssen sowohl an Mannspersonen als an Weibspersonen geprüft werden, um auch die auf das Geschlecht bezüglichen Befindensveränderungen an den Tag zu bringen.
§ 128
Die neueren und neuesten Erfahrungen haben gelehrt, dass die Arzneisubstanzen in ihrem rohen Zustand, wenn sie zur Prüfung ihrer eigentümlichen Wirkungen von der Versuchsperson eingenommen werden, lange nicht den vollen Reichtum der in ihnen verborgen liegenden Kräfte äußern, als wenn sie in hohen Verdünnungen durch gehöriges Reiben und Schütteln potenziert zu dieser Absicht eingenommen worden, durch welche einfache Bearbeitung die in ihrem rohen Zustand verborgen und gleichsam schlafend gelegenen Kräfte bis zum Unglaublichen entwickelt und zur Tätigkeit erweckt werden.
So erforscht man jetzt am besten selbst die für schwach gehaltenen Substanzen auf ihre Arzneikräfte, wenn man 4 bis 6 feinste Streukügelchen mit der 30. potenzierten Verdünnungen einer solchen Substanz die Versuchsperson täglich, mit ein wenig Wasser angefeuchtet, nüchtern einnehmen und dies mehrere Tage fortsetzen lässt.
§ 129
Wenn nur schwache Wirkungen von einer solchen Gabe zum Vorschein kommen, so kann man, bis sie deutlicher und stärker werden, täglich etliche Kügelchen mehr zur Gabe nehmen, bis die Befindensveränderungen wahrnehmbarer werden; denn nicht alle Personen werden von einer Arznei gleich stark angegriffen; es findet im Gegenteil eine große Verschiedenheit in diesem Punkt statt, so dass von einer als sehr kräftig bekannten Arznei in mäßiger Gabe zuweilen eine schwächlich scheinende Person fast gar nicht erregt wird, aber von mehreren Anderen dagegen, weit schwächeren, stark genug.
Und hinwiederum gibt es sehr starke Personen, die von einer mild scheinenden Arznei sehr beträchtliche Krankheitssymptome spüren, von stärkeren aber geringere. Da dies nun im Voraus unbekannt ist, so ist es sehr ratsam, bei Jedem zuerst mit einer kleinen Arzneigabe den Anfang zu machen, und wo es angemessen und erforderlich ist, von Tag zu Tag zu einer höheren und höheren Gabe zu steigen.
§ 130
Hat man gleich anfangs zum ersten Mal eine gehörig starke Arzneigabe gereicht, so hat man den Vorteil, dass die Versuchsperson die Aufeinanderfolge der Symptome erfährt und die Zeit, wann jedes erschienen ist, genau aufzeichnen kann, welches zur Kenntnis des Genius der Arznei sehr belehrend ist, weil dann die Ordnung der Erstwirkungen, so wie die der Wechselwirkungen am unzweideutigsten zum Vorschein kommt.
Auch eine sehr mäßige Gabe ist zum Versuch oft schon hinreichend, wenn nur der Versuchende feinfühlig genug und möglichst aufmerksam auf sein Befinden ist. Die Wirkungsdauer einer Arznei wird erst bei Vergleichung mehrerer Versuche bekannt.
§ 131
Muss man aber, um nur etwas zu erfahren, einige Tage nacheinander dieselbe Arznei in immer erhöhten Gaben zum Versuch derselben Person geben, so erfährt man zwar die mancherlei Krankheitszustände, die diese Arznei überhaupt zu Wege bringen kann, aber man erfährt ihre Reihenfolge nicht, und die darauf folgende Gabe nimmt oft ein oder das andere, von der vorgängigen Gabe erregte Symptom hinweg, heilwirkend, oder bringt dafür den entgegengesetzten Zustand hervor, – Symptome, welche eingeklammert werden müssen, als zweideutig, bis folgende, reinere Versuche zeigen, ob sie Gegenwirkung des Organismus und Nachwirkung, oder eine Wechselwirkung dieser Arznei sind.
§ 132
Wo man aber noch, ohne Rücksicht auf Folgereihe der Zufälle und Wirkungsdauer der Arznei, bloß die Symptome für sich, besonders eines schwachkräftigen Arzneistoffs, erforschen will, da ist die Veranstaltung vorzuziehen, dass man einige Tage nacheinander, jeden Tag eine erhöhte Gabe reiche. Dann wird die Wirkung selbst der mildesten, noch unbekannten Arznei, besonders an empfindlichen Personen versucht, an den Tag kommen.
§ 133
Bei Empfindung dieser oder jener Arzneibeschwerde, ist es zur genauen Bestimmung des Symptoms dienlich, ja erforderlich, sich dabei in verschiedene Lagen zu versetzen und zu beobachten, ob der Zufall durch Bewegung des eben leidenden Teils, durch Gehen in der Stube oder in freier Luft, durch Stehen, Sitzen oder Liegen sich vermehre, mindere oder vergehe, und etwa in der ersten Lage wiederkomme, – ob durch Essen oder Trinken oder durch eine andere Bedingung sich das Symptom ändere, oder durch Sprechen, Husten, Niesen oder bei einer anderen Verrichtung des Körpers, und darauf zu achten, zu welcher Tages- oder Nachtzeit es sich vorzüglich einzustellen pflege, wodurch das jedem Symptom Eigentümliche und Charakteristische offenbar wird.
§ 134
Alle äußere Potenzen und vorzüglich die Arzneien haben die Eigenschaft, eine ihnen eigentümliche, besonders geartete Veränderung im Befinden des lebenden Organismus hervorzubringen; doch kommen nicht alle, einer Arznei eigenen Symptome schon bei einer Person, auch nicht alle sogleich, oder in demselben Versuch zum Vorschein, sondern bei der einen Person diesmal diese, bei einem zweiten und dritten Versuch wieder andere, bei einer anderen Person diese oder jene Symptome vorzugsweise hervor, doch so, dass vielleicht bei der vierten, achten, zehnten usw. Person wieder einige oder mehrere von den Zufällen sich zeigen, die schon etwa bei der zweiten, sechsten, neunten usw. Person sich ereigneten; auch erscheinen sie nicht zu derselben Stunde wieder.
§ 135
Der Inbegriff aller Krankheitselemente, die eine Arznei zu erzeugen vermag, wird erst in vielfachen, an vielen dazu tauglichen, verschiedenartigen Körpern beiderlei Geschlechts angestellten Beobachtungen der Vollständigkeit nah gebracht.
Nur erst dann kann man versichert sein, eine Arznei auf die Krankheitszustände, die sie erregen kann, das ist, auf ihre reinen Kräfte in Veränderung des Menschenbefindens ausgeprüft zu haben, wenn die folgenden Versuchspersonen wenig Neues mehr von ihr bemerken können, und fast immer nur dieselben, schon von Anderen beobachteten Symptome an sich wahrnehmen.
§ 136
(Obgleich, wie gesagt, eine Arznei bei ihrer Prüfung im gesunden Zustand nicht bei einer Person alle ihre Befindensveränderungen hervorbringen kann, sondern nur bei vielen, verschiedenen, von abweichender Leibes- und Seelenbeschaffenheit, so liegt doch die Neigung (Tendenz), alle diese Symptome in jedem Menschen zu erregen, in ihr (§ 110), nach einem ewigen, unwandelbaren Naturgesetz gegründet, vermöge dessen sie alle ihre, selbst die selten von ihr in Gesunden hervorgebrachten Wirkungen bei einem jeden Menschen in Ausübung bringt, dem man sie in einem Krankheitszustand von ähnlichen Beschwerden eingibt; selbst in der mindesten Gabe erregt sie dann, homöopathisch gewählt, stillschweigend einen der natürlichen Krankheit nahe kommenden künstlichen Zustand im Kranken, der ihn von seinem ursprünglichen Übel schnell und dauerhaft (homöopathisch) befreit und heilt.)
§ 137
Je mäßiger, bis zu einer gewissen Masse, die Gaben einer zu solchen Versuchen bestimmten Arznei sind, – vorausgesetzt, dass man die Beobachtung durch die Wahl einer Wahrheit liebenden, in jeder Rücksicht gemäßigten, feinfühligen Person, die die gespannteste Aufmerksamkeit auf sich richtet, zu erleichtern sich bestrebt – desto deutlicher kommen die Erstwirkungen, und bloß diese, als die wissenswürdigsten, hervor, und keine Nachwirkungen oder Gegenwirkungen der Lebenskraft.
Bei übermäßig großen Gaben hingegen kommen nicht allein mehrere Nachwirkungen unter den Symptomen mit vor, sondern die Erstwirkungen treten auch in so verwirrter Eile und mit solcher Heftigkeit auf, dass sich nichts genau beobachten lässt; die Gefahr derselben nicht einmal zu erwähnen, die demjenigen, welcher Achtung gegen die Menschheit hat, und auch den Geringsten im Volk für seinen Bruder schätzt, nicht gleichgültig sein kann.
§ 138
Alle Beschwerden, Zufälle und Veränderungen des Befindens der Versuchsperson während der Wirkungsdauer einer Arznei (im Fall obige Bedingungen (§ 124 bis 127) eines guten, reinen Versuchs beobachtet wurden) rühren bloß von dieser Arznei her und müssen als dieser Arznei eigentümlich zugehörig, als Symptome dieser Arznei angesehen und aufgezeichnet werden, gesetzt, die Person hätte auch ähnliche Zufälle vor längerer Zeit bei sich von selbst wahrgenommen.
Die ähnliche Wiedererscheinung derselben beim Arzneiversuch zeigt dann bloß an, dass dieser Mensch, vermöge seiner besonderen Körperbeschaffenheit, vorzüglich aufgelegt ist, zu dergleichen erregt zu werden. In unserem Fall ist es von der Arznei geschehen; die Symptome kommen jetzt nicht von selbst, während die eingenommene kräftige Arznei sein ganzes Befinden beherrscht, sondern von dieser.
§ 139
Wenn der Arzt die Arznei zum Versuch nicht selbst eingenommen, sondern einer anderen Person eingegeben hat, so muss diese ihre gehabten Empfindungen, Beschwerden, Zufälle und Befindensveränderungen deutlich aufschreiben in dem Zeitpunkt, wo sie sich ereignen, mit Angabe der nach der Einnahme verflossenen Zeit der Entstehung jedes Symptoms, und wenn es lange anhielt, derzeit der Dauer. -
Der Arzt sieht den Aufsatz in Gegenwart der Versuchsperson gleich nach vollendetem Versuch, oder, wenn der Versuch mehrere Tage dauert, jeden Tag durch, um sie, da ihr dann noch alles in frischem Gedächtnis ist, über die genaue Beschaffenheit jedes dieser Vorfälle zu befragen und die so erkundigten, näheren Umstände beizuschreiben, oder nach ihrer Aussage dieselben abzuändern. *
* Wer solche Versuche der Arztwelt bekannt macht, wird dadurch für die Zuverlässigkeit der Versuchsperson und ihrer Angaben verantwortlich, und zwar mit Recht, da das Wohl der leidenden Menschheit hier auf dem Spiele steht.§ 140
Kann die Person nicht schreiben, so muss sie der Arzt jeden Tag darüber vernehmen, was und wie es ihr begegnet sei.
Dies muss dann aber größtenteils nur freiwillige Erzählung der zum Versuch gebrauchten Person sein, nichts Erratenes, nichts Vermutetes und so wenig als möglich Ausgefragtes, was man als Befund niederschreiben will, alles mit der Vorsicht, die ich oben (§ 84 bis 99) bei Erkundigung des Befundes und Bildes der natürlichen Krankheiten angegeben habe.
§ 141
Doch bleiben diejenigen Prüfungen der reinen Wirkungen einfacher Arzneien in Veränderung des menschlichen Befindens und der künstlichen Krankheitszustände und Symptome, welche sie im gesunden Menschen erzeugen können, die vorzüglichsten, welche der gesunde, vorurteilslose, feinfühlige Arzt an sich selbst mit aller ihn hier gelehrten Vorsicht und Behutsamkeit anstellt.
Er weiß am gewissesten, was er an sich selbst wahrgenommen hat. *
* Auch haben diese Selbstversuche für ihn noch andere, unersetzliche Vorteile.Zuerst wird ihm dadurch die große Wahrheit, dass das Arzneiliche aller Arzneien, worauf ihre Heilungskraft beruht, in den von den selbstgeprüften Arzneien erlittenen Befindensveränderungen und den an sich selbst von ihnen erfahrenen Krankheitszuständen liege, zur unleugbaren Tatsache.
Ferner wird er durch solche merkwürdige Beobachtungen an sich selbst, teils zum Verständnis seiner eigenen Empfindungen, seiner Denk- und Gemütsart (dem Grundwesen aller wahren Weisheit: gnoti seayton), teils aber, was keinem Arzt fehlen darf, zum Beobachter gebildet.
Alle unsere Beobachtungen an Anderen haben das Anziehende bei Weitem nicht, als die an uns selbst angestellten.
Immer muss der Beobachter Anderer befürchten, der die Arznei Versuchende habe, was er sagt, nicht so deutlich gefühlt, oder seine Gefühle nicht mit dem genau passenden Ausdruck angegeben.
Immer bleibt er in Zweifel, ob er nicht wenigstens zum Teil getäuscht werde. Dieses nie ganz hinwegzuräumende Hindernis der Wahrheitserkenntnis bei Erkundigung der von Arzneien bei Anderen entstandenen künstlichen Krankheitssymptome fällt bei Selbstversuchen gänzlich weg.
Der Selbstversucher weiß es selbst, er weiß es gewiss, was er gefühlt hat, und jeder solcher Selbstversuch ist für ihn ein neuer Antrieb zur Erforschung der Kräfte mehrerer Arzneien.
Und so übt er sich mehr und mehr in der für den Arzt so wichtigen Beobachtungskunst, wenn er sich selbst, als das Gewissere, ihn nicht Täuschende, zu beobachten fortfährt, und um desto eifriger wird er es tun, da ihm diese Selbstversuche die zum Heilen zum Teil noch mangelnden Werkzeuge nach ihrem wahren Wert und ihrer wahren Bedeutung kennen zu lernen versprechen, und ihn nicht täuschen.
Man wähne auch nicht, dass solche kleine Erkrankungen beim Einnehmen zu prüfender Arzneien überhaupt seiner Gesundheit nachteilig wären.
Die Erfahrung lehrt im Gegenteil, dass der Organismus des Prüfenden, durch die mehreren Angriffe auf das gesunde Befinden nur desto geübter wird in Zurücktreibung alles seinem Körper Feindlichen von der Außenwelt her, und aller künstlichen und natürlichen, krankhaften Schädlichkeiten, auch abgehärteter gegen alles Nachteilige mittels so gemäßigter Selbstversuche mit Arzneien.
Seine Gesundheit wird unveränderlicher; er wird robuster, wie alle Erfahrung lehrt.
§ 142
Wie man aber selbst in Krankheiten, besonders in den chronischen, sich meist gleichbleibenden, unter den Beschwerden der ursprünglichen Krankheit einige Symptome *
* Die in der ganzen Krankheit nur etwa vor langer Zeit, oder nie bemerkten, folglich neuen, der Arznei angehörigen Symptome.der zum Heilen angewendeten, einfachen Arznei ausfinden könne, ist ein Gegenstand höherer Beurteilungskunst und bloß Meistern in der Beobachtung zu überlassen.
§ 143
Hat man nun eine beträchtliche Zahl einfacher Arzneien auf diese Art im gesunden Menschen geprobt und alle die Krankheitselemente und Symptome sorgfältig und treu aufgezeichnet, die sie von selbst als künstliche Krankheitspotenzen zu erzeugen fähig sind, so hat man dann erst eine wahre Materia medica – eine Sammlung der echten, reinen, untrüglichen *
* Man hat in neueren Zeiten entfernten, unbekannten Personen aufgetragen, Arzneien zu probieren, die sich dafür bezahlen ließen und diese Verzeichnisse drucken lassen. Aber auf diese Weise scheint das allerwichtigste, die einzig wahre Heilkunst zu gründen bestimmte, und die größte moralische Gewissheit und Zuverlässigkeit erheischende Geschäft in seinen Ergebnissen, leider, zweideutig und unsicher zu werden und allen Wert zu verlieren.Wirkungsarten der einfachen Arzneistoffe für sich, einen Kodex der Natur, worin von jeder so erforschten, kräftigen Arznei eine ansehnliche Reihe besonderer Befindensveränderungen und Symptome, wie sie sich der Aufmerksamkeit des Beobachters zu Tage legten, aufgezeichnet stehen, in denen die (homöopathischen) Krankheitselemente mehrerer natürlichen, dereinst durch sie zu heilenden Krankheiten in Ähnlichkeit vorhanden sind, welche, mit einem Wort, künstliche Krankheitszustände enthalten, die für die ähnlichen natürlichen Krankheitszustände die einzigen, wahren, homöopathischen, das ist, spezifischen Heilwerkzeuge darreichen, zur gewissen und dauerhaften Genesung.
§ 144
Von einer solchen Arzneimittellehre sei alles Vermutete, bloß Behauptete, Erdichtete gänzlich ausgeschlossen; es sei alles reine Sprache der sorgfältig und redlich befragten Natur.
§ 145
Freilich kann nur ein sehr ansehnlicher Vorrat genau nach dieser ihrer reinen Wirkungsart in Veränderung des Menschenbefindens gekannter Arzneien uns in den Stand setzen, für jeden der unendlich vielen Krankheitszustände in der Natur, für jedes Siechtum in der Welt ein homöopathisches Heilmittel, ein passendes Analogon von künstlicher (heilender) Krankheitspotenz auszufinden. *
* Anfangs war ich der einzige, der sich die Prüfung der reinen Arzneikräfte zum wichtigsten seiner Geschäfte machte.Seitdem war ich von einigen jungen Männern, die an sich selbst Versuche machten, und deren Beobachtungen ich prüfend durchging, hierin unterstützt worden.
Was wird aber dann erst an Heilung im ganzen Umfang des unendlichen Krankheitsgebietes ausgerichtet werden können, wenn mehrere genaue und zuverlässige Beobachter sich um die Bereicherung dieser einzig echten Arzneistoff-Lehre durch sorgfältige Selbstversuche verdient gemacht haben werden!
Dann wird das Heilgeschäft den mathematischen Wissenschaften an Gewissheit nahe kommen.
Indessen bleiben auch jetzt – Dank sei es der Wahrheit von Symptomen und dem Reichtum an Krankheitselementen, welche jede der kräftigen Arzneisubstanzen in ihrer Einwirkung auf gesunde Körper schon jetzt hat beobachten lassen – doch nur wenige Krankheitsfälle übrig, für welche sich nicht unter den nun schon auf ihre reine Wirkung geprüften, *
* Man siehe oben: Anm. 2 zu § 109.ein ziemlich passendes homöopathisches Heilmittel antreffen ließe, was, ohne sonderliche Beschwerde, Gesundheit sanft, sicher und dauerhaft wieder bringt – unendlich gewisser und sicherer, als nach allen allgemeinen und speziellen Therapien der bisherigen, allöopathischen Arzneikunst, mit ihren ungekannten, gemischten Mitteln, welche die chronischen Krankheiten nur verändern und verschlimmern, aber nicht heilen können, die Genesung aus akuten aber eher verzögern, als befördern.
§ 146
Der dritte Punkt des Geschäftes eines echten Heilkünstlers betrifft die zweckmäßigste Anwendung der auf ihre reine Wirkung in gesunden Menschen geprüften, künstlichen Krankheitspotenzen (Arzneien) zur homöopathischen Heilung der natürlichen Krankheiten.
§ 147
Bei welcher unter diesen nach ihrer Menschenbefindens-Veränderungskraft ausgeforschten Arzneien man nun in den von ihr beobachteten Symptomen das meist Ähnliche von der Gesamtheit der Symptome einer gegebenen, natürlichen Krankheit antrifft, diese Arznei wird, diese muss das passendste, dass gewisseste homöopathische Heilmittel derselben sein; in ihr ist das spezifische Heilmittel dieses Krankheitsfalles gefunden.
§ 148
Ein so ausgesuchtes Arzneimittel, welches die der zu heilenden Krankheit möglichst ähnlichen Symptome, folglich eine ähnliche Kunstkrankheit zu erregen Kraft und Neigung hat, ergreift bei seiner dynamischen Einwirkung auf die krankhaft verstimmte Lebenskraft des Menschen, in angemessener Gabe, eben die an der natürlichen Krankheit bisher leidenden Teile und Punkte im Organismus und erregt in ihnen ihre eigene künstliche Krankheit, die dann der großen Ähnlichkeit und überwiegenden Stärke wegen an die Stelle der bisher vorhandenen, natürlichen Krankheitsverstimmung vorzugsweise tritt, so dass die instinktartige, automatische Lebenskraft von nun an nicht mehr an der natürlichen, sondern allein an der stärkeren, so ähnlichen Arzneikrankheit leidet; welche dann wiederum, der kleinen Gabe des Mittels wegen, wie jede gemäßigte Arzneikrankheit, von der erhöhten Energie der Lebenskraft besiegt, bald von selbst verschwindet und den Körper frei von aller Krankheit lässt, das ist, gesund und dauerhaft gesund.
§ 149
Wird so die passend homöopathisch ausgewählte *
* Aber dieses mühsame, zuweilen sehr mühsame Aufsuchen und Auswählen des dem jedesmaligen Krankheitszustand in allen Hinsichten homöopathisch angemessensten Heilmittels ist ein Geschäft, was ungeachtet aller lobwerten Erleichterungsbücher doch noch das Studium der Quellen selbst und zudem vielseitige Umsicht und ernste Erwägung fordert, auch nur vom Bewusstsein treu erfüllter Pflicht seinen besten Lohn empfängt – wie sollte diese mühsame, sorgfältige, nur allein die beste Heilung der Krankheiten möglich machende Arbeit den Herren von der neuen Mischlings-Sekte behagen, die mit dem Ehrennamen, Homöopathiker sich brüsten, auch zum Schein Arznei geben von Form und Ansehen der homöopathischen, doch von ihnen nur so obenhin (quidquid in buccam venit) ergriffen, und die, wenn das ungenaue Mittel nicht sogleich hilft, die Schuld davon nicht auf ihre unverzeihliche Mühescheu und Leichtfertigkeit bei Abfertigung der wichtigsten und bedenklichsten aller Angelegenheiten der Menschen schieben, sondern auf die Homöopathie, der sie große Unvollkommenheit vorwerfen (eigentlich die, dass sie ihnen ohne eigene Mühe das angemessenste homöopathische Heilmittel für jeden Krankheitszustand nicht von selbst wie gebratene Tauben in den Mund führe)? Sie wissen sich ja dann doch, wie gewandte Leute, bald über das Nicht-Helfen ihrer kaum halb homöopathischen Mittel zu trösten durch Anbringung der ihnen geläufigeren, allöopathischen Scherwenzel, worunter sich ein oder etliche Dutzend Blutegel an die leidende Stelle gesetzt, oder kleine, unschuldige Aderlässe von 8 Unzen usw. recht stattlich ausnehmen, und kommt der Kranke trotz dem Allen doch davon, so rühmen sie ihre Aderlässe, Blutegel, usw., dass ohne diese der Kranke nicht hätte erhalten werden können und geben nicht undeutlich zu verstehen, dass diese, ohne viel Kopfzerbrechen aus dem verderblichen Schlendrian der alten Schule hervorgelangten Operationen im Grunde das Beste bei der Kur getan hätten; stirbt aber der Kranke dabei, wie nicht selten, so suchen sie eben damit die trostlosen Angehörigen zu beruhigen, “dass sie selbst Zeuge wären, dass doch nun alles Ersinnliche für den seelig Verstorbenen getan worden sei.” Wer wollte solcher leichtsinnigen, schädlichen Brut die Ehre antun, sie nach dem Namen der sehr mühsamen, aber heilbringenden Kunst, homöopathische Ärzte zu nennen? Ihrer warte der gerechte Lohn, dass sie, einst erkrankt, auf gleiche Art kuriert würden!Arznei gehörig angewendet, so vergeht die zu überstimmende Natürliche, auch schlimme, und mit viel Beschwerden beladene, akute Krankheit, wenn sie unlängst entstanden war, unvermerkt in einigen Stunden, die etwas ältere in einigen Tagen, mit allen Spuren von Übelbefinden, und man wird von der künstlichen Arzneikrankheit nichts oder fast nichts mehr gewahr; es erfolgt in schnellen, unbemerklichen Übergängen nichts als wiederhergestellte Gesundheit, Genesung; die alten (und vorzüglich die komplizierten) Siechtume erfordern zur Heilung verhältnismäßig mehr Zeit.
Vorzüglich die durch allöopathische Unkunst so oft, neben der von ihr ungeheilt gelassenen natürlichen Krankheit, erzeugten chronischen Arznei-Siechtume erfordern bei weitem längere Zeit zur Genesung; oft sind sie sogar unheilbar, wegen des frechen Raubes der Kräfte und Säfte des Kranken, der allgewöhnlichen Haupttat der Allöopathik bei ihren so genannten Kuren.
§ 150
Werden dem Arzt ein oder ein paar geringfügige Zufälle geklagt, welche seit kurzem erst bemerkt worden, so hat er dies für keine vollständige Krankheit anzusehen, welche ernstlicher, arzneilicher Hilfe bedürfte. Eine kleine Abänderung in der Diät und Lebensordnung reicht gewöhnlich hin, diese Unpässlichkeit zu verwischen.
§ 151
Sind es aber ein paar heftige Beschwerden, die der Kranke klagt, so findet der forschende Arzt gewöhnlich noch nebenbei mehrere, obschon kleinere Zufälle, welche ein vollständiges Bild von der Krankheit geben.
§ 152
Je schlimmer die akute Krankheit ist, aus desto mehreren, aus desto auffallenderen Symptomen ist sie dann gewöhnlich zusammengesetzt, um desto gewisser lässt sich aber auch ein passendes Heilmittel für sie auffinden, wenn eine hinreichende Zahl nach ihrer positiven Wirkung gekannter Arzneien zur Auswahl vorhanden ist.
Unter den Symptomenreihen vieler Arzneien, lässt sich nicht schwierig eine finden, aus deren einzelnen Krankheitselementen sich ein dem Symptomeninbegriff der natürlichen Krankheit sehr ähnliches Gegenbild von heilender Kunstkrankheit zusammensetzen lässt, und diese Arznei ist das wünschenswerte Heilmittel.
§ 153
Bei dieser Aufsuchung eines homöopathisch spezifischen Heilmittels, das ist, bei dieser Gegeneinanderhaltung des Zeicheninbegriffs der natürlichen Krankheit gegen die Symptomenreihen der vorhandenen Arzneien, um unter diesen eine dem zu heilenden Übel in Ähnlichkeit entsprechende Kunstkrankheits-Potenz zu finden, sind die auffallenderen, sonderlichen, ungemeinen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome *
* Um Aufstellung der charakteristischen Symptome, vorzüglich der antipsorischen Arzneien hat sich der um unsere neue Heilkunst schon so hochverdiente Hr. Regierungsrat, Freiherr Dr. von Bönninghausen jüngst ein neues Verdienst erworben durch das inhaltschwere, kleine Buch: Übersicht der Hauptwirkungs-Sphäre der antipsorischen Arzneien, Münster, b. Coppenrath 1833 und den Anhang dazu (auch die antisyphilitischen und antisykotischen umfassend) hinter der zweiten Ausgabe seines “Systematisch alphabetischen Repertorium der antipsorischen Arzneien” (bei Coppenrath in Münster).des Krankheitsfalles vorzüglich und fast einzig fest ins Auge zu fassen; denn vorzüglich diesen müssen sehr ähnliche in der Symptomenreihe der gesuchten Arznei entsprechen, wenn sie die passendste zur Heilung sein soll.
Die allgemeineren und unbestimmteren: Appetitmangel, Kopfschmerz, Mattigkeit, unruhiger Schlaf, Unbehaglichkeit und so weiter, verdienen in dieser Allgemeinheit und Unbestimmtheit, und wenn sie nicht näher bezeichnet sind, wenig Aufmerksamkeit, da man so etwas Allgemeines fast bei jeder Krankheit und fast von jeder Arznei sieht.
§ 154
Enthält nun das aus der Symptomenreihe der treffendsten Arznei zusammengesetzte Gegenbild jene in der zu heilenden Krankheit anzutreffenden, besonderen, ungemeinen, eigenheitlich sich auszeichnenden (charakteristischen) Zeichen in der größten Zahl und in der größten Ähnlichkeit, so ist diese Arznei für diesen Krankheitszustand das passendste, homöopathische, spezifische Heilmittel; in nicht allzu lange gedauerte Krankheit wird gewöhnlich durch die erste Gabe desselben ohne bedeutende Beschwerde aufgehoben und ausgelöscht.
§ 155
Ich sage: ohne bedeutende Beschwerde. Denn beim Gebrauch dieser passendsten, homöopathischen Arznei sind bloß die den Krankheitssymptomen entsprechenden Arzneisymptome des Heilmittels in Wirksamkeit, indem letztere die Stelle der ersteren (schwächeren) im Organismus, einnehmen und letztere so durch Überstimmung vernichten; die oft sehr vielen übrigen Symptome der homöopathischen Arznei aber, welche in dem vorliegenden Krankheitsfall keine Anwendung finden, schweigen dabei gänzlich.
Es lässt sich in dem Befinden des sich stündlich bessernden Kranken fast nichts von ihnen bemerken, weil die zum homöopathischen Gebrauch nur in so tiefer Verkleinerung nötige Arzneigabe ihre übrigen, nicht zu den homöopathischen gehörenden Symptome in den von der Krankheit freien Teilen des Körpers zu äußern viel zu schwach ist, und folglich bloß die homöopathischen auf die von den ähnlichen Krankheitssymptomen schon gereiztesten und aufgeregtesten Teile im Organismus wirken lassen kann, umso die kranke Lebenskraft zur ähnlichen, aber stärkeren Arzneikrankheit umzustimmen, wodurch die ursprüngliche Krankheit auslöscht.
§ 156
Indessen gibt es fast kein, auch noch so passend gewähltes, homöopathisches Arzneimittel, welches, vorzüglich in zu wenig verkleinerter Gabe, nicht Eine, wenigstens kleine, ungewohnte Beschwerde, ein kleines, neues Symptom während seiner Wirkungsdauer bei sehr reizbaren und fein fühlenden Kranken zu Wege bringen sollte, weil es fast unmöglich ist, dass Arznei und Krankheit in ihren Symptomen einander so genau decken sollten, wie zwei Triangel von gleichen Winkeln und gleichen Seiten.
Aber diese (im guten Fall) unbedeutende Abweichung wird von der eigenen Krafttätigkeit (Energie) des lebenden Organismus leicht verwischt und Kranken von nicht übermäßiger Zartheit nicht einmal bemerkbar; die Herstellung geht dennoch vorwärts zum Ziel der Genesung, wenn sie nicht durch fremdartig arzneiliche Einflüsse auf den Kranken, durch Fehler in der Lebensordnung oder durch Leidenschaften gehindert wird.
§ 157
So gewiss es aber auch ist, dass ein homöopathisch gewähltes Heilmittel, seiner Passendheit und der Kleinheit der Gabe wegen, ohne Lautwerdung seiner übrigen, unhomöopathischen Symptome, das ist, ohne Erregung neuer, bedeutender Beschwerden, die ihm analoge, akute Krankheit ruhig aufhebt und vernichtet, so pflegt es doch gleich nach der Einnahme – in der ersten, oder den ersten Stunden – eine Art kleiner Verschlimmerung zu bewirken (bei etwas zu großen Gaben aber, mehrere Stunden), welche so viel Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Krankheit hat, dass sie dem Kranken eine Verschlimmerung seiner eigenen Krankheit zu sein scheint. Sie ist aber in der Tat nichts anderes, als eine, das ursprüngliche Übel etwas an Stärke übersteigende, höchst ähnliche Arzneikrankheit.
§ 158
Diese kleine homöopathische Verschlimmerung in den ersten Stunden – eine sehr gute Vorbedeutung, dass die akute Krankheit meist von der ersten Gabe beendigt sein wird – ist ganz in der Regel, da die Arzneikrankheit natürlich um etwas stärker sein muss, als das zu heilende Übel, wenn sie letzteres überstimmen und auslöschen soll; so wie auch eine ähnliche natürliche Krankheit, nur wenn sie stärker als die andere ist, dieselbe aufheben und vernichten kann (§ 43 bis 48).
§ 159
Je kleiner die Gabe des homöopathischen Mittels ist, desto kleiner und kürzer ist auch diese anscheinende Krankheitserhöhung in den ersten Stunden.
§ 160
Da sich jedoch die Gabe eines homöopathischen Heilmittels kaum je so klein bereiten lässt, dass sie nicht die ihr analoge, vor nicht langer Zeit entstandene, unverdorbene, natürliche Krankheit bessern, überstimmen, ja völlig heilen und vernichten könnte (§ 249-Anm.), so wird es begreiflich, warum eine nicht kleinstmögliche Gabe passend homöopathischer Arznei immer noch in der ersten Stunde nach der Einnahme eine merkbare, homöopathische Verschlimmerung dieser Art *
* Diese, einer Verschlimmerung ähnliche, Erhöhung der Arzneisymptome über die ihnen analogen Krankheitssymptome haben auch andere Ärzte, wo ihnen der Zufall ein homöopathisches Mittel in die Hand spielte, beobachtet. Wenn der Krätz-Kranke nach Einnahme des Schwefels über vermehrten Ausschlag klagt, so tröstet ihn der Arzt, der hiervon die Ursache nicht weiß, mit der Versicherung, dass die Krätze erst recht herauskommen müsse, ehe sie heilen könne; er weiß aber nicht, dass dies Schwefel-Ausschlag ist, der den Schein vermehrter Krätze annimmt. “Den Gesichtsausschlag, den die Viola tricolor heilte, hatte sie zu Anfang ihres Gebrauchs verschlimmert,” wie Leroy (Heilk. für Mütter, S. 406) versichert, aber nicht weiß, dass die scheinbare Verschlimmerung von der allzu großen Gabe des hier einigermaßen homöopathischen, Freisam-Veilchens herrührte. Lysons sagt (Med. Transact. Vol. II. London 1772): “die Ulmenrinde heile diejenigen Hautausschläge am gewissesten, die sie beim Anfange ihres Gebrauchs vermehre.” Hätte er die Rinde nicht in der (wie in der allöopathischen Arzneikunst gewöhnlich ist) ungeheueren, sondern, wie es bei Symptomenähnlichkeit der Arznei, das ist, bei ihrem homöopathischen Gebrauch sein muss, in ganz kleinen Gaben gereicht, so hätte er geheilt, ohne, oder fast ohne diese scheinbare Krankheitserhöhung (homöopathische Verschlimmerung) zu sehen.zu Wege bringt.
§ 161
Wenn ich die so genannte homöopathische Verschlimmerung, oder viel mehr die die Symptome der ursprünglichen Krankheit in etwas zu erhöhen scheinende Erstwirkung der homöopathischen Arznei hierauf die erste oder ersten Stunden setze, so ist dies allerdings bei den mehr akuten, seit kurzem entstandenen Übeln der Fall; *
* So wie die Wirkung derjenigen Arzneien, denen an sich auch die längste Wirkungsdauer eigen ist, in akuten Krankheiten schnell abläuft, am schnellsten in den akutesten – so lang dauernd ist sie doch in (aus Psora entstandenen) chronischen Krankheiten, und daher kommt es, dass die antipsorischen Arzneien oft keine solche homöopathische Verschlimmerung in den ersten Stunden, wohl aber später und in verschiedenen Stunden der ersten 8, 10 Tage merken lassen.wo aber Arzneien von langer Wirkungsdauer ein altes und sehr altes Siechtum zu bekämpfen haben, eine Gabe also viele Tage allein fortwirken muss, da sieht man in den ersten 6, 8, 10 Tagen von Zeit zu Zeit einige solcher Erstwirkungen der Arznei, einige solche anscheinende Symptomenerhöhungen des ursprünglichen Übels (von einer oder etlichen Stunden Dauer) hervor kommen, während in den Zwischenstunden Besserung des Ganzen sichtbar wird. Nach Verfluss dieser wenigen Tage erfolgt dann die Besserung von solchen Erstwirkungen der Arznei fast ungetrübt noch mehrere Tage hindurch.
§ 162
Zuweilen trifft sich’s bei der noch mäßigen Zahl genau nach ihrer wahren, reinen Wirkung gekannter Arzneien, dass nur ein Teil von den Symptomen der zu heilenden Krankheit in der Symptomenreihe der noch am besten passenden Arznei angetroffen wird, folglich diese unvollkommene Arzneikrankheits-Potenz, in Ermangelung einer vollkommeneren angewendet werden muss.
§ 163
In diesem Falle lässt sich freilich von dieser Arznei keine vollständige, unbeschwerliche Heilung erwarten. Denn es treten dann bei ihrem Gebrauch einige Zufälle hervor, welche vorher in der Krankheit nicht zu finden waren, Nebensymptome von der nicht vollständig passenden Arznei.
Diese hindern zwar nicht, dass ein beträchtlicher Teil des Übels (die den Arzneisymptomen ähnlichen Krankheitssymptome) von dieser Arznei getilgt werde, und dadurch ein ziemlicher Anfang der Heilung entstehe, aber doch nicht ohne jene, bei gehörig feiner Arzneigabe doch stets nur mäßigen Nebenbeschwerden.
§ 164
Die geringe Zahl der in der bestgewählten Arznei anzutreffenden homöopathischen Symptome tut der Heilung jedoch in dem Fall keinen Eintrag, wenn diese wenigen Arzneisymptome größtenteils doch von ungemeiner, die Krankheit besonders auszeichnender Art (charakteristisch) waren; die Heilung erfolgt dann ohne sonderliche Beschwerde.
§ 165
Ist aber von den auszeichnenden (charakteristischen), sonderlichen, ungemeinen Symptomen des Krankheitsfalles, unter den Symptomen der gewählten Arznei nichts in genauer Ähnlichkeit vorhanden, und entspricht sie der Krankheit nur in den allgemeinen, nicht näher bezeichneten, unbestimmten Zuständen (Übelkeit, Mattigkeit, Kopfschmerz und so weiter) und findet sich keine homöopathisch passendere unter den gekannten Arzneien so hat der Heilkünstler sich keinen unmittelbar vorteilhaften Erfolg von der Anwendung dieser unhomöopathischen Arznei zu versprechen.
§ 166
Indessen ist dieser Fall bei der in den neueren Zeiten vermehrten Zahl nach ihren reinen Wirkung gekannter Arzneien sehr selten, und seine Nachteile, wenn er ja eintreten sollte, mindern sich, sobald eine folgende Arznei in treffender Ähnlichkeit gewählt werden kann.
§ 167
Entstehen nämlich beim Gebrauch dieser zuerst angewendeten, unvollkommen homöopathischen Arznei Nebenbeschwerden von einiger Bedeutung, so lässt man bei akuten Krankheiten diese erste Gabe nicht völlig auswirken, und überlässt den Kranken nicht der vollen Wirkungsdauer des Mittels, sondern untersucht den nun geänderten Krankheitszustand aufs Neue und bringt den Rest der ursprünglichen Symptome mit den neu entstandenen in Verbindung zur Aufzeichnung eines neuen Krankheitsbildes.
§ 168
Nun wird man leichter ein diesem entsprechendes Analogon aus den gekannten Arzneien ausfinden, dessen selbst nur einmaliger Gebrauch die Krankheit wo nicht gänzlich vernichten, doch der Heilung um Vieles näher bringen wird. Und so fährt man, wenn auch diese Arznei zur Herstellung der Gesundheit nicht völlig hinreichen sollte, mit abermaliger Untersuchung des noch übrigen Krankheitszustandes und der Wahl einer darauf möglichst passenden, homöopathischen Arznei fort, bis die Absicht, den Kranken in den vollen Besitz der Gesundheit zu setzen, erreicht ist.
§ 169
Wenn man bei der ersten Untersuchung einer Krankheit und der ersten Wahl der Arznei finden sollte, dass der Symptomeninbegriff der Krankheit nicht zureichend von den Krankheitselementen einer einzigen Arznei gedeckt werde – eben der unzureichenden Zahl gekannter Arzneien wegen, – dass aber zwei Arzneien um den Vorzug ihrer Passlichkeit streiten, deren eine mehr für den einen Teil, die andere mehr für den anderen Teil der Zeichen der Krankheit homöopathisch passe, so lässt sich nicht anraten, nach Gebrauch der vorzüglicheren unter den beiden Arzneien, unbesehens die andere in Gebrauch zu ziehen, weil die als zweitbeste sich angegebene Arznei, bei indes veränderten Umständen nicht mehr für den Rest der dann noch übrig gebliebenen Symptome passen würde, in welchem Fall folglich für den neu aufgenommenen Symptomenbestand ein homöopathisch passenderes Arzneimittel an der zweiten Stelle zu wählen ist.
§ 170
Daher muss auch hier, wie überall, wo eine Änderung des Krankheitszustandes vorgegangen ist, der gegenwärtig noch übrige Symptomenbestand aufs Neue ausgemittelt und (ohne Rücksicht auf die anfänglich als zunächst passend erschienene, zweite Arznei) eine dem neuen, jetzigen Zustand möglichst angemessene, homöopathische Arznei von Neuem ausgewählt werden.
Träfe sich’s ja, wie nicht oft, dass die anfänglich als zweitbeste erschienene Arznei auch nun noch dem übrig gebliebenen Krankheitszustand wohl angemessen erschiene, so würde sie um desto mehr das Zutrauen verdienen, vorzugsweise angewendet zu werden.
§ 171
In den unvenerischen, folglich aus Psora entstandenen, chronischen Krankheiten bedarf man zur Heilung oft mehrerer, nacheinander anzuwendender, antipsorischer Heilmittel, jedes folgende dem Befund der nach vollendeter Wirkung des vorgängigen (in einer einzigen Gabe oder in mehreren, aufeinander folgenden Gaben desselben angewendeten) Mittels übrig gebliebenen Symptomengruppe gemäß, homöopathisch gewählt.
§ 172
Eine ähnliche Schwierigkeit im Heilen entsteht von der allzu geringen Zahl der Krankheitssymptome, ein Umstand, der unsere sorgfältige Beachtung verdient, da durch seine Beseitigung fast alle Schwierigkeiten, die diese vollkommenste aller möglichen Heilmethoden (außer dem noch nicht vollständigen Apparat homöopathisch gekannter Arzneien) nur darbieten kann, gehoben sind.
§ 173
Bloß diejenigen Krankheiten scheinen nur wenige Symptome zu haben, und deshalb Heilung schwieriger anzunehmen, welche man einseitige nennen kann, weil nur ein paar Hauptsymptome hervor stechen, welche fast den ganzen Rest der übrigen Zufälle verdunkeln. Sie gehören größtenteils zu den chronischen.
§ 174
Ihr Hauptsymptom kann entweder ein inneres Leiden (z.B. ein vieljähriger Kopfschmerz, ein vieljähriger Durchfall, eine alte Kardialgie usw.) oder ein mehr äußeres Leiden sein. Letztere pflegt man vorzugsweise Lokalkrankheiten zu nennen.
§ 175
Bei den einseitigen Krankheiten ersterer Art liegt es oft bloß an der Unaufmerksamkeit des ärztlichen Beobachters, wenn er die Zufälle, welche zur Vervollständigung des Umrisses der Krankheitsgestalt vorhanden sind, nicht vollständig aufspürt.
§ 176
Indes gibt es doch einige wenige Übel, welche nach aller anfänglichen (§ 84 bis 98) Forschung, außer ein paar starker, heftiger Zufälle, die übrigen nur undeutlich merken lassen.
§ 177
Um nun auch diesem, obgleich sehr seltenen Fall mit gutem Erfolg zu begegnen, wählt man zuerst, nach Anleitung dieser wenigen Symptome, die hierauf nach bestem Ermessen homöopathisch ausgesuchte Arznei.
§ 178
Es wird sich zwar wohl zuweilen treffen, dass diese mit sorgfältiger Beobachtung des homöopathischen Gesetzes gewählte Arznei die passend ähnliche künstliche Krankheit zur Vernichtung des gegenwärtigen Übels darreiche, welches um desto eher möglich war, wenn diese wenigen Krankheitssymptome sehr auffallend, bestimmt, ungemein und besonders ausgezeichnet (charakteristisch) sind.
§ 179
Im häufigeren Fall aber kann die hier zuerst gewählte Arznei nur zum Teil, das ist, nicht genau passen, da keine Mehrzahl von Symptomen zur treffenden Wahl leitete.
§ 180
Da wird nun die zwar so gut wie möglich gewählte, aber gedachter Ursache wegen nur unvollkommen homöopathische Arznei bei ihrer Wirkung gegen die ihr nur zum Teil analoge Krankheit – eben so wie in obigem (§ 162 und ferner) Fall, wo die Armut an homöopathischen Heilmitteln die Wahl allein unvollständig ließ – Nebenbeschwerden erregen, und mehrere Zufälle aus ihrer eigenen Symptomenreihe in das Befinden des Kranken einmischen, die aber doch zugleich, obschon bisher noch nicht oder selten gefühlten Beschwerden der Krankheit selbst sind; es werden Zufälle sich entdecken oder sich in höherem Grade entwickeln, die der Kranke kurz vorher gar nicht oder nicht deutlich wahrgenommen hatte.
§ 181
Man werfe nicht ein, dass die jetzt erschienenen Nebenbeschwerden und den neuen Symptome dieser Krankheit Aufrechnung des eben gebrauchten Arzneimittels kämen. Sie kommen von ihm, *
* Wenn nicht ein wichtiger Fehler in der Lebensordnung, eine heftige Leidenschaft, oder eine stürmische Entwicklung im Organismus, Ausbruch oder Abschied des Monatlichen, Empfängnis, Niederkunft usw. davon Ursache war.es sind aber doch immer nur solche Symptome, zu deren Erscheinung diese Krankheit und in diesem Körper auch für sich schon fähig war, und welche von der gebrauchten Arznei – als Selbsterzeugerin ähnlicher – bloß hervor gelockt und zu erscheinen bewogen wurden. Man hat, mit einem Wort, den ganzen jetzt sichtbar gewordenen Symptomeninbegriff für den der Krankheit selbst zugehörigen, für den gegenwärtigen wahren Zustand anzunehmen und hiernach ferner zu behandeln.
§ 182
So leistet die wegen allzu geringer Zahl anwesender Symptome hier fast unvermeidlich unvollkommene Wahl des Arzneimittels, dennoch den Dienst einer Vervollständigung des Symptomeninhalts der Krankheit und erleichtert auf diese Weise die Ausfindung einer zweiten, treffender passenden, homöopathischen Arznei.
§ 183
Es muss also, sobald die Gabe der ersten Arznei nichts Vorteilhaftes mehr bewirkt (wenn die neu entstandenen Beschwerden, ihrer Heftigkeit wegen, nicht eine schleunigere Hilfe heischen – was jedoch bei der Gabenkleinheit homöopathischer Arznei und in sehr langwierigen Krankheiten nur höchst selten der Fall ist), wieder ein neuer Befund der Krankheit aufgenommen, es muss der status morbi, wie er jetzt ist, aufgezeichnet, und nach ihm ein zweites homöopathisches Mittel gewählt werden, was gerade auf den heutigen, auf den jetzigen Zustand passt, welches um desto angemessener gefunden werden kann, da die Gruppe der Symptome zahlreicher und vollständiger geworden ist. *
* Wo der Kranke (was jedoch höchst selten in chronischen, wohl aber in akuten Krankheiten stattfindet) bei ganz undeutlichen Symptomen sich dennoch sehr übel befindet, so dass man diesen Zustand mehr dem betäubten Zustand der Nerven beimessen kann, welche die Schmerzen und Beschwerden beim Kranken nicht zur deutlichen Wahrnehmung kommen lässt, da tilgt Mohnsaft diese Betäubung des inneren Gefühlssinnes und die Symptome der Krankheit kommen in der Nachwirkung deutlich zum Vorschein.§ 184
Und so wird ferner, nach vollendeter Wirkung jeder Arzneigabe, der Zustand der noch übrigen Krankheit nach den übrigen Symptomen jedes Mal von Neuem aufgenommen, und nach dieser gefundenen Gruppe von Zufällen einer abermals möglichst passende, homöopathische Arznei ausgesucht, und so fort bis zur Genesung.
§ 185
Unter den einseitigen Krankheiten nehmen die so genannten Lokal-Übel eine wichtige Stelle ein, worunter man an den äußeren Teilen des Körpers erscheinende Veränderungen und Beschwerden begreift, woran, wie man bisher lehrte, diese Teile allein erkrankt sein sollten, ohne dass der übrige Körper daran teilnehme – eine theoretische, ungereimte Satzung, die zu der verderblichsten arzneilichen Behandlung verführt hat.
§ 186
Diejenigen so genannten Lokal-Übel, welche seit kurzem bloß von einer äußeren Beschädigung entstanden sind, scheinen noch am ersten den Namen örtlicher Übel zu verdienen.
Dann aber müsste die Beschädigung sehr geringfügig sein, und wäre dann ohne besondere Bedeutung. Denn von außen her dem Körper zugefügte Übel von nur irgend einer Beträchtlichkeit ziehen schon den ganzen lebenden Organismus in Mitleidenschaft; es entstehen Fieber usw.
Es beschäftigt sich mit der gleichen die Chirurgie, jedoch mit Recht nur, insofern an den leidenden Teilen eine mechanische Hilfe anzubringen ist, wodurch die äußeren Hindernisse der durch die Lebenskraft einzig zu erwartenden Heilung mechanisch vertilgt werden können, z.B. durch Einrenkungen, Wundlippen vereinigende Binden, Ausziehung in die lebenden Teile gedrungener, fremder Körper, Öffnung einer Körperhöhle, um eine belästigende Substanz herauszunehmen, oder um Ergießungen ausgetretener oder gesammelter Flüssigkeiten einen Ausgang zu verschaffen, Annäherung der Bruchenden eines zerbrochenen Knochens und Befestigung ihres Aufeinanderpassens durch schicklichen Verband, usw.
Aber wo bei solchen Beschädigungen der ganze lebende Organismus, wie stets, tätige dynamische Hilfe verlangt, um in den Stand gesetzt zu werden, das Werk der Heilung zu vollführen, zum Beispiel, wo das stürmische Fieber von großen Quetschungen, zerrissenem Fleisch, Flechsen und Gefäßen durch innere Arznei zu beseitigen ist, oder wo der äußere Schmerz verbrannter oder geätzter Teile homöopathisch hinweg genommen werden soll, da tritt das Geschäft des dynamischen Arztes ein und seine homöopathische Hilfe.
§ 187
Ganz auf andere Art aber entstehen diejenigen an den äußeren Teilen erscheinenden Übel, Veränderungen und Beschwerden, die keine Beschädigung von außen zur Ursache oder nur kleine äußere Verletzungen zur letzten Veranlassung haben; diese haben ihre Quelle in einem inneren Leiden.
Diese für bloß örtliche Übel auszugeben, und bloß oder fast bloß mit örtlichen Auflegungen gleichsam wundärztlich zu behandeln, wie die bisherige Medizin seit allen Jahrhunderten tat, war so ungereimt, als von den schädlichsten Folgen.
§ 188
Man hielt diese Übel für bloß örtlich und nannte sie deshalb Lokal-Übel, gleichsam an diesen Teilen ausschließlich stattfindende Erkrankungen, woran der Organismus wenig oder keinen Teil nehme, oder Leiden dieser einzelnen, sichtbaren Teile, wovon, sozusagen, der übrige lebende Organismus nichts wisse. *
* Eine von den vielen, verderblichen Haupttorheiten der alten Schule.§ 189
Und dennoch ist schon bei geringem Nachdenken einleuchtend, dass kein (ohne sonderliche Beschädigung von außen entstandenes), äußeres Übel ohne innere Ursachen, ohne Zutun des ganzen (folglich kranken) Organismus entstehen und auf seiner Stelle verharren, oder wohl gar sich verschlimmern kann.
Es könnte gar nicht zum Vorschein kommen, ohne die Zustimmung des ganzen übrigen Befindens und ohne die Teilnahme des übrigen lebenden Ganzen (der in allen übrigen, empfindenden und reizbaren Teilen des Organismus waltenden Lebenskraft); ja sein Emporkommen lässt sich, ohne vom ganzen (verstimmten) Leben dazu veranlasst zu sein, nicht einmal denken; so innig hängen alle Teile des Organismus zusammen und bilden ein unteilbares Ganzes in Gefühlen und Tätigkeit. Keinen Lippenausschlag, kein Nagelgeschwür gibt es, ohne vorgängiges und gleichzeitiges inneres Übelbefinden des Menschen.
§ 190
Jede echt ärztliche Behandlung eines, fast ohne Beschädigung von außen, an äußeren Teilen des Körpers entstandenen Übels muss daher auf das Ganze, auf die Vernichtung und Heilung des allgemeinen Leidens, mittels innerer Heilmittel, gerichtet sein, wenn sie zweckmäßig, sicher, hilfreich und gründlich sein soll.
§ 191
Unzweideutig wird dies durch die Erfahrung bestätigt, welche in allen Fällen zeigt, dass jede kräftige, innere Arznei gleich nach ihrer Einnahme bedeutende Veränderungen, so wie in dem übrigen Befinden eines solchen Kranken, so insbesondere im leidenden äußeren (der gemeinen Arzneikunst isoliert scheinenden) Teile, in einem so genannten Lokal-Übel der äußersten Stellen des Körpers verursacht, und zwar die heilsameste Veränderung, die Genesung des ganzen Menschen, unter Verschwindung des äußeren Übels (ohne Zutun irgend eines äußeren Mittels), wenn die innere, auf das Ganze gerichtete Arznei passend homöopathisch gewählt war.
§ 192
Dies geschieht am zweckmäßigsten, wenn bei Erörterung des Krankheitsfalles, nächst der genauen Beschaffenheit des Lokal-Leidens, zugleich alle im übrigen Befinden bemerkbaren und vorher, beim Nichtgebrauch von Arzneien bemerkten Veränderungen, Beschwerden und Symptome in Vereinigung gezogen werden zum Entwurf eines vollständigen Krankheitsbildes, ehe man ein dieser Gesamtheit von Zufällen entsprechendes Heilmittel unter denen nach ihren eigentümlichen Krankheitswirkungen gekannten Arzneien sucht, um eine homöopathische Wahl zu treffen.
§ 193
Durch diese bloß innerlich eingegebene Arznei (und wenn das Übel erst kürzlich entstanden war, oft schon durch die erste Gabe) wird dann der gemeinsame Krankheitszustand des Körpers, mit dem Lokal-Übel zugleich aufgehoben, und Letzteres mit Ersterem zugleich geheilt, zum Beweis, dass das Lokal-Leiden einzig und allein von einer Krankheit des übrigen Körpers abhing, und nur als ein untrennbarer Teil des Ganzen, als eines der größten und auffallendsten Symptome der Gesamtkrankheit anzusehen war.
§ 194
Weder bei den schnell entstehenden, akuten Lokalleiden, noch bei den schon lange bestehenden örtlichen Übeln ist es dienlich, ein äußeres Mittel, und wäre es auch das spezifische, und innerlich gebraucht, homöopathisch heilsame, äußerlich an die Stelle einzureiben oder aufzulegen, selbst dann nicht, wenn es innerlich zugleich angewendet würde; denn die akuten topischen Übel (z.B. Entzündungen einzelner Teile, Rotlauf und so weiter), die nicht durch verhältnismäßig eben so heftige, äußere Beschädigung, sondern durch dynamische oder innere Ursachen entstanden waren, weichen am sichersten den dem gegenwärtigen äußeren und inneren wahrnehmbaren Befindenszustand homöopathisch anpassenden, inneren Mitteln, aus dem allgemeinen Vorrat geprüfter Arzneien gewählt, *
* Z. B. Aconit, Wurzelsumach, Belladonne, Quecksilber, usw.gewöhnlich ganz allein; und weichen Sie ihnen nicht völlig, und bleibt an der leidenden Stelle und im ganzen Befinden, bei guter Lebensordnung, dennoch ein Rest von Krankheit zurück, was die Lebenskraft zur Normalität wieder zu erheben nicht im Stande ist, so war (wie nicht selten) das akute Lokal-Übel ein Produkt auflodernder, bisher im Inneren schlummernder Psora, welche im Begriff ist, sich zu einer offenbaren, chronischen Krankheit zu entwickeln.
§ 195
In solchen, nicht seltenen Fällen muss dann, nach erträglicher Beseitigung des akuten Zustandes, gegen die noch übrig gebliebenen Beschwerden und die dem Kranken vorher gewöhnlich, krankhaften Befindenszustände zusammen, eine angemessene, antipsorische Behandlung gerichtet werden (wie in dem Buch von den chronischen Krankheiten gelehrt worden), um eine gründliche Heilung zu erlangen. Bei chronischen Lokal-Übeln, die nicht offenbar venerisch sind, ist ohnehin die antipsorische, innerer Heilung allein erforderlich.
§ 196
Es könnte zwar scheinen, als wenn die Heilung solcher Krankheiten beschleunigt würde, wenn man das für den ganzen Inbegriff der Symptome als homöopathisch richtig erkannte Arzneimittel nicht nur innerlich anwendete, sondern auch äußerlich auflegte, weil die Wirkung einer Arznei, an der Stelle des Lokal-Übels selbst angebracht, eine schnellere Veränderung darin hervorbringen könnte.
§ 197
Diese Behandlung ist aber nicht nur bei den Lokalsymptomen, die das Miasma der Psora, sondern auch vorzüglich bei denen, die das Miasma der Syphilis, oder der Sykosis zu Grunde haben, durchaus verwerflich, denn die neben dem inneren Gebrauch gleichzeitige, örtliche Anwendung des Heilmittels bei Krankheiten, welche ein stetiges Lokal-Übel zum Hauptsymptom haben, führt den großen Nachteil herbei, dass durch eine solche örtliche Auflegung dieses Hauptsymptom (Lokal-Übel) *
* Frischer Krätzausschlag, Schanker, Feigwarze.gewöhnlich schneller, als die innere Krankheit, vernichtet wird, und uns nun mit dem Schein einer völligen Heilung täuscht, wenigstens uns nun die Beurteilung, ob auch die Gesamtkrankheit durch den Beigebrauch der inneren Arznei vernichtet sei, durch die vorzeitige Verschwindung dieses örtlichen Symptoms erschwert und in einigen Fällen unmöglich macht.
§ 198
Die bloß örtliche Anwendung der von innen heilkräftigen Arznei auf die Lokalsymptome chronisch miasmatischer Krankheiten ist aus gleichem Grunde durchaus verwerflich; denn ist das Lokal-Übel der chronischen Krankheit bloß örtlich und einseitig aufgehoben worden, so bleibt nun die zur völligen Herstellung der Gesundheit unerlässliche innere Kur im ungewissen Dunkel; das Hauptsymptom (das Lokal-Übel) ist verschwunden, und es sind nur noch die anderen, unkenntlicheren Symptome übrig, welche weniger stetig und bleibend, als das Lokalleiden, und oft von zu weniger Eigentümlichkeit und zu wenig charakteristisch sind, als dass sie noch ein Bild der Krankheit in deutlichem und vollständigem Umriss darstellen sollten.
§ 199
Wenn nun vollends das der Krankheit homöopathisch angemessene Heilmittel zu der Zeit noch nicht gefunden war, *
* Wie, vor mir, die Heilmittel der Feigwarzen-Krankheit (und die antipsorischen Arzneien).als das örtliche Symptom durch ein beizendes, oder austrocknendes äußeres Mittel, oder durch den Schnitt vernichtet wurde, so wird der Fall wegen der allzu unbestimmten (uncharakteristischen) und unsteten Erscheinung der noch übrigen Symptomen noch weit schwieriger, weil, was die Wahl des treffendsten Heilmittels und seine innere Anwendung bis zum Punkt der völligen Vernichtung der Krankheit noch am meisten hätte leiten und bestimmen können, nämlich das äußere Hauptsymptom unserer Beobachtung entzogen worden ist.
§ 200
Wäre es bei der inneren Kur noch da, so würde das homöopathische Heilmittel für die Gesamtkrankheit haben ausgemittelt werden können, und wäre dieses gefunden, so würde bei dessen innerem Gebrauch die bleibende Gegenwart des Lokal-Übels zeigen, dass die Heilung noch nicht vollendet sei; heilte es aber auf seiner Stelle, so bewiese dies überzeugend, dass das Übel bis zur Wurzel ausgerottet, und die Genesung von der gesamten Krankheit bis zum erwünschten Ziel gediehen sei. Ein unschätzbarer, unentbehrlicher Vorteil.
§ 201
Offenbar entschließt sich die menschliche Lebenskraft, wenn sie mit einer chronischen Krankheit beladen ist, die sie nicht durch ihre eigenen Kräfte überwältigen kann, zur Bildung eines Lokal-Übels an irgend einem äußeren Teil, bloß aus der Absicht, um, durch Krankmachung und Krankerhaltung dieses zum Leben des Menschen nicht unentbehrlichen äußeren Teils, dass außerdem die Lebensorgane zu vernichten (und das Leben zu rauben) drohende, innere Übel zu beschwichtigen und, sozusagen, auf das stellvertretende Lokal-Übel zu übertragen und dahin gleichsam abzuleiten.
Die Anwesenheit des Lokal-Übels bringt auf diese Art die innere Krankheit vor der Hand zum Schweigen, obschon, ohne sie weder zu heilen, noch wesentlich vermindern zu können. *
* Die Fontanelle des Arztes alter Schule tun etwas Ähnliches; sie beschwichtigen als künstliche Geschwüre an den äußeren Teilen mehrere innere chronische Leiden, doch nur eine sehr kurze Zeit lang, ohne sie heilen zu können, schwächen aber auf der anderen Seite und verderben den ganzen Befindenszustand weit mehr, als die instinktartige Lebenskraft durch die meisten ihrer veranstalteten Metastasen tut.Indessen bleibt das Lokal-Übel immer weiter nichts, als ein Teil der Gesamtkrankheit, aber ein von der chronischen Lebenskraft einseitig vergrößerter Teil derselben, an eine gefahrlosere (äußere) Stelle des Körpers hin verlegt, um das innere Leiden zu beschwichtigen.
Es wird aber (wie gesagt) durch dieses die innere Krankheit zum Schweigen bringende Lokalsymptom von der Lebenskraft für die Minderung oder Heilung des Gesamtübels so wenig gewonnen, dass im Gegenteil dabei das innere Leiden dennoch allmählich zunimmt und die Natur genötigt ist, das Lokalsymptom immer mehr zu vergrößern und zu verschlimmern, damit es zur Stellvertretung für das innere vergrößerte Übel und zu seiner Beschwichtigung noch zureiche.
Die alten Schenkelgeschwüre verschlimmern sich, bei ungeheilter, innerer Psora der Schanker vergrößert sich bei noch ungeheilter, innerer Syphilis, so wie die innere Gesamtkrankheit mit der Zeit von selbst wächst.
§ 202
Wird nun von dem Arzt der bisherigen Schule, in der Meinung, er heile dadurch die ganze Krankheit, das Lokalsymptom durch äußere Mittel örtlich vernichtet, so ersetzt es die Natur durch Erweckung des inneren Leidens und der vorher schon neben dem Lokal-Übel bestandenen, bisher noch schlummernden übrigen Symptome, das ist, durch Erhöhung der inneren Krankheit – in welchem Fall man dann unrichtig zu sagen pflegt, dass Lokal-Übel sei durch die äußeren Mittel zurück in den Körper oder auf die Nerven getrieben worden.
§ 203
Jede äußere Behandlung solcher Lokalsymptome, um sie, ohne die innere miasmatische Krankheit geheilt zu haben, von der Oberfläche des Körpers wegzuschaffen, also den Krätzausschlag durch allerlei Salben von der Haut zu vertilgen, den Schanker äußerlich wegzubeizen und die Feigwarze durch Wegschneiden, Abbinden oder glühendes Eisen auf seiner Stelle zu vernichten, diese bisher so allgewöhnliche, äußere, verderbliche Behandlung ist die allgemeinste Quelle aller der unzähligen, benannten und unbenannten, chronischen Leiden geworden, worunter die gesamte Menschheit seufzt; sie ist eine der verbrecherischsten Handlungen, deren sich die Arztwelt schuldig machen konnte, und gleichwohl war sie bisher die allgemein eingeführte und von den Kathedern als die alleinige gelehrt. *
* Denn, was dabei an Arzneien innerlich gegeben werden sollte, diente bloß zur Verschlimmerung des Übels, da diese Mittel keine spezifische Heilkraft für das Total der Krankheit besaßen, wohl aber den Organismus angriffen, ihn schwächten und ihm andere chronische Arzneikrankheiten zur Zugabe beibrachten.§ 204
Wenn wir alle langwierigen Übel, Beschwerden und Krankheiten, welche von einer anhaltenden, ungesunden Lebensart abhängen, so wie jene unzähligen Arznei-Siechtume (siehe § 74), welche durch unverständige, anhaltende, angreifende und verderbliche Behandlung oft nur kleiner Krankheiten, von Ärzten alter Schule entstanden, wegrechnen, so rühren alle übrigen, ohne Ausnahme, von der Entwicklung dieser drei chronischen Miasmen, der inneren Syphilis, der inneren Sykosis, vorzüglich aber und in unendlich größerem Verhältnis, von der inneren Psora her, deren jedes schon im Besitz vom ganzen Organismus war und ihn in allen Teilen schon durchdrungen hatte, ehe jeder ihr primäres, stellvertretendes und ihren Ausbruch verhütendes Lokalsymptom (bei der Psora der Krätzausschlag, bei der Syphilis der Schanker oder die Schoßbeule, und bei der Sykosis die Feigwarze) zum Vorschein kam, und welche unausbleiblich, wenn dieses ihnen geraubt wird, bald oder spät zur Entwicklung und zum Ausbruch zu kommen von der großen Natur bestimmt sind, und von da aus all das namenlose Elend, die unglaubliche Menge chronischer Krankheiten verbreiten, welche das Menschengeschlecht seit Jahrhunderten und Jahrtausenden quälen, deren keine so häufig zur Existenz gekommen wäre, hätten die Ärzte diese drei Miasmen, ohne ihre äußeren Symptome durch topische Mittel anzutasten, durch die inneren homöopathischen, für jede gehörigen Arzneien gründlich zu heilen und im Organismus auszulöschen sich verständig beeifert.
§ 205
Der homöopathische Arzt behandelt nie eines dieser Primärsymptome der chronischen Miasmen, noch auch eines ihrer sekundären, aus ihrer Entwicklung entsprossenen Übel durch örtliche (weder durch äußere dynamisch wirkende *
* Ich kann daher z. B. nicht zur örtlichen Ausrottung des sogenannten Lippen- oder Gesichtskrebses (einer Frucht weit entwickelter Psora?) durch das kosmische Arsenik-Mittel raten, nicht nur weil es äußerst schmerzhaft ist und öfter misslingt, sondern mehr deshalb, weil, wenn ja dieses dynamische Mittel die Körperstelle von dem bösen Geschwür lokal befreit, das Grundübel doch hierdurch nicht zum kleinsten Teil vermindert wird, die Lebenserhaltungskraft also genötigt ist, den Herd für das innere große Übel an eine noch edlere Stelle (wie sie bei allen Metaschematismen tut) zu versetzen, und Blindheit, Taubheit, Wahnsinn, Erstickungs-Asthma, Wassergeschwulst, Schlagfluss usw. folgen zu lassen. Diese zweideutige, örtliche Befreiung der Stelle von dem bösen Geschwür durch das topische Arsenik-Mittel gelingt aber obendrein nur da, wo das Geschwür noch nicht groß, die Lebenskraft auch noch sehr energisch ist; aber eben in dieser Lage der Sache ist auch die innere vollständige Heilung des ganzen Ur-Übels noch ausführbar. Ein gleicher ist der Erfolg von dem bloß durch den Schnitt weggenommenen Gesichts- oder Brustkrebs und der Ausschälung der Balg-Geschwülste; es erfolgt etwas noch Schlimmeres darauf, wenigstens wird der Tod beschleunigt. Dies ist unzählige Male der Erfolg gewesen; aber die alte Schule fährt doch bei jedem neuen Fall in ihrer Blindheit fort, gleiches Unglück anzurichten.noch auch durch mechanische) Mittel, sondern heilt, wo sich die einen oder die anderen zeigen, einzig nur das große, ihnen zu Grunde liegende Miasma, wovon dann auch sein primäres, so wie seine sekundären Symptome von selbst mit verschwinden; der homöopathische Arzt hat es aber, da dergleichen vor ihm nicht geschah, und er meist die Primärsymptome *
* Krätzausschlag, Schanker (Schoßbeule), Feigwarzen.von den bisherigen Ärzten, leider, schon äußerlich vernichtet findet, jetzt mehr mit den sekundären, das ist den Übeln von den Ausbrüchen und der Entwicklung dieser innewohnenden Miasmen, vorzüglich aber mit den aus innerer Psora entfalteten, chronischen Krankheiten zu tun, deren innere Heilung, soviel ein einzelner Arzt nach vieljährigem Nachdenken, Beobachtung und Erfahrung an den Tag zu bringen vermochte, ich in meinem Buch von den chronischen Krankheiten darzulegen mich beflissen habe, worauf ich hier verweise.
§ 206
Vor dem Beginn der Kur eines chronischen Übels muss notwendig die sorgfältigste Erkundigung *
* Man lasse sich bei Erkundigungen dieser Art nicht von den öfteren Behauptungen der Kranken oder ihrer Angehörigen betören, welche zur Ursache langwieriger, ja der größten und langwierigsten Krankheiten entweder eine vor vielen Jahren erlittene Verkältung (Durchnässung, einen kalten Trunk auf Erhitzung), oder einen ehemals gehabten Schreck, ein Verheben, ein Ärgernis (auch wohl eine Behexung) usw. angeben. Diese Veranlassungen sind viel zu klein, um eine langwierige Krankheit in einem gesunden Körper zu erzeugen, lange Jahre zu unterhalten und von Jahr zu Jahr zu vergrößern, wie die chronischen Krankheiten von entwickelter Psora alle geartet sind. Ungleich wichtigere Ursachen als jene erinnerlichen Schädlichkeiten müssen dem Anfang und Fortgang eines bedeutenden, hartnäckigen, alten Übels zum Grunde liegen; jene angeblichen Veranlassungen können nur Hervorlockungs-Momente eines chronischen Miasmas abgeben.vorausgehen, ob der Kranke eine venerische Ansteckung (oder auch eine Ansteckung mit Feigwarzen-Tripper) gehabt hatte; denn dann muss auf diese die Behandlung gerichtet werden und zwar allein, wenn bloß Zeichen der Lustseuche (oder der, seltenen, Feigwarzen-Krankheit) vorhanden sind, dergleichen aber in neueren Zeiten sehr selten allein angetroffen werden.
Rücksicht aber, wenn dergleichen Ansteckung vorangegangen war, muss auf sie auch in dem Fall genommen werden, wenn Psora zu heilen ist, weil dann Letztere mit Ersterer kompliziert ist, wie immer, wenn jeder Zeichen nicht rein sind; denn stets, oder fast stets wird der Arzt, wenn er eine alte, venerische Krankheit vor sich zu haben wähnt, eine vorzüglich mit Psora vergesellschaftete (komplizierte) zu behandeln haben, indem das innere Krätze-Siechtum (die Psora) bei weitem die häufigste (gewisseste) Grundursache der chronischen Krankheiten ist, auch wohl entweder zugleich mit Syphilis (oder auch Sykosis) verbunden (kompliziert), wenn geständig letztere Ansteckungen einst geschehen waren, oder, wie unendlich öfter vorkommt, die Psora ist die alleinige Grundursache aller übrigen chronischen Leiden, sie mögen Namen haben, wie sie wollen, die durch allöopathische Unkunst sooft noch obendrein verpfuscht und zu Ungeheuern erhöht und verunstaltet zu werden pflegen.
§ 207
Wenn Obiges berichtigt ist, hat der homöopathische Arzt noch die Erkundigung nötig: welche allöopathischen Kuren mit dem langwierig Kranken bis dahin vorgenommen worden waren, welche eingreifenden Arzneien vorzüglich und am häufigsten, auch welche mineralischen Bäder und mit welchen Erfolgen er sie gebrauchte, um einigermaßen die Ausartung seines ursprünglichen Zustandes begreifen und wo möglich diese künstlichen Verderbnisse zum Teil wieder bessern, oder doch die schon gemissbrauchten Arzneien vermeiden zu können.
§ 208
Nächstdem muss das Alter des Kranken, seine Lebensweise und Diät, seine Beschäftigungen, seine häusliche Lage, seine bürgerlichen Verhältnisse usw. in Rücksicht genommen werden, ob diese Dinge zur Vermehrung seines Übels beigetragen, oder inwiefern alles dies die Kur begünstigen oder hindern könnte.
So darf auch seine Gemüts- und Denkart, ob sie die Kur hindere, oder psychisch zu leiten, zu begünstigen oder abzuändern sei, nicht aus der Acht gelassen werden.
§ 209
Dann erst sucht der Arzt in mehreren Unterredungen, das Krankheitsbild des Leidenden so vollständig als möglich, zu entwerfen, nach obiger Anleitung, um die auffallendsten und sonderbarsten (charakteristischen) Symptome auszeichnen zu können, nach denen er das erste antipsorische usw. Arzneimittel nach möglichster Zeichenähnlichkeit für den Anfang der Kur, und so fort auswählt.
§ 210
Der Psora gehört fast alles an, was ich ehedem einseitige Krankheiten nannte, welche dieser Einseitigkeit wegen, wo vor dem einzelnen, großen, hervorragenden Symptom alle übrigen Krankheitszeichen gleichsam verschwinden, schwieriger heilbar scheinen.
Dieser Art sind die so genannten Gemüts- und Geisteskrankheiten. Sie machen jedoch keine von den übrigen scharf getrennte Klasse von Krankheiten aus, indem auch in allen übrigen so genannten Körperkrankheiten die Gemüts- und Geistesverfassung alle Mal geändert ist, *
* Wie oft trifft man nicht, z. B. in den schmerzhaftesten, mehrjährigen Krankheiten ein mildes, sanftes Gemüt an, so dass der Heilkünstler Achtung und Mitleid gegen den Kranken zu hegen sich gedrungen fühlt. Besiegt er aber die Krankheit und stellt den Kranken wieder her – wie nach homöopathischer Art nicht selten möglich ist – da erstaunt und erschrickt er nicht selten über die schauderhafte Veränderung des Gemüts. Da sieht er oft Undankbarkeit, Hartherzigkeit, ausgesuchte Bosheit und die die Menschheit entehrendsten und empörendsten Launen hervortreten, welche gerade dem Kranken in seinen ehemaligen gesunden Tagen eigen gewesen waren. Die in gesunden Zeiten Geduldigen findet man oft in Krankheiten störrisch, heftig, hastig, auch wohl unleidlich, eigensinnig und wiederum auch wohl ungeduldig oder verzweifelt; die ehedem Züchtigen und Schamhaften findet man nun geil und schamlos. Den hellen Kopf trifft man nicht selten stumpfsinnig, den gewöhnlich Schwachsinnigen hinwiederum gleichsam klüger, sinniger, und den von langsamer Besinnung zuweilen voll Geistesgegenwart und schnell entschlossen an, usw.und in allen zu heilenden Krankheitsfällen der Gemütszustand des Kranken als eins der vorzüglichsten mit in den Inbegriff der Symptome aufzunehmen ist, wenn man ein treues Bild von der Krankheit verzeichnen will, um sie hiernach mit Erfolg homöopathisch heilen zu können.
§ 211
Dies geht soweit, dass bei homöopathischer Wahl eines Heilmittels der Gemütszustand des Kranken oft am meisten den Ausschlag gibt, als Zeichen von bestimmter Eigenheit, was dem genau beobachtenden Arzt unter allen am wenigsten verborgen bleiben kann.
§ 212
Auf dieses Haupt-Ingredienz aller Krankheiten, auf den veränderten Gemüts- und Geisteszustand hat auch der Schöpfer der Heilpotenzen vorzüglich Rücksicht genommen, indem es keinen kräftigen Arzneistoff auf der Welt gibt, welche nicht den Gemüts- und Geisteszustand in dem ihn versuchenden gesunden Menschen sehr merkbar veränderte, und zwar jede Arznei anders.
§ 213
Man wird daher nie naturgemäß, das ist, nie homöopathisch heilen, wenn man nicht bei jedem, selbst akutem, Krankheitsfall zugleich mit auf das Symptom der Geistes- und Gemütsveränderungen sieht, und nicht zur Hilfe eine solche Krankheitspotenz unter den Heilmitteln auswählt, welche nächst der Ähnlichkeit ihrer anderen Symptome mit denen der Krankheit, auch einen ähnlichen Gemüts- oder Geisteszustand für sich zu erzeugen fähig ist. *
* So wird bei einem stillen, gleichförmig gelassenen Gemüt, der Napell-Sturmhut selten oder nie eine, weder schnelle noch dauerhafte Heilung bewirken, ebensowenig, als die Krähenaugen bei einem milden, phlegmatischen, die Pulsatille bei einem frohen, heiteren und hartnäckigen, oder die Ignazbohne bei einem unwandelbaren, weder zu Schreck, noch zu Ärgernis geneigten Gemütszustand.§ 214
Was ich also über die Heilung der Geistes- und Gemütskrankheiten zu lehren habe, wird sich auf Weniges beschränken können, da sie nur auf dieselbe Art, als alle übrigen Krankheiten, das ist, durch ein Heilmittel, was eine dem Krankheitsfall möglichst ähnliche Krankheitspotenz in ihren, an Leib und Seele des gesunden Menschen zu Tage gelegten Symptomen darbietet, zu heilen ist, und gar nicht anders geheilt werden kann.
§ 215
Die so genannten Geistes- und Gemütskrankheiten sind fast alle nichts anderes, als Körperkrankheiten, bei denen das jeder eigentümliche Symptom der Geistes- und Gemütsverstimmung sich unter Verminderung der Körpersymptome (schneller oder langsamer) erhöht – endlich bis zur auffallendsten Einseitigkeit, fast wie ein Lokal-Übel in die unsichtbar feinen Geistes- oder Gemütsorgane versetzt.
§ 216
Die Fälle sind nicht selten, wo eine den Tod drohende, so genannte Körperkrankheit – eine Lungenvereiterung, oder die Verderbnis irgend eines anderen, edlen Eingeweides, oder eine andere hitzige (akute) Krankheit, z. B. in Kindbett usw., durch schnelles Steigen des bisherigen Gemüts-Symptoms, in einen Wahnsinn, in eine Art Melancholie, oder in einer Raserei ausgeartet und dadurch alle Todesgefahr der Körpersymptome verschwinden macht; letztere bessern sich indes fast bis zur Gesundheit, oder verringern sich vielmehr bis zu dem Grad, dass ihre dunkel fortwährende Gegenwart nur von dem beharrlich und fein beobachtenden Arzt noch erkannt werden kann.
Sie arten auf diese Weise zur einseitigen Krankheit, gleichsam zu einer Lokalkrankheit aus, in welcher das vordem nur gelinde Symptom der Gemütsverstimmung zum Hauptsymptom sich vergrößert, welches dann größtenteils die übrigen (Körper-)Symptome vertritt, und ihre Heftigkeit palliativ beschwichtigt, so dass, mit einem Wort, die Übel der gröberen Körperorgane auf die fast geistigen, von keinem Zergliederungsmesser je erreichten oder erreichbaren Geistes- und Gemütsorgane gleichsam übertragen und auf sie abgeleitet werden.
§ 217
Mit Sorgfalt muss bei ihnen die Erforschung des ganzen Zeicheninbegriffs unternommen werden, in Absicht der Körpersymptome sowohl, als auch, und zwar vorzüglich, in Absicht der genauen Auffassung der bestimmten Eigenheit (des Charakters) seines Hauptsymptoms, des besonderen, jedesmal vorwaltenden Geistes- und Gemütszustandes, um zur Auslöschung der Gesamtkrankheit eine homöopathische Arzneikrankheitspotenz unter den nach ihren reinen Wirkungen gekannten Heilmitteln auszufinden, ein Heilmittel, welches in seinem Symptomeninhalt nicht nur die in diesem Krankheitsfall gegenwärtigen Körperkrankheitssymptome, sondern auch vorzüglich diesen Geistes- und Gemütszustand in möglichster Ähnlichkeit darbietet.
§ 218
Zu diesem Symptomeninbegriff gehört zuerst die genaue Beschreibung der sämtlichen Zufälle der vormaligen sogenannten Körperkrankheit, ehe sie zur einseitigen Erhöhung des Geistessymptoms, zur Geistes- und Gemütskrankheit ausartete. Aus dem Bericht der Angehörigen wird dieses erhellen.
§ 219
Die Vergleichung dieser ehemaligen Körperkrankheitssymptome mit den davon jetzt noch übrigen, obgleich unscheinbarer gewordenen Spuren (welche sich auch jetzt noch zuweilen hervortun, wenn ein lichter Zwischenraum und eine überhingehende Minderung der Geisteskrankheit eintritt) wird zur Bestätigung der fortdauernden verdeckten Gegenwart derselben dienen.
§ 220
Setzt man nun hinzu den genau von den Angehörigen und dem Arzt selbst beobachteten Geistes- und Gemütszustand, so ist das vollständige Krankheitsbild zusammengesetzt, für welches dann eine, treffend ähnliche Symptome und vorzüglich die ähnliche Geisteszerrüttung zu erregen fähige Arznei, unter den antipsorischen Mitteln zur homöopathischen Heilung des Übels aufgesucht werden kann, wenn die Geisteskrankheit schon seit einiger Zeit fortgedauert hatte.
§ 221
War jedoch aus dem gewöhnlichen, ruhigen Zustand auf einmal plötzlich ein Wahnsinn oder eine Raserei (auf Veranlassung von Schreck, Ärgernis, geistigem Getränk usw.) als eine akute Krankheit ausgebrochen, so kann, ob sie gleich fast ohne Ausnahme aus innerer Psora, gleichsam als eine von ihr auflodernde Flamme, entsprang, sie doch in diesem ihrem akuten Antritt nicht sogleich mit antipsorischen, sondern sie muss mit den hier angedeuteten Arzneien aus der übrigen Klasse geprüfter Arzneien (z.B. Aconit, Belladonne, Stechapfel, Bilsen, Quecksilber usw.) in hoch potenzierten, feinen, homöopathischen Gaben erst behandelt werden, um sie so weit zu beseitigen, dass die Psora in ihren vorigen, latenten Zustand vor der Hand wieder zurückkehre, in welchem der Kranke genesen erscheint.
§ 222
Doch darf ein solcher, aus einer akuten Geistes- oder Gemütskrankheit durch gedachte unantipsorische Arzneien Genesener nie als geheilt angesehen werden; im Gegenteil darf man keine Zeit verlieren, um ihn durch eine fortgesetzte, antipsorische Kur von dem chronischen Miasma der jetzt zwar wieder latenten, aber zu ihrem Wiederausbruch von nun an ganz bereiten Psora gänzlich zu befreien, *
* Es ist ein sehr seltener Fall, dass eine schon etwas lange gedauerte Geistes- oder Gemütskrankheit von selbst nachlässt (indem das innere Siechtum wieder in die gröberen Körperorgane übergeht); dies sind die wenigen Fälle, wo hier oder da ein bisheriger Bewohner des Irrenhauses als scheinbar genesen entlassen ward. Außerdem blieben bisher alle Irrenhäuser bis oben angefüllt, so dass die Menge anderer, auf die Aufnahme in diese Häuser harrender Irren fast nie Platz darin fanden, wenn nicht einige der Wahnsinnigen im Haus mit Tod abgingen. Keiner wird darin wirklich und dauerhaft geheilt! Ein sprechender Beweis, unter vielen anderen, von der gänzlichen Nullität der bisherigen Unheilkunst, die von der allöopathischen Prahlerei mit dem Namen rationelle Heilkunst lächerlich beehrt ward. Wie oft konnte dagegen nicht schon die wahre Heilkunst, echte, reine Homöopathik, solche Unglückliche wieder in den Besitz ihrer Geistes- und Körpergesundheit herstellen und ihren erfreuten Angehörigen und der Welt wiedergeben!da dann kein ähnlicher Anfall dereinst wieder zu befürchten ist, wenn er der diätetisch geordneten Lebensart treu bleibt.
§ 223
Wird aber die antipsorische Kur unterlassen, so ist bei noch geringerer Veranlassung, als bei der ersten Erscheinung des Wahnsinns, bald ein neuer und zwar anhaltenderer, größerer Anfall davon fast mit Sicherheit zu erwarten, während welchem sich die Psora vollends zu entwickeln pflegt und in eine entweder periodische oder anhaltende Geisteszerrüttung übergeht, welche dann schwieriger antipsorisch geheilt werden kann.
§ 224
Ist die Geisteskrankheit noch nicht völlig ausgebildet, und es wäre noch einiger Zweifel, ob sie wirklich aus Körperleiden entstanden sei, oder vielmehr von Erziehungsfehlern, schlimmer Angewöhnung, verderbter Moralität, Vernachlässigung des Geistes, Aberglauben oder Unwissenheit herrühre; da dient als Merkmal, dass durch verständigendes, gutmeinendes Zureden, durch Trostgründe oder durch ernsthafte Vorstellung und Vernunftgründe letztere nachgeben und sich bessern, wahre, auf Körperkrankheit beruhende Gemüts- oder Geisteskrankheit schnell dadurch verschlimmert, Melancholie noch niedergeschlagener, klagender, untröstlicher und zurückgezogener, so auch boshafter Wahnsinn dadurch noch mehr erbittert und törichtes Gewäsch offenbar noch unsinniger wird. *
* Es scheint, als fühle hier der Geist mit Unwillen und Betrübnis die Wahrheit dieser vernünftigen Vorstellungen, und wirke auf den Körper, gleich als wolle er die verlorene Harmonie wieder herstellen, aber dieser wirke mittels seiner Krankheit zurück auf die Geistes- und Gemütsorgane, und setze sie in desto größeren Aufruhr durch erneuertes Übertragen seiner Leiden auf sie.§ 225
Es gibt dagegen, wie gesagt, allerdings einige wenige Gemütskrankheiten, welche nicht bloß aus Körperkrankheiten dahin ausgeartet sind, sondern auf umgekehrtem Weg, bei geringer Kränklichkeit, vom Gemüt aus, Anfang und Fortgang nehmen durch anhaltenden Kummer, Kränkung, Ärgernis, Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht und Schreck. Diese Art von Gemütskrankheiten verderben dann mit der Zeit auch den körperlichen Gesundheitszustand, oft in hohem Grad.
§ 226
Bloß diese durch die Seele zuerst angesponnenen und unterhaltenen Gemütskrankheiten lassen sich, so lange sie noch neu sind und den Körperzustand noch nicht allzu sehr zerrüttet haben, durch psychische Heilmittel, Zutraulichkeit, gütliches Zureden, Vernunftgründe, oft aber durch eine wohlverdeckte Täuschung, schnell in Wohlbefinden der Seele (und bei angemessener Lebensordnung, auch scheinbar in Wohlbefinden des Leibes) verwandeln.
§ 227
Aber auch bei diesen liegt ein Psora-Miasma zu Grunde, was nur seiner völligen Entwicklung noch nicht ganz nahe war, und es ist der Sicherheit gemäß, damit der Genesene nicht wieder, wie nur gar zu leicht, in eine ähnliche Geisteskrankheit verfalle, ihn einer gründlichen, antipsorischen Kur zu unterwerfen.
§ 228
Bei den durch Körperkrankheit entstandenen Geistes- und Gemütskrankheiten, welche einzig durch antipsorisch homöopathische Arznei, nächst sorgfältig angemessener Lebensordnung zu heilen sind, muss allerdings auch, als beihilfliche Seelendiät, ein passendes, psychisches Verhalten von Seiten der Angehörigen und des Arztes gegen den Kranken sorgfältig beobachtet werden.
Dem wütenden Wahnsinn muss man stille Unerschrockenheit und kaltblütigen, festen Willen, – dem peinlich klagenden Jammer, stummes Bedauern in Mienen und Gebärden, – dem unsinnigen Geschwätz, nicht ganz unaufmerksames Stillschweigen, – einem ekelhaften und gräuelvollen Benehmen und ähnlichem Gerede, völlige Unaufmerksamkeit entgegensetzen.
Den Verwüstungen und Beschädigungen der Außendinge beuge man bloß vor und verhüte sie, ohne dem Kranken Vorwürfe darüber zu machen, und richte alles so ein, dass durchaus alle körperlichen Züchtigungen und Peinigungen*
* Man muss über die Hartherzigkeit und Unbesonnenheit der Ärzte in mehreren Krankenanstalten dieser Art, nicht bloß in England, sondern auch in Deutschland, erstaunen, welche, ohne die wahre Heilart solcher Krankheiten auf dem einzig hilfreichen, homöopathisch arzneilichen (antipsorischen) Weg zu suchen, sich begnügen, diese bedauernswürdigsten aller Menschen durch die heftigsten Schläge und andere qualvolle Martern zu peinigen. Sie erniedrigen sich durch dies gewissenlose und empörende Verfahren tief unter den Stand der Zuchtmeister in Strafanstalten, denn diese vollführen solche Züchtigungen nur nach Pflicht ihres Amtes und an Verbrechern, jene aber scheinen ihre Bosheit gegen die scheinbare Unheilbarkeit der Geistes- und Gemütskrankheiten, im demütigenden Gefühl ihrer ärztlichen Nichtigkeit, durch Härte an den bedauernswürdigen, schuldlosen Leidenden selbst auszulassen, da sie zur Hilfe zu unwissend und zu träge zur Annahme eines zweckmäßigen Heilverfahrens sind.wegfallen.
Dies geht um desto leichter an, da beim Arznei einnehmen – dem einzigen Fall, wo noch Zwang als Entschuldigung gerechtfertigt werden könnte – in der homöopathischen Heilart die kleinen Gaben hilfreicher Arznei dem Geschmack nie auffallen, also dem Kranken ganz unbewusst in seinem Getränk gegeben werden können, wo dann aller Zwang unnötig wird.
§ 229
Auf der anderen Seite sind Widerspruch, eifrige Verständigungen, heftige Zurechtweisungen und Schmähungen sowie schwache, furchtsame Nachgiebigkeit bei ihnen ganz am unrechten Ort, sind gleich schädliche Behandlungen ihres Geistes und Gemüts. Am meisten werden sie jedoch durch Hohn, Betrug und ihnen merkliche Täuschungen erbittert und in ihrer Krankheit verschlimmert. Immer muss Arzt und Aufseher den Schein annehmen, als ob man ihnen Vernunft zutraue.
Dagegen suche man alle Arten von Störungen ihrer Sinne und ihres Gemüts von außen zu entfernen; es gibt keine Unterhaltungen für ihren benebelten Geist, keine wohltätigen Zerstreuungen, keine Belehrungen, keine Besänftigung durch Worte, Bücher oder andere Gegenstände für ihre in den Fesseln des kranken Körpers schmachtende oder empörte Seele, keine Erquickung für sie, als die Heilung; erst von ihrem zum Besseren umgestimmten Körperbefinden strahlt Ruhe und Wohlbehagen auf ihren Geist zurück.
§ 230
Sind die für den besonderen Fall der jedesmaligen Geistes- oder Gemütskrankheit (- sie sind unglaublich verschieden -) gewählten antipsorischen Heilmittel dem treulich entworfenen Bild des Krankheitszustandes ganz homöopathisch angemessen, welches, wenn nur der nach ihren reinen Wirkungen gekannten Arzneien dieser Art genug zur Wahl vorhanden sind, auch desto leichter bei unermüdlicher Aufsuchung des passendst homöopathischen Heilmittels zu erreichen ist, da der Gemüts- und Geisteszustand eines solchen Kranken, als das Hauptsymptom, sich so unverkennbar deutlich an den Tag legt -, so sind oft die kleinstmöglichen Gaben hinreichend, in nicht gar langer Zeit, die auffallendste Besserung hervorzubringen, was durch die größten, öfteren Gaben aller übrigen, unpassenden (allöopathischen) Arzneien, bis zum Tod gebraucht, nicht zu erreichen war.
Ja, ich kann aus vieler Erfahrung behaupten, dass sich der erhabene Vorzug der homöopathischen Heilkunst vor allen denkbaren Kurmethoden, nirgend in einem triumphierenderen Licht zeigt, als in alten Gemüts- und Geisteskrankheiten, welche ursprünglich aus Körperleiden, oder auch nur gleichzeitig mit ihnen, entstanden waren.
§ 231
Eine eigene Betrachtung verdienen noch die Wechselkrankheiten, sowohl diejenigen, welche in bestimmten Zeiten zurückkehren – wie die große Zahl der Wechselfieber und die wechselfieberartig zurückkehrenden, fieberlos scheinenden Beschwerden – als auch diejenigen, worin gewisse Krankheitszustände in unbestimmten Zeiten mit Krankheitszuständen anderer Art abwechseln.
§ 232
Diese letzteren, alternierenden Krankheiten sind ebenfalls sehr vielfach,*
* Es können zwei- und dreierlei Zustände miteinander abwechseln. Es können z. B. bei zwiefachen Wechselzuständen gewisse Schmerzen unabgesetzt in den Füßen usw. erscheinen, sobald eine Art Augenentzündung sich legt, welche dann wieder empor kommt, sobald der Gliederschmerz vor der Hand vergangen ist – es können Zuckungen und Krämpfe mit irgendeinem anderen Leiden des Körpers oder eines seiner Teile unmittelbar abwechseln – es können aber auch bei dreifachen Wechselzuständen in einer alltägigen Kränklichkeit schnell Perioden von scheinbar erhöhter Gesundheit und einer gespannten Erhöhung der Geistes- und Körperkräfte (eine übertriebene Lustigkeit, eine allzu regsame Lebhaftigkeit des Körpers, Überfülle von Wohlbehagen, übermäßiger Appetit usw.) eintreten, worauf dann, ebenso unerwartet, düstere, melancholische Laune, unerträgliche, hypochondrische Gemütsverstimmung mit Störung mehrerer Lebensverrichtungen in Verdauung, Schlaf usw. erscheint, die dann wiederum, ebenso plötzlich, dem gemäßigten Übelbefinden der gewöhnlichen Zeiten Platz macht und so mehrere und mannigfache Wechselzustände. Oft ist keine Spur des vorigen Zustandes mehr zu merken, wenn der neue eintritt. In anderen Fällen sind nur wenige Spuren des vorhergegangenen Wechselzustandes mehr da, wenn der neue eintritt; es bleibt wenig von den Symptomen des ersten Zustandes bei der Entstehung und Fortdauer des zweiten übrig. Zuweilen sind die krankhaften Wechselzustände ihrer Natur nach einander völlig entgegengesetzt, wie z. B. Melancholie mit lustigem Wahnsinn oder Raserei in Perioden abwechselnd.gehören aber sämtlich unter die Zahl der chronischen Krankheiten, meist ein Erzeugnis bloß entwickelter Psora, nur zuweilen, wiewohl selten, mit einem syphilitischen Miasma kompliziert und werden daher im ersten Fall mit antipsorischen Arzneien geheilt, im letzteren aber, mit antisyphilitischen abwechselnd, wie im Buch von den chronischen Krankheiten gelehrt wird.
§ 233
Die typischen Wechselkrankheiten sind solche, wo auf eine ziemlich bestimmte Zeit in einem scheinbaren Wohlbefinden ein sich gleichbleibender krankhafter Zustand zurückkehrt, und in einer ebenfalls bestimmten Zeit wieder seinen Abtritt nimmt; man findet dies sowohl in den anscheinend fieberlosen, aber typisch (zu gewissen Zeiten) kommenden und wieder vergehenden krankhaften Zuständen, als auch in den fieberhaften – den vielfältigen Wechselfiebern.
§ 234
Die gedachten, bei einem einzelnen Kranken zu bestimmten Zeiten, typisch wiederkehrenden, fieberlos scheinenden Krankheitszustände (- sporadisch oder epidemisch pflegen sie nicht vorzukommen -) gehören jedesmal unter die chronischen, meist rein psorischen, nur selten mit Syphilis kompliziert, und erhalten mit Erfolg dieselbe Behandlung; zuweilen ist jedoch der Zwischengebrauch einer sehr kleinen Gabe potenzierter Chinarinde-Auflösung erforderlich, um ihren wechselfieberartigen Typus vollends auszulöschen.
§ 235
Was die sporadisch oder epidemisch herrschenden (nicht in Sumpfgegenden endemisch hausenden) Wechselfieber*
* Die bisherige, noch in der unverständigen Kindheit liegende Pathologie weiß nur von einem einzigen Wechselfieber, was sie auch das kalte Fieber nennt, und nimmt keine andere Verschiedenheit an, als nach der Zeit, in welcher die Anfälle wiederkehren, das tägliche, dreitägige, viertägige usw. Es gibt aber außer den Rückkehrzeiten der Wechselfieber, noch weit bedeutendere Verschiedenheiten derselben; es gibt dieser Fieber unzählige, deren viele nicht einmal kalte Fieber genannt werden können, da ihre Anfälle in bloßer Hitze bestehen; wieder andere, welche bloß Kälte haben, mit oder ohne darauf folgenden Schweiß; wieder andere, welche Kälte über und über, zugleich mit Hitzempfindung, haben, oder bei äußerlich fühlbarer Hitze, Frost; wieder andere, wo der eine Paroxysmus aus bloßem Schüttelfrost oder bloßer Kälte, mit darauf folgendem Wohlbefinden, der andere aber aus bloßer Hitze besteht, mit oder ohne darauf folgenden Schweiß; wieder andere, wo die Hitze zuerst kommt, und Frost erst dann darauf folgt; wieder andere, wo nach Frost und Hitze Apyrexie eintritt, und dann als zweiter Anfall, oft viele Stunden danach, bloß Schweiß erfolgt; wieder andere, wo gar kein Schweiß erfolgt, und wieder andere, wo der ganze Anfall, ohne Frost oder Hitze, bloß aus Schweiß besteht, oder wo der Schweiß bloß während der Hitze zugegen ist; und so noch unglaubliche andere Verschiedenheiten, vorzüglich in Rücksicht der Nebensymptome, des besonderen Kopfwehs, des bösen Geschmacks, der Übelkeit, des Erbrechens, des Durchlaufs, des fehlenden oder heftigen Durstes, der Leib- oder der Gliederschmerzen besonderer Art, des Schlafes, der Delirien, der Gemütsverstimmungen, der Krämpfe usw., vor, bei oder nach dem Frost, vor, bei oder nach der Hitze, vor, bei oder nach dem Schweiß, und so noch andere zahllose Abweichungen. Alle diese sind offenbar sehr verschieden geartete Wechselfieber, deren jedes, ganz natürlich, seine eigene (homöopathische) Behandlung verlangt. Unterdrückt, das muss man gestehen, können sie zwar fast alle werden (wie so oft geschieht) durch große, ungeheure Gaben Rinde und ihres pharmazeutischen, schwefelsauren Auszugs, Chinin, das ist, ihr periodisches Wiederkehren (ihr Typus) wird von ihr, obgleich oft erst nach gesteigerten und oft wiederholten Gaben, ausgelöscht, aber die Kranken, welche an solchen, nicht für Chinarinde geeigneten Wechselfiebern gelitten hatten, wie alle die, ganze Länder und selbst Gebirge überziehenden, epidemischen Wechselfieber sind, werden durch den so ausgelöschten Typus nicht gesund, nein! sie bleiben nun andersartig krank und kränker, oft weit kränker, als vorher, an eigenartigen, chronischen China-Siechtumen, die selbst durch echte Heilkunst oft kaum in langer Zeit wieder zur Gesundheit herzustellen sind – und das sollte man Heilen nennen wollen?anlangt, so treffen wir oft jeden Anfall (Paroxysmus) gleichfalls aus zwei sich entgegengesetzten Wechselzuständen (Kälte, Hitze – Hitze, Kälte), öfter auch aus dreien (Kälte, Hitze, Schweiß) zusammengesetzt an.
Deshalb muss auch das für diese aus der allgemeinen Klasse geprüfter (gewöhnlich, nicht antipsorischer) Arzneien gewählte Heilmittel entweder (was das sicherste ist) ebenfalls beide (oder alle drei) Wechselzustände in Ähnlichkeit in gesunden Körpern erregen können, oder doch dem stärksten und ausgezeichnetsten und sonderlichsten Wechselzustand (entweder dem Zustand des Frostes mit seinen Nebensymptomen, oder dem der Hitze mit ihren Nebensymptomen, oder dem des Schweißes mit seinen Nebenbeschwerden, je nachdem der eine oder der andere Wechselzustand der stärkste und sonderlichste ist) homöopathisch, an Symptomenähnlichkeit, möglichst entsprechen; doch müssen vorzüglich die Symptome des Befindens des Kranken in der fieberfreien Zeit zur Wahl des treffendsten, homöopathischen Heilmittels leiten. *
* Zuerst hat der um unsere wohltätige Heilkunst mehr als jeder andere meiner Schüler sich verdient gemachte Herr Regierungsrat, Freiherr, Doktor von Bönninghausen diesen so viele Umsicht erfordernden Gegenstand am besten erläutert und die Wahl des für die verschiedenen Fieberepidemien hilfreichen Heilmittels erleichtert durch seine Schrift: Versuch einer homöopathischen Therapie der Wechselfieber, 1833, Münster bei Regensberg.§ 236
Die Arzneigabe in diesem Fall wird am zweckmäßigsten und hilfreichsten gleich, oder doch sehr bald nach Beendigung des Anfalls, sobald sich der Kranke einigermaßen davon wieder erholt hat, gegeben; da hat sie Zeit, alle ihr möglichen Veränderungen des Organismus zur Gesundheit zu bewirken, ohne Sturm und ohne heftigen Angriff; während die Wirkung einer gleich vor dem Paroxysmus gereichten, auch noch so spezifisch angemessenen Arznei mit der natürlichen Krankheitserneuerung zusammentrifft, und eine solche Gegenwirkung im Organismus, einen so heftigen Widerstreit veranlasst, dass ein solcher Angriff wenigstens viel Kräfte raubt, wo nicht gar das Leben in Gefahr setzt.*
* Dies sieht man an den nicht ganz seltnen Todesfällen, wo eine mäßige Gabe Mohnsaft, im Fieberfroste eingegeben, schnell das Leben raubte.Gibt man aber die Arznei gleich nach Beendigung des Anfalls, das ist, zu der Zeit, wo die fieberfreieste Zwischenzeit eingetreten ist, und ehe, auch nur von weitem, der künftige Paroxysmus sich wieder vorbereitet, so ist die Lebenskraft des Organismus in möglichst guter Verfassung, von dem Heilmittel sich ruhig verändern und so in den Gesundheitszustand versetzen zu lassen.
§ 237
Ist aber die fieberfreie Zeit sehr kurz, wie in einigen sehr schlimmen Fiebern, oder mit Nachwehen des vorigen Paroxysmus verunreinigt, so muss die homöopathische Arzneigabe schon zu der Zeit, wenn der Schweiß sich zu mindern, oder die nachgängigen anderen Zufälle des verfließenden Anfalls sich zu mildern anfangen, gereicht werden.
§ 238
Bloß, wenn die angemessene Arznei mit einer Gabe mehr Anfälle getilgt hat und offenbare Gesundheit eingetreten ist, dann aber nach einiger Zeit wiederum Spuren eines neuen Anfalls sich zeigen, bloß dann kann und muss, wenn der Symptomeninbegriff noch derselbe ist, auch dieselbe Arznei wieder gegeben werden.
Diese Wiederkunft desselben Fiebers nach einer gesunden Zwischenzeit ist aber nur dann möglich, wenn die Schädlichkeit, die das Wechselfieber zuerst erregte, noch immer wieder auf den Genesenden einwirkte, wie in Sumpfgegenden, in welchem Fall eine dauerhafte Wiederherstellung oft nur durch Entfernung dieser Erregungsursache (wie durch Aufenthalt in einer bergigen Gegend, wenn es ein Sumpfwechselfieber war) möglich ist.
§ 239
Da fast jede Arznei in ihrer reinen Wirkung ein eigenes, besonderes Fieber und selbst eine Art Wechselfieber mit seinen Wechselzuständen erregt, was von allen den Fiebern, die von anderen Arzneien hervorgebracht werden, abweicht, so findet man für die zahlreichen natürlichen Wechselfieber homöopathische Hilfe in dem großen Reiche der Arzneien und schon, für viele solche Fieber, in der mäßigen Zahl der bis jetzt an gesunden Körpern geprüften Arzneien.
§ 240
Wenn aber das, für die damals herrschende Epidemie von Wechselfieber gefundene, homöopathisch spezifische Heilmittel bei dem einen oder dem anderen Kranken keine vollkommene Heilung bewirkt, da ist stets, wenn nicht Sumpfgegend die Heilung verhindert, das psorische Miasma im Hinterhalt, und es müssen dann antipsorische Arzneien bis zur völligen Hilfe angewendet werden.
§ 241
Epidemien von Wechselfiebern, wo sonst keine endemisch sind, haben die Natur chronischer Krankheiten, aus einzelnen, akuten Anfällen zusammengesetzt; jede einzelne Epidemie ist eines eigenen, den erkrankten Individuen gemeinsamen, sich gleichen Charakters, der, wenn er nach dem Inbegriff der Allen gemeinsamen Symptome aufgefunden ist, auf das für die Gesamtheit der Fälle homöopathisch (spezifisch) passende Heilmittel hinweist, welches dann auch fast allgemein hilft bei Kranken, welche vor dieser Epidemie eine erträgliche Gesundheit genossen, das ist, die nicht an entwickelter Psora chronisch krank waren.
§ 242
Hat man aber bei einer solchen Wechselfieber-Epidemie die ersten Anfälle ungeheilt gelassen, oder waren die Kranken durch allöopathische Misshandlung geschwächt worden, so entwickelt sich die, leider! bei so vielen Menschen schon, obgleich schlummernd inwohnende Psora, nimmt hier den Wechselfieber-Typus an und spielt dem Anschein nach die Rolle des epidemischen Wechselfiebers fort, so dass die Arznei, welche für die anfänglichen Paroxysmen hilfreich gewesen wäre (selten eine antipsorische) nun nicht mehr passend ist und nicht mehr helfen kann.
Da hat man es vor der Hand bloß mit einem psorischen Wechselfieber zu tun, was dann gewöhnlich mit den feinsten, selten wiederholten Gaben Schwefel und Schwefelleber in hoher Potenz besiegt wird.
§ 243
Bei denjenigen, oft sehr bösartigen Wechselfiebern, die, außer den Sumpfgegenden, eine einzelne Person befallen, muss zwar anfangs ebenfalls, wie bei den akuten Krankheiten überhaupt, denen sie in Rücksicht ihres psorischen Ursprungs ähneln, zuerst ein aus der Klasse der übrigen, geprüften (nicht antipsorischen) Arzneien, homöopathisch für den speziellen Fall gewähltes Heilmittel, einige Tage über angewendet werden zur möglichsten Hilfe; wenn aber hierbei die Genesung dennoch zögert, so muss man wissen, dass man es mit der ihrer Entwickelung nahen Psora zu tun habe und dass hier bloß antipsorische Arznei gründliche Hilfe schaffen kann.
§ 244
Die in Sumpfgegenden und denen, die den Überschwemmungen oft ausgesetzt sind, einheimischen Wechselfieber machen der bisherigen Arztwelt viel zu schaffen und doch kann auch an Sumpfgegenden ein gesunder Mensch in jungen Jahren sich gewöhnen und gesund bleiben, wenn er eine fehlerfreie Lebensordnung führt und nicht von Mangel, Strapazen oder zerstörenden Leidenschaften niedergedrückt wird.
Die da endemischen Wechselfieber werden ihn höchstens nur als Ankömmling ergreifen; aber eine oder zwei der kleinsten Gaben hoch potenzierter Chinarinden-Auflösung werden ihn bei einer, wie gesagt, geordneten Lebensweise bald davon befreien.
Personen aber, die bei gehöriger Leibesbewegung und gesunder Geistes- und Körperdiät, vom Sumpfwechselfieber nicht durch eine oder ein paar solcher kleinen Gaben China-Arznei befreit werden können – bei diesen liegt stets eine zur Entwicklung aufstrebende Psora zu Grunde, und ihr Wechselfieber kann in der Sumpfgegend ohne antipsorische Behandlung nicht geheilt werden.*
* Größere, oft wiederholte Gaben Chinarinde, auch wohl konzentrierte China-Mittel, wie das Chininum sulphuricum, können solche Kranken allerdings von den typischen Anfällen des Sumpfwechselfiebers befreien; die so Getäuschten bleiben aber andersartig siech, ohne antipsorische Hilfe.Zuweilen erfolgt bei diesen Kranken, wenn sie ohne Verzug die Sumpfgegend mit einer trockenen, bergigen vertauschen, anscheinend wieder Genesung (das Fieber verlässt sie), wenn sie noch nicht tief in Krankheit versunken sind, das ist, wenn die Psora noch nicht völlig bei ihnen entwickelt war und daher wieder in ihren latenten Zustand zurückkehren konnte; aber gesund werden sie ohne antipsorische Hilfe doch nie.
§ 245
Nachdem wir nun gesehen haben, welche Rücksicht man bei der homöopathischen Heilung auf die Hauptverschiedenheiten der Krankheiten und auf die besonderen Umstände in denselben zu nehmen hat, so gehen wir nun zu dem über, was von den Heilmitteln und ihrer Gebrauchsart, so wie von der dabei zu beobachtenden Lebensordnung zu sagen ist.
Jede merklich fortgehende und auffallend zunehmende Besserung in einer schnellen (akuten) oder anhaltenden (chronischen) Krankheit ist ein Zustand, der, so lange er anhält, jede Wiederholung irgendeines Arzneigebrauchs durchgängig ausschließt, weil alles Gute, was die genommene Arznei auszurichten fortfährt, hier seiner Vollendung zu eilt.
Jede neue Gabe irgendeiner Arznei, selbst der zuletzt gegebenen, bisher heilsam sich erwiesenen, würde in diesem Fall das Besserungswerk stören.
§ 246
Langsam hingegen fortschreitende Besserung auf eine Gabe von treffend homöopathischer Wahl vollendet zwar auch, wenn sie recht fein ist, zuweilen in ihrer ohne Anstoß fortgehenden Wirkungsdauer die Hilfe, die dieses Mittel überhaupt in diesem Fall seiner Natur nach auszurichten imstande ist, in Zeiträumen von 40, 50, 100 Tagen.
Aber teils ist dies selten der Fall, teils muss dem Arzt, so wie dem Kranken viel daran liegen, dass, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt, und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte. Und dies lässt sich auch, wie neuere, vielfach wiederholte Erfahrungen gelehrt haben, recht glücklich ausführen unter drei Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war – zweitens, wenn sie in der feinsten, die Lebenskraft am wenigsten empörenden und sie dennoch gehörig umstimmenden Gabe gereicht, und drittens, wenn eine solche feinste, kräftige Gabe der bestgewählten Arznei in angemessenem Zeitraum wiederholt*
* Ich habe in den vorigen Ausgaben des Organon das völlige Auswirkenlassen nur immer einer einzigen Gabe wohlgewählter homöopathischer Arznei auf einmal, ehe eine neue, oder die vorige wieder gegeben würde, anempfohlen – eine Lehre, die aus der gewissen Erfahrung entstand, dass teils durch eine größere Gabe der obschon wohl gewählten Arznei (wie man neuerlich, wie durch einen Rückschritt, wieder in Vorschlag brachte), teils, was dasselbe ist, durch mehrere kleine, dicht hintereinander gereichte Gaben derselben fast nie das möglichst Gute in Heilung der Krankheit, vorzüglich der chronischen auszurichten ist, und zwar, weil durch ein solches Verfahren die Lebenskraft sich nicht ruhig von ihrer Verstimmtheit durch natürliche Krankheit zur Umstimmung in ähnliche Arzneikrankheit bequemt, sondern gewöhnlich so stürmisch von einer größeren Gabe oder auch dicht hintereinander wiederholten, kleineren Gaben selbst homöopathisch gewählter Arznei aufgeregt und empört zu werden pflegt, dass ihre Reaktion in den meisten Fällen nichts weniger als heilbringend sich äußern kann, sondern mehr schadet als nutzt. So lange nun kein hilfreicheres, als dieses damals von mir gelehrte Verfahren auszumitteln war, befahl die menschenfreundliche Sicherheitsregel: Si non juvat modo ne noceat, dem, Menschenwohl für seinen höchsten Zweck achtenden, homöopathischen Heilkünstler, im allgemeinen gegen Krankheit des sorgfältig gewählten Arzneimittels nur eine einzige Gabe auf einmal und zwar die kleinste auf den Kranken wirken und so auch dieselbe auswirken zu lassen. Kleinste, sage ich, indem es für eine, durch keine Erfahrung in der Welt widerlegbare, homöopathische Heilregel gilt und gelten wird, dass des richtig gewählten Arzneimittels beste Gabe stets nur die kleinste sei in einer der hohen Potenzierungen (X), sowohl für chronische, als für akute Krankheiten – eine Wahrheit, die das unschätzbare Eigentum der reinen Homöopathik ist, und auch, so lange die Allöopathik (und nicht viel weniger die neuere Mischlingssekte, aus allöopathischem und homöopathischem Verfahren zusammengesetzt) noch am Leben der kranken Menschen wie ein Krebs zu nagen, und sie mit größeren und großen Gaben Arznei zu verderben fortfährt, diese Afterkünste durch eine unübersehbare Kluft von der reinen Homöopathik entfernt halten wird. Auf der anderen Seite zeigt uns jedoch die Praxis, dass eine einzige dieser kleinen Gaben wohl in einigen, vorzüglich leichten Fällen von Krankheit zureiche, um fast alles auszurichten, was durch diese Arznei vor der Hand möglich war, besonders bei kleinen Kindern und sehr zärtlichen und erregbaren Erwachsenen, dass aber in mehreren, ja in den meisten Fällen von sowohl sehr langwierigen, schon weit gediehenen, oft durch vorgängige, unpassende Mittel verdorbenen, als auch in wichtigen akuten Krankheiten offenbar eine solche kleinste Gabe Arznei selbst in unserer hoch potenzierten Kraftentwicklung nicht zureichen könne, um durch sie alle von derselben Arznei überhaupt zu erwartende Heilwirkung ausgerichtet zu sehen, indem hierzu unstreitig mehrere derselben einzugeben nötig sein möchte, damit die Lebenskraft von ihnen zu dem Grad pathogenetisch umgestimmt und ihre heilkräftige Reaktion so hoch gespannt werde, dass sie den ganzen Teil der ursprünglichen Krankheit, den zu tilgen überhaupt im Vermögen des wohlgewählten homöopathischen Mittels lag, vollständig durch ihre Gegenwirkung auslöschen könne; die bestgewählte Arznei in dieser kleinen Gabe, einmal gegeben, brachte da wohl etwas Hilfe, aber lange nicht genug. Dieselbe Gabe des gleichen Mittels aber sehr bald wieder und wieder zu geben, getraute sich der sorgfältige, homöopathische Arzt nicht, da er keinen Vorteil, wohl aber, am öftesten, während genauer Beobachtung, gewissen Nachteil davon mehrmals erfahren hatte. Er sah gewöhnlich Verschlimmerung, wo er selbst die kleinste Gabe des geeignetsten Mittels, wenn er sie heute gereicht, morgen und übermorgen wiederholt hatte. Um nun, wo er von der genauesten Wahl seiner homöopathischen Arznei überzeugt war, mehr Hilfe für den Kranken zu schaffen, als ihm bisher durch Verordnung einer einzigen kleinen Gabe gelang, kam er natürlich oft auf den Einfall, die Gabe, weil es aus obigen Gründen nur eine einzige sein sollte, um so mehr zu verstärken, und z. B. statt eines einzigen feinsten Streukügelchens mit Arznei in höchster Potenzierung befeuchtet, wohl ihrer 6, 7, 8 auf einmal, auch wohl halbe und ganze Tropfen davon zu reichen. Aber, fast ohne Ausnahme, war der Erfolg weniger günstig, als er hätte sein sollen, oft wirklich ungünstig, oft auch sehr übel, – ein Schaden, der bei einem so behandelten Kranken schwerlich wieder gut zu machen ist. Auch niedrigere Potenzierungen des Mittels in großer Gabe dafür zu nehmen, gibt hier kein wahres Auskunftsmittel. Eine Verstärkung der einzelnen Gaben homöopathischer Arznei bis zur Bewirkung des gedachten erforderlichen Grades pathogenetischer Anregung der Lebenskraft zur heilkräftigen, hinreichenden Reaktion erfüllt daher, wie auch die Erfahrung lehrt, die gewünschte Absicht keineswegs. Die Lebenskraft wird dadurch allzu heftig und allzu plötzlich angegriffen und empört, als dass sie zu einer allmählichen, gleichmäßigen, heilsamen Gegenwirkung Zeit hätte, sich zu ihrer Umstimmung einzurichten, daher sie sich bestrebt, das in Übermaß sie anfallende Arzneiliche, wie einen Feind, von sich zu stoßen durch Erbrechen, Durchfall, Fieber, Schweiss usw., und so das Ziel des unbedachtsamen Arztes zum größten Teil oder gänzlich zu verrücken und zu vereiteln; – es wird sehr wenig oder nichts Gutes zur Heilung der Krankheit damit ausgerichtet, vielmehr wird der Kranke dadurch sichtbar geschwächt, und man darf nun in langer Zeit nicht daran denken, auch nur die kleinste Gabe desselben Mittels dem Kranken wieder zu reichen, wenn sie nicht nachteilig auf ihn wirken soll. Doch auch eine Menge dicht nacheinander wiederholter kleinster Gaben zu derselben Absicht häufen sich im Organismus zu einer Art übergroßen Gabe an, mit (wenige seltene Fälle ausgenommen) ähnlich üblem Erfolg; die Lebenskraft wird da, ohne sich zwischen jeder, obschon kleinen Gabe wieder erholen zu können, gedrängt und übermannt, und so, unvermögend, heilkräftig zu reagieren, nur passiv zur unwillkürlichen Fortsetzung der ihr so aufgezwungenen, überstarken Arzneikrankheit genötigt, wie, auf ähnliche Weise, beim allöopathischen Missbrauch großer, gehäufter Gaben einer und derselben Arznei zum langdauernden Schaden des Kranken tagtäglich von uns wahrgenommen wird. Um daher nun, unter Vermeidung der hier von mir angedeuteten Fehlwege, gewisser als bisher zum Ziel zu gelangen und die gewählte Arznei so zu reichen, dass sie ohne Nachteil für den Kranken zu ihrer größten Wirksamkeit gelangen müsse, damit sie im gegebenen Krankheitsfall alles mögliche Gute ausrichte, was nur in ihrem Vermögen überhaupt liegt, befolgte ich in neueren Zeiten einen eigenen Weg. Ich erkannte, dass man, um diese rechte Mittelstraße zu finden, sich nach der Natur der verschiedenen Arzneimittel sowohl, als auch nach der Körperbeschaffenheit des Kranken und der Größe seiner Krankheit richten müsse, so dass, – um ein Beispiel am Gebrauch des Schwefels in chronischen (psorischen) Krankheiten zu geben, – die feinste Gabe desselben (Tinct. sulph. X) selbst bei robusten Personen und bei entwickelter Psora nur selten öfter, als alle 7 Tage, mit Vorteil zu wiederholen sei, ein Zeitraum, den man um so mehr noch zu verlängern hat, wenn schwächlichere und erregbarere Kranke dieser Art zu behandeln sind, da man dann wohl tut, nur alle 9, 12, 14 Tage eine solche Gabe zu reichen, was man nun so lange wiederholt, bis die Arznei aufhört, dienlich zu sein. Da findet man dann (um den Schwefel als Beispiel beizubehalten), dass in psorischen Krankheiten selten weniger als 4, oft aber 6, 8, auch wohl 10 solcher Gaben (Tinct. sulph. X) zur vollständigen Vernichtung des ganzen von Schwefel überhaupt tilgbaren Teils der chronischen Krankheit erfordert werden, in solchen Zeiträumen nacheinander zu reichen, – vorausgesetzt, dass noch kein allöopathischer Missbrauch des Schwefels vorausgegangen war. So lässt sich selbst ein frisch entstandener (primärer) Krätze-Ausschlag bei nicht allzu schwächlichen Personen, auch wenn er den ganzen Körper überzogen hätte, durch eine alle 7 Tage gereichte Gabe Tinct. sulph. X binnen 10, 12 Wochen (also mit 10, 12 solcher Streukügelchen) rein heilen, so dass man nicht oft noch ein paar Gaben Carb. veg. X (ebenfalls jede Woche eine gegeben) zu Hilfe zu nehmen nötig hat, ohne die mindeste äußere Behandlung, als öftere reine Wäsche und gute Lebensordnung. Wenn auch für andere große chronische Krankheiten, allem Ermessen nach, 8, 9, 10 Gaben Tinct. sulph. (zu X) erforderlich geachtet würden, so ist es in solchem Falle doch vorzüglicher, statt sie in einer unmittelbaren Aufeinander-Folge zu reichen, nach jeder, oder jeden zwei, drei Gaben eine Gabe anderer, nächst dem Schwefel hier vorzüglich homöopathisch dienlicher Arznei (meist hep. sulph.) einzuschieben, und diese ebenfalls nur 8, 9, 12, 14 Tage wirken zu lassen, ehe man wieder eine Reihe von drei Gaben Schwefel anfängt. Nicht selten sträubt sich jedoch die Lebenskraft, mehrere Gaben Schwefel, so erforderlich sie auch für das chronische Übel wären, selbst in den angegebenen Zwischenräumen, ruhig auf sich wirken zu lassen, und deutet dies Widerstreben durch einige, obschon mäßige Schwefelsymptome an, die sie in der Kur am Kranken laut werden lässt. Da ist es zuweilen ratsam, eine kleine Gabe Nux vom. X, auf 8 bis 10 Tage Wirkung, zu reichen, um die Natur geneigt zu machen, den Schwefel in fortgesetzten Gaben wieder auf sich ruhig und mit gutem Erfolg wirken zu lassen. In geeigneten Fällen ist Puls. X vorzuziehen. Am widerspenstigsten zeigt sich aber die Lebenskraft, den, obschon höchst indizierten Schwefel heilsam auf sich wirken zu lassen, zeigt sogar sichtbare Verschlimmerung des chronischen Übels, selbst auf die kleinste Schwefelgabe, ja sogar auf das Riechen an ein Senfsamen großes, mit Tinct. sulph. X befeuchtetes Streukügelchen, wenn der Schwefel schon vorher (sogar Jahrelang vorher) in großen Gaben allöopathisch gemissbraucht worden war. Dies ist ein, die beste ärztliche Behandlung der chronischen Krankheiten fast unmöglich machender, beklagenswerter Umstand unter den vielen, die uns die allgewöhnliche Verpfuschung der chronischen Krankheiten durch die alte Schule betrauern lassen würde, wenn es hier nicht einige Abhilfe gäbe. Man darf in solchen Fällen den Kranken nur an ein Senfsamen großes Streukügelchen, mit Mercur. metall. X befeuchtet, ein einziges Mal stark riechen, und dies Riechen etwa 9 Tage wirken lassen, um die Lebenskraft wieder geneigt zu machen, dem Schwefel (wenigstens durch Riechen an Tinct. sulph. X) wohltätigen Einfluss auf sich zu verstatten, – eine Entdeckung, die wir dem Herrn Doctor Griesselich in Carlsruhe zu verdanken haben. - Von den anderen antipsorischen Mitteln (außer etwa Phosph. X) hat man weniger Gaben in ähnlichen Zwischenräumen zu reichen nötig (von Sepia und Sil. in längeren, ohne Zwischenmittel, wo sie homöopathisch angezeigt sind), um die Absicht zu erreichen, alles von der angezeigten Arznei überhaupt im gegebenen Fall Heilbare zu tilgen. Hep. sulph. X kann selten in kürzeren Zwischenräumen als alle 14, 15 Tage eingegeben oder gerochen werden. Es versteht sich, dass, um solche Gaben-Wiederholung zu unternehmen, der Arzt von der ganz richtig getroffenen homöopathischen Wahl seiner Arznei vorher überzeugt sein müsse. In akuten Krankheiten richtet sich die Wiederholungszeit der passend gewählten Arznei nach dem mehr oder weniger schnellen Verlauf der zu bekämpfenden Krankheit, so dass sie, wo nötig, nach 24, 16, 12, 8, 4, auch wohl in weniger Stunden zu wiederholen ist, wenn die Arznei zwar ohne Anstoß – ohne neue Beschwerden zu erzeugen, – bessert, aber für den schnellen und gefährlichen Fortgang des akuten Übels nicht hinlänglich schnell, so dass in der schnellst tödlichen Krankheit, die wir kennen, in der Cholera, zu Anfang der Erkrankung, alle 5 Minuten ein (bis zwei) Tropfen dünner Kampher-Auflösung eingegeben werden muss, um schnelle und gewisse Hilfe zu verschaffen, bei der mehr entwickelten Cholera aber ebenfalls Gaben von Cuprum, Veratrum, Phosphor usw. (X) oft alle 2, 3 Stunden, auch wohl Arsenik, Holzkohle usw. in ähnlich kurzen Zeiträumen. Bei Behandlung der sogenannten Nervenfieber und anderer anhaltender Fieber richtet man sich ebenfalls mit der Wiederholung der sich hilfreich erweisenden Arznei in den kleinsten Gaben nach obiger Cautel. In syphilitischen Krankheiten reiner Art fand ich gewöhnlich eine einzige Gabe Quecksilber-Metall (X) zulänglich; doch waren auch nicht selten zwei oder drei solcher Gaben nötig, wo nur die mindeste Komplikation mit Psora ersichtlich war, in Zeiträumen von 6, 8 Tagen gereicht. In den Fällen, wo diese oder jene Arznei zwar dringend angezeigt, der Kranke aber sehr aufregbar und schwach ist, dient mehr und sicherer, als das Eingeben substanzieller, obgleich feinster Gaben der hochpotenzierten Arznei, das einmalige Riechen an ein, mit derselben befeuchtetes trockenes Streukügelchen etwa von Senfsamengröße, indem die Mündung des dasselbe enthaltenden Gläschens erst in das eine, dann auch wohl (wenn die Gabe stärker sein soll) in das andere Nasenloch gehalten und ein augenblicklicher Atemzug getan wird, wovon die Wirkung ebenso lange vorhält, als die von den substanziellen Einnehme-Gaben, daher auch dieses Riechen in nicht geringeren Zeiträumen wiederholt werden darf.wird, die von der Erfahrung als die schicklichsten ausgesprochen werden zur möglichsten Beschleunigung der Kur, doch ohne dass die zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebenskraft zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne.
§ 247
Unter diesen Bedingungen können die feinsten Gaben der bestgewählten homöopathischen Arznei mit dem besten, oft unglaublichen Erfolg in Zeiträumen von 14, 12, 10, 8, 7 Tagen wiederholt werden, und, wo Eile nötig ist, in chronischen, den akuten sich nähernden Krankheitsfällen, in noch kürzeren Zeiträumen, bei akuten Krankheiten aber in noch weit kürzerer Zeit, – nach 24, 12, 8, 4 Stunden, in den akutesten, sogar nach 1 Stunde, bis zu jeder fünften Minute – alles, nach Maßgabe des mehr oder weniger schnellen Verlaufs der Krankheit und des angewendeten Arzneimittels, wie in der Anmerkung bestimmter erklärt wird.
§ 248
Die Gabe derselben Arznei wird einige Male, nach den Umständen, doch nur so lange wiederholt, bis entweder Genesung erfolgt, oder bis dasselbe Mittel aufhört, Besserung zu bringen und der Rest der Krankheit, in einer abgeänderten Symptomen-Gruppe, eine andere homöopathische Arznei erheischt.
§ 249
Jede für den Krankheitsfall verordnete Arznei, welche beim Fortgang ihrer Wirkung neue, der zu heilenden Krankheit nicht eigentümliche, und zwar beschwerliche Symptome hervorbringt, ist nicht vermögend, wahre Besserung zu erzeugen,*
* Da nach allen Erfahrungen fast keine Gabe einer spezifisch passenden, homöopathischen Arznei bereitet werden kann, welche zur Hervorbringung einer deutlichen Besserung in der angemessenen Krankheit zu klein wäre (§ 161, 279), so würde man zweckwidrig und schädlich handeln, wenn man, wie von der bisherigen Arzneikunst geschieht, bei Nichtbesserung oder einiger, obschon nur kleiner Verschlimmerung, dieselbe Arznei, in dem Wahn, dass sie ihrer geringen Menge (ihrer allzu kleinen Gabe) wegen nicht habe dienlich sein können, dieselbe Arznei wiederholen, oder sie wohl gar an Gabe noch verstärken wollte. Jede Verschlimmerung durch neue Symptome – wenn in der Geistes- und Körperdiät nichts Böses vorgefallen ist – beweist stets nur Unangemessenheit der vorigen Arznei in diesem Krankheitsfall, deutet aber nie auf Schwäche der Gabe.und ist nicht für homöopathisch gewählt zu halten; sie muss daher sobald als möglich entweder, wenn diese Verschlimmerung bedeutend war, erst mit einem Antidot zum Teil ausgelöscht werden, ehe man das genauer nach Wirkungs-Ähnlichkeit gewählte, nächste Mittel gibt, oder bei nicht allzu heftigen widrigen Symptomen, muss es sogleich gereicht werden, um die Stelle jener unrichtig gewählten zu ersetzen.
§ 250
Um so mehr, wenn dem scharfsichtigen, genau nach dem Krankheitszustand forschenden Heilkünstler sich in dringenden Fällen schon nach Verfluss von 6, 8, 12 Stunden offenbarte, dass er bei der zuletzt gegebenen Arznei eine Misswahl getan, indem der Zustand des Kranken, unter Entstehung neuer Symptome und Beschwerden, sich deutlich von Stunde zu Stunde, obschon nur immer um etwas, verschlimmert, ist es ihm nicht nur erlaubt, sondern Pflicht, den begangenen Missgriff durch Wahl und Reichung eines nicht bloß erträglich passenden, sondern dem gegenwärtigen Krankheitszustand möglichst angemessenen homöopathischen Heilmittels wieder gut zu machen (§ 167).
§ 251
Es gibt einige Arzneien (z. B. Ignazsamen, auch wohl Zaunrebe und Wurzelsumach, zum Teil auch Belladonna), deren Veränderungskraft des Befindens der Menschen größtenteils in Wechselwirkungen – einer Art sich zum Teil entgegengesetzter Erstwirkungssymptome – besteht. Fände da bei Verordnung einer derselben nach strenger homöopathischer Wahl, der Heilkünstler dennoch keine Besserung, so wird er (in akuten Krankheiten schon nach einigen Stunden) durch eine neue, ebenso feine Gabe desselben Mittels, in den meisten Fällen, bald seinen Zweck erreichen. *
* Wie ich im Vorwort zum Ignazsamen (im zweiten Teil der reinen Arzneimittellehre) umständlicher angegeben habe.§ 252
Fände man aber beim Gebrauch der übrigen Arzneien, dass in der chronischen (psorischen) Krankheit die bestens homöopathisch gewählte (antipsorische) Arznei, in der angemessenen (kleinsten) Gabe, die Besserung nicht befördert, so ist dies ein gewisses Zeichen, dass die die Krankheit unterhaltende Ursache noch fortwährt, und dass sich in der Lebensordnung des Kranken oder in seinen Umgebungen ein Umstand befindet, welcher abgeschafft werden muss, wenn die Heilung dauerhaft zu Stande kommen soll.
§ 253
Unter den Zeichen, die in allen, vorzüglich in den schnell entstandenen (akuten) Krankheiten, einen kleinen, nicht jedermann sichtbaren Anfang von Besserung oder Verschlimmerung lehren, ist der Zustand des Gemüts und des ganzen Benehmens des Kranken das sicherste und einleuchtendste. Im Falle des auch noch so kleinen Anfangs von Besserung: eine größere Behaglichkeit, eine zunehmende Selbstgelassenheit und Freiheit des Geistes, erhöhter Mut – eine Art wiederkehrender Natürlichkeit. Im Falle des auch noch so kleinen Anfangs von Verschlimmerung hingegen, das Gegenteil hiervon: ein befangener, unbehilflicher, mehr Mitleid auf sich ziehender Zustand des Gemütes, des Geistes, des ganzen Benehmens und aller Stellungen, Lagen und Verrichtungen, was bei genauer Aufmerksamkeit sich leicht sehen oder zeigen, nicht aber in einzelnen Worten beschreiben lässt. *
* Die Besserungszeichen am Gemüt und Geist lassen sich aber nur dann bald nach dem Einnehmen der Arznei erwarten, wenn die Gabe gehörig (das ist möglichst) klein war; eine unnötig größere, selbst der homöopathisch passendsten Arznei, wirkt zu heftig und stört Geist und Gemüt anfänglich allzu sehr und allzu anhaltend, als dass man die Besserung an ihnen bald gewahr werden könnte. Hier bemerke ich, dass gegen diese so nötige Regel am meisten von dünkelhaften Anfängern in der Homöopathik und von den aus der alten Schule zur homöopathischen Heilkunst übergehenden Ärzten gesündigt wird.Diese scheuen aus alten Vorurteilen die kleinsten Gaben der tiefsten Verdünnungen der Arzneien in solchen Fällen und müssen so die großen Vorzüge und Segnungen jenes in tausend Erfahrungen heilsamst befundenen Verfahrens entbehren, können nicht leisten, was die echte Homöopathik vermag, und geben sich daher mit Unrecht für ihre Schüler aus.
§ 254
Die übrigen, teils neuen, teils erhöhten Zufälle, oder im Gegenteil die Verminderung der ursprünglichen Symptome, ohne Zusatz von neuen, werden dem scharf beobachtenden und forschenden Heilkünstler an der Verschlimmerung oder Besserung vollends bald keinen Zweifel mehr übrig lassen; obgleich es Personen unter den Kranken gibt, welche teils die Besserung, teils die Verschlimmerung überhaupt entweder selbst anzugeben unfähig, oder sie zu gestehen nicht geartet sind.
§ 255
Dennoch wird man auch bei diesen zur Überzeugung hierüber gelangen, wenn man jedes im Krankheitsbild aufgezeichnete Symptom einzeln mit ihnen durchgeht, und sie außer diesen keine neuen, vorher ungewöhnlichen Beschwerden klagen können, auch sich keiner der alten Zufälle verschlimmert hat.
Dann muss, bei schon beobachteter Besserung des Gemüts und Geistes, die Arznei auch durchaus wesentliche Minderung der Krankheit hervorgebracht haben, oder, wenn jetzt noch die Zeit dazu zu kurz gewesen wäre, bald hervorbringen.
Zögert nun, im Fall der Angemessenheit des Heilmittels, die sichtbare Besserung doch zu lange, so liegt es entweder am unrechten Verhalten des Kranken, oder an der allzu lang dauernden homöopathischen Verschlimmerung (§ 157), die die Arznei erzeugte, folglich daran, dass die Gabe nicht klein genug war.
§ 256
Auf der anderen Seite, wenn der Kranke diese oder jene neu entstandenen Zufälle und Symptome von Erheblichkeit erzählt – Merkmale der nicht homöopathisch passend gewählten Arznei – so mag er noch so gutmütig versichern: er befinde sich in der Besserung, so hat man ihm in dieser Versicherung dennoch nicht zu glauben, sondern seinen Zustand als verschlimmert anzusehen, wie es denn ebenfalls der Augenschein bald offenbar lehren wird.
§ 257
Der echte Heilkünstler wird es zu vermeiden wissen, sich Arzneien vorzugsweise zu Lieblingsmitteln zu machen, deren Gebrauch er, zufälliger Weise, vielleicht öfter angemessen gefunden und mit gutem Erfolg anzuwenden Gelegenheit gehabt hatte. Dabei werden seltener angewendete, welche homöopathisch passender, folglich hilfreicher wären, oft hintangesetzt.
§ 258
Ebenso wird der echte Heilkünstler auch die wegen unrichtiger Wahl (also aus eigener Schuld) hier und da mit Nachteil angewendeten Arzneien nicht aus misstrauischer Schwäche beim Heilgeschäft hintansetzen, oder aus anderen (unechten) Gründen, als weil sie für den Krankheitsfall unhomöopathisch waren, vermeiden, eingedenk der Wahrheit, dass stets bloß diejenige unter den arzneilichen Krankheitspotenzen Achtung und Vorzug verdient, welche, in dem jedesmaligen Krankheitsfall, der Gesamtheit der charakteristischen Symptome am treffendsten in Ähnlichkeit entspricht, und dass keine kleinlichen Leidenschaften sich in diese ernste Wahl mischen dürfen.
§ 259
Bei der so nötigen als zweckmäßigen Kleinheit der Gaben im homöopathischen Verfahren ist es leicht begreiflich, dass in der Kur alles Übrige aus der Diät und Lebensordnung entfernt werden müsse, was nur irgend arzneilich wirken könnte, damit die feine Gabe nicht durch fremdartig arzneilichen Reiz überstimmt und verlöscht, oder doch gestört werde. *
* Die sanftesten Flötentöne, die aus der Ferne in stiller Mitternacht ein weiches Herz zu überirdischen Gefühlen erheben und in religiöse Begeisterung verschmelzen würden, werden unhörbar und vergeblich unter fremdartigem Geschrei und Tages-Getöse.§ 260
Für chronische Kranke ist daher die sorgfältige Aufsuchung solcher Hindernisse der Heilung um so nötiger, da ihre Krankheit gewöhnlich durch dergleichen Schädlichkeiten und andere krankhaft wirkende, oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung verschlimmert zu werden pflegt. *
* Kaffee; feiner chinesischer und anderer Kräutertee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht; sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liköre; alle Arten Punsch; gewürzte Schokolade; Riechwasser und Parfümerien mancher Art; stark duftende Blumen im Zimmer; aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus, Riechkisschen; hochgewürzte Speisen und Saucen; gewürztes Backwerk und Gefrorenes; rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen; Gemüse aus Kräutern, Wurzeln und Keimstengeln, welche Arzneikraft besitzen; alter Käse und Tierspeisen, welche faulig sind, oder (wie Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen) arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind ebenso sehr von Kranken dieser Art zu entfernen, als jedes Übermaß der Genüsse, selbst des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige Getränke, Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung (die bei warmer Luft erst mit baumwollener, dann mit leinener zu vertauschen ist), sitzende Lebensart in eingesperrter Stubenluft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wollust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Gegenstände des Zornes, des Grames, des Ärgernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, sumpfige Wohngegend, dumpfige Zimmer, karges Darben usw. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder unmöglich gemacht werden soll.Einige meiner Schüler scheinen durch Verbieten noch weit mehrerer, ziemlich gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnötig zu erschweren, was nicht zu billigen ist.
§ 261
Die beim Arzneigebrauch in chronischen Krankheiten zweckmäßigste Lebensordnung beruht auf Entfernung solcher Genesungs-Hindernisse und dem Zusatz des hier und da nötigen Gegenteils: unschuldige Aufheiterung des Geistes und Gemüts, aktive Bewegung in freier Luft – fast bei jeder Art von Witterung (tägliches Spazierengehen, kleine Arbeiten mit den Armen), angemessene, nahrhafte, unarzneiliche Speisen und Getränke usw.
§ 262
In hitzigen Krankheiten hingegen – außer bei Geistesverwirrung – entscheidet der feine, untrügliche, innere Sinn des hier erwachten Lebenserhaltungstriebes so deutlich und bestimmt, dass der Arzt die Angehörigen und die Krankenwärter bloß zu bedeuten braucht, dieser Stimme der Natur kein Hindernis in den Weg zu legen durch Versagung dessen, was der Kranke sehr dringend an Genüssen fordert, oder durch schädliche Anerbietungen und Überredungen.
§ 263
Zwar geht das Verlangen des akut Kranken an Genüssen und Getränken größtenteils auf palliative Erleichterungsdinge; sie sind aber nicht eigentlich arzneilicher Art und bloß einer Art Bedürfnis angemessen. Die geringen Hindernisse, welche diese, in mäßigen Schranken gehaltene Befriedigung etwa der gründlichen Entfernung der Krankheit in den Weg legen könnte, *
* Dies ist jedoch selten. So hat z. B. in reinen Entzündungskrankheiten, wo Akonit so unentbehrlich ist, was durch Gewächssäure-Genuss im Organismus aufgehoben werden würde, der Kranke fast stets nur auf reines kaltes Wasser Verlangen.werden von der Kraft der homöopathisch passenden Arznei und der durch sie entfesselten Lebenskraft, so wie durch die vom sehnlich Verlangten erfolgte Erquickung, reichlich wieder gut gemacht und überwogen. Ebenso muss auch in akuten Krankheiten die Temperatur des Zimmers und die Wärme oder Kühle der Bedeckungen ganz nach dem Wunsch des Kranken eingerichtet werden. Alle geistige Anstrengungen, so wie alle Gemütserschütterungen desselben sind von ihm entfernt zu halten.
§ 264
Der wahre Heilkünstler muss die vollkräftigsten, echtesten Arzneien in seiner Hand haben, wenn er sich auf ihre Heilkraft verlassen will, er muss sie selbst nach ihrer Echtheit kennen.
§ 265
Es ist Gewissenssache für ihn, in jedem Fall untrüglich überzeugt zu sein, dass der Kranke jederzeit die rechte Arznei einnehme.
§ 266
Die Substanzen des Tier- und Pflanzenreiches sind in ihrem rohen Zustand am arzneilichsten. *
* Alle rohen Tier- und Pflanzensubstanzen haben mehr oder weniger Arzneikräfte und können das Befinden der Menschen ändern, jedes auf seine eigene Art. Diejenigen Pflanzen und Tiere, deren die aufgeklärtesten Völker sich zur Speise bedienen, haben vor den übrigen den Vorzug eines größeren Gehaltes an Nahrungsteilen, und weichen auch darin von den übrigen ab, dass die Arzneikräfte ihres rohen Zustandes teils an sich nicht sehr heftig sind, teils vermindert werden durch die Zubereitung in der Küche und Haushaltung, durch Auspressen des schädlichen Saftes (wie die Cassave-Wurzel in Südamerika), durch Gähren (des Roggenmehls im Teig zur Brotbereitung – ohne Essig bereitetes Sauerkraut und saure Gurken), durch Räuchern und durch die Gewalt der Hitze (beim Kochen, Schmoren, Rösten, Braten, Backen), wodurch die Arzneiteile mancher solcher Substanzen zum Teil zerstört und verflüchtigt werden. Durch Zusatz des Kochsalzes (Einpökeln) und Essigs (Saucen, Salate) verlieren wohl die Tier- und Gewächssubstanzen viel von ihrer arzneilichen Schädlichkeit, erhalten aber wieder andere Nachteile von diesen Zusätzen.Doch auch die arzneikräftigsten Pflanzen verlieren ihre Arzneikraft zum Teil oder auch gänzlich durch solche Behandlungen. Durch völliges Trocknen verlieren alle Wurzeln der Iris-Arten, des Merrettichs, der Aron-Arten und der Päonien fast alle ihre Arzneikraft.
Der Saft der heftigsten Pflanzen wird durch die Hitze der gewöhnlichen Extrakt-Bereitung oft zur ganz unkräftigen, pechartigen Masse. Schon durch langes Stehen wird der ausgepresste Saft der an sich tödlichsten Pflanzen ganz kraftlos; er geht von selbst bei milder Luftwärme schnell in Weingärung (und hat schon dann viel Arzneikraft verloren) und unmittelbar darauf in Essig- und Faulgärung über, und wird so aller eigentümlichen Arzneikräfte beraubt; das sich zu Boden gesetzte und ausgewaschene Satzmehl ist dann völlig unschädlich, wie anderes Stärkemehl.
Selbst beim Schwitzen einer Menge übereinander liegender, grüner Kräuter geht der größte Teil ihrer Arzneikräfte verloren.
§ 267
Der Kräfte der einheimischen und frisch zu bekommenden Pflanzen bemächtigt man sich am vollständigsten und gewissesten, wenn ihr ganz frisch ausgepresster Saft sogleich mit gleichen Teilen schwammzündendem Weingeistes wohl gemischt wird. Von dem nach Tag und Nacht in verstopften Gläsern abgesetzten Faser- und Eiweißstoff wird dann das Helle abgegossen, zum Verwahren für den arzneilichen Gebrauch. *
* Buchholz (Taschenb. f. Scheidek. u. Apoth. a. d. J. 1815 Weimar, Abth. I. VI.) versichert seine Leser (und sein Rezensent in der Leipziger Literaturzeitung 1816 n. 82. widerspricht nicht): diese vorzügliche Arzneibereitung habe man dem Feldzug in Russland zu danken, von woher sie (1812) nach Deutschland gekommen sei. Dass diese Entdeckung und diese Vorschrift, die er mit meinen eigenen Worten aus der ersten Ausgabe des Organon der rat. Heilkunde § 230 und Anmerk. anführt, von mir herrühre, und dass ich sie in diesem Buch schon zwei Jahre vor dem russischen Feldzug (1810 erschien das Organon) zuerst der Welt mitteilte, das verschweigt er, nach der edlen Sitte vieler Deutschen, gegen das Verdienst ihrer Landsleute ungerecht zu sein. Aus Asiens Wildnissen her erdichtet man lieber den Ursprung einer Erfindung, deren Ehre einem Deutschen gebührt. Welche Zeiten! Welche Sitten!Man hat wohl ehedem auch zuweilen Weingeist zu Pflanzensäften gemischt, z. B. um sie zur Extraktbereitung einige Zeit aufheben zu können, aber nie zur Absicht, sie in dieser Gestalt einzugeben.
Von dem zugemischten Weingeist wird alle Gärung des Pflanzensaftes augenblicklich gehemmt und auch für die Folge unmöglich gemacht, und die ganze Arzneikraft des Pflanzensaftes erhält sich so (vollständig und unverdorben) auf immer, in wohl verstopften Gläsern vor dem Sonnenlicht verwahrt. *
* Obwohl gleiche Teile Weingeist und frisch ausgepresster Saft, gewöhnlich das angemessenste Verhältnis ist, um die Absetzung des Faser- und Eiweißstoffes zu bewirken, so hat man doch für Pflanzen, welche viel zähen Schleim (z. B. Beinwellwurzel, Freisam-Veilchen usw.) oder ein Übermaß an Eiweißstoff enthalten (z. B. Hundsdill-Gleiss, Schwarz-Nachtschatten usw.), gemeiniglich ein doppeltes Verhältnis an Weingeist zu dieser Absicht nötig. Die sehr saftlosen, wie Oleander, Buchs- und Eibenbaum, Porst, Sadebaum usw., müssen zuerst für sich zu einer feuchten, feinen Masse gestoßen, dann aber mit einer doppelten Menge Weingeist zusammengerührt werden, damit sich mit ihm der Saft vereinige, und so, durch den Weingeist ausgezogen, durchgepresst werden könne; man kann letztere aber auch getrocknet zur millionfachen Pulververreibung mit Milchzucker bringen, und dann nach Auflösung eines Grans davon ferner verdünnen mit Potenzierung.§ 268
Die übrigen, nicht frisch zu erlangenden, ausländischen Gewächse, Rinden, Samen und Wurzeln wird der vernünftige Heilkünstler nie in Pulverform auf Treu und Glauben annehmen, sondern sich von ihrer Echtheit in ihrem rohen, ganzen Zustand vorher überzeugen, ehe er die mindeste arzneiliche Anwendung von ihnen macht. *
* Um sie als Pulver zu verwahren, bedarf man einer Vorsicht, die man gewöhnlich bisher in Apotheken nicht kannte und daher Pulver von selbst gut getrockneten Tier- und Gewächssubstanzen in wohlverstopften Gläsern nicht unverdorben aufheben konnte.Die auch völlig trockenen, ganzen, rohen Gewächssubstanzen enthalten doch noch immer als unentbehrliche Bedingung des Zusammenhanges ihres Gewebes einen gewissen Anteil Feuchtigkeit, welcher zwar die ganze, ungepulverte Droge nicht hindert, in einem so trockenen Zustand zu verharren, als zu ihrer Unverderblichkeit gehört, für den Zustand des feinen Pulvers aber überflüssig zuviel wird.
Die im ganzen Zustand völlig trockene Tier- und Gewächssubstanz gibt daher, fein gepulvert, ein einigermaßen feuchtes Pulver, welches, ohne in baldige Verderbnis und Verschimmelung überzugehen, in verstopften Gläsern nicht aufgehoben werden kann, wenn es nicht vorher von dieser überflüssigen Feuchtigkeit befreit worden war.
Dies geschieht am besten, wenn das Pulver auf einer flachen Blechschale mit hohem Rand, die in einem Kessel kochenden Wassers schwimmt (das ist im Wasserbad), ausgebreitet und so weit mittels Umrührens getrocknet wird, dass alle kleinen Teile desselben nicht mehr klumpig zusammenhängen, sondern wie trockener, feiner Sand sich leicht voneinander entfernen und leicht verstieben.
In diesem trockenen Zustand lassen sich die feinen Pulver, auf immer unverderblich, in wohl verstopften und versiegelten Gläsern aufbewahren in ihrer ursprünglichen, vollständigen Arzneikraft, ohne je mietig oder schimmlig zu werden; am besten, wenn die Gläser vor dem Tageslicht (in verdeckten Büchsen, Kästen, Schachteln) verwahrt werden.
In nicht luftdicht verschlossenen Gefäßen und nicht vom Zugang des Sonnen- und Tageslichtes entfernt, verlieren alle Tier- und Gewächssubstanzen mit der Zeit immer mehr und mehr an ihrer Arzneikraft – selbst im ganzen Zustand, weit mehr aber im Pulverzustand.
§ 269
Die homöopathische Heilkunst entwickelt zu ihrem Behufe die geistartigen Arzneikräfte der rohen Substanzen mittels einer ihr eigentümlichen, bisher unversuchten Behandlung zu einem, vordem unerhörten Grad, wodurch sie sämtlich erst recht durchdringend wirksam und hilfreich werden, selbst diejenigen, welche im rohen Zustand nicht die geringste Arzneikraft im menschlichen Körper verraten.
§ 270
So werden 2 Tropfen von den zu gleichen Teilen Weingeist gemischten, frischen Pflanzensäften mit 98 Tropfen Weingeist verdünnt und mittels zweier Schüttelschläge potenziert als erste Kraftentwicklung und so durch noch 29 Gläser hindurch, jedes mit 99 Tropfen Weingeist zu 3/4 angefüllte Glas, dergestalt, dass jedes folgende Glas mit einem Tropfen des vorigen Glases (was schon zweimal geschüttelt war,) versehen wird, um es dann gleichfalls zweimal *
* Ich zog, um eine bestimmte und gemäßigte Norm zur Kraftentwicklung der flüssigen Arzneien zu erhalten, zwei Schüttelschläge für jedes Glas den ehedem öfteren vor (bei denen sie allzu hoch potenziert wurden) aus vielfacher Erfahrung und genauer Beobachtung. - Es gibt dagegen Homöopathiker, welche bei ihren Krankenbesuchen die homöopathischen Arzneien in flüssiger Form mit sich herumtragen und dennoch behaupten, dass diese mit der Zeit nicht höher potenziert sich fänden, dadurch aber keinen genauen Beobachtungsgeist zeigen. Ich löste einen Gran Natron in einem Loth, mit etwas Weingeist vermischtem Wasser in einem zu 2/3 damit angefüllten Glas auf und schüttelte diese Auflösung eine halbe Stunde lang ununterbrochen und die Flüssigkeit war an Potenzierung und Kräftigkeit der 30. Kraftentwicklung an die Seite zu setzen.zu schütteln und ebenso auch zuletzt die 30. Kraftentwicklung (potenzierte Dezillion-Verdünnung, X) als die gebräuchlichste.
§ 271
Alle anderen zum Arzneigebrauch bestimmten Substanzen – den Schwefel ausgenommen, welcher die letzteren Jahre nur als hochverdünnte (X) Tinktur angewendet wurde -, als: gediegene oder oxydierte und geschwefelte Metalle und andere Mineralien, Bergöl, Phosphor, so wie trocken nur zu erhaltende Pflanzenteile und Pflanzensäfte, tierische Substanzen, Neutral- und Mittelsalze, usw., alle diese werden sämtlich erst zur millionfachen Pulververdünnung durch dreistündiges Reiben potenziert, von dieser aber wird dann 1 Gran aufgelöst und durch 27 Verdünnungsgläser auf ähnliche Weise, wie bei den Pflanzensäften, bis zur 30. Kraftentwicklung gebracht. *
* Wie umständlicher noch in den Vorworten zu den Arzneien in der dritten Auflage des zweiten Teils der reinen Arzneimittellehre angegeben ist.§ 272
In keinem Fall von Heilung ist es nötig, mehr als eine einzige, einfache Arzneisubstanz auf einmal anzuwenden. *
* Es haben zwar einige Homöopathiker versucht, in Fällen, wo sie für den einen Teil der Symptome eines Krankheitsfalles das eine, für den anderen Teil derselben aber ein zweites Arzneimittel passend homöopathisch erachteten, beide Arzneimittel zugleich, oder fast zugleich einzugeben; aber ich warne ernstlich vor einem solchen Wagstück, was nie nötig sein wird, wenn es auch zuweilen dienlich schiene.§ 273
Es ist nicht einzusehen, wie es nur dem mindesten Zweifel unterworfen sein könne, ob es naturgemäßer und vernünftiger sei, einen einzelnen, wohl gekannten Arzneistoff auf einmal in einer Krankheit zu verordnen, oder ein Gemisch von mehreren, verschiedenen.
§ 274
Da der wahre Heilkünstler bei ganz einfachen, einzeln und unvermischt angewendeten Arzneien schon findet, was er nur irgend wünschen kann: (künstliche Krankheitspotenzen, welche die natürlichen Krankheiten durch homöopathische Kraft vollständig zu überstimmen, auszulöschen und dauerhaft zu heilen vermögen,) so wird es ihm nach dem Weisheitsspruch: »dass, was durch Einfaches möglich ist, durch Vielfaches bewirken zu wollen, unrecht sei,« nie einfallen, je etwas anderes, als einen einzelnen, einfachen Arzneistoff als Heilmittel zu geben, auch schon deshalb nicht, weil, gesetzt auch, die einfachen Arzneien wären auf ihre reinen, eigentümlichen Wirkungen im ungetrübten, gesunden Zustand des Menschen völlig ausgeprüft, es doch unmöglich vorauszusehen ist, wie sich zwei und mehrere Arzneistoffe in der Zusammensetzung einander in ihren Wirkungen auf den menschlichen Körper hindern und abändern möchten, und weil hingegen ein einfacher Arzneistoff bei seinem Gebrauch in Krankheiten, deren Symptomeninbegriff genau bekannt ist, schon vollständig und allein hilft, wenn er homöopathisch gewählt war, und selbst in dem schlimmsten Fall, dass er der Symptomenähnlichkeit nicht ganz angemessen gewählt werden konnte, und also nicht hilft, doch dadurch nützt, dass er die Heilmittelkenntnis befördert, indem durch die in solchem Fall von ihm erregten neuen Beschwerden diejenigen Symptome bestätigt werden, welche dieser Arzneistoff sonst schon in Versuchen am gesunden menschlichen Körper gezeigt hatte; ein Vorteil, der beim Gebrauch aller zusammengesetzten Mittel wegfällt. *
* Bei der treffend homöopathisch für den wohl überdachten Krankheitsfall gewählten und innerlich gegebenen Arznei nun vollends noch einen aus anderen Arzneistoffen gewählten Tee trinken, ein Kräutersäckchen oder eine Bähung aus mancherlei anderen Kräutern auflegen, oder ein andersartiges Klystier einspritzen, und diese oder jene Salbe einreiben zu lassen, wird der vernünftige Arzt dem unvernünftigen allöopathischen Schlendrian überlassen.§ 275
Die Angemessenheit einer Arznei für einen gegebenen Krankheitsfall beruht nicht allein auf ihrer treffenden homöopathischen Wahl, sondern ebenso wohl auf der erforderlichen, richtigen Größe oder vielmehr Kleinheit ihrer Gabe. Gibt man eine allzu starke Gabe von einer für den gegenwärtigen Krankheitszustand auch völlig homöopathisch gewählten Arznei, so muss sie, ungeachtet der Wohltätigkeit ihrer Natur an sich, dennoch bloß durch ihre Größe und den hier unnötigen, überstarken Eindruck schaden, welchen sie auf die dadurch empörte Lebenskraft und durch sie gerade auf die empfindlichsten und durch die natürliche Krankheit schon angegriffensten Teile im Organismus vermöge ihrer homöopathischen Ähnlichkeitswirkung macht.
§ 276
Aus diesem Grund schadet eine Arznei, wenn sie dem Krankheitsfall auch homöopathisch angemessen war, in jeder allzu großen Gabe, und dann um desto mehr, je größer ihre Gabe war, und durch die Größe ihrer Gabe um so mehr, je homöopathischer und in je höher Potenz *
* Das in neueren Zeiten von einigen wenigen Homöopathikern den größerén Gaben erteilte Lob beruht darauf, dass sie teils niedrige Potenzierungen der zureichenden Arznei wählten, wie etwa ich selbst vor 20 Jahren in Ermangelung besseren Wissens gab, teils dass die Arzneien nicht völlig homöopathisch gewählt waren.sie gewählt war, und weit mehr, als jede ebenso große Gabe einer unhomöopathischen, für den Krankheitszustand in keiner Beziehung passenden (allöopathischen) Arznei; denn in jenem Fall steigt die sogenannte homöopathische Verschlimmerung (§ 157 -160), das ist, die mittels der von der übertriebenen Arzneigabe empörten Lebenskraft in den leidendsten und durch die ursprüngliche Krankheit aufgeregtesten Teilen des Organismus künstlich erzeugte, so ähnliche Arzneikrankheit – die in angemessenem Grad die Heilung sanft bewirkt haben würde – zu einer schädlichen Höhe; *
* M. s. Anm. zu § 246.der Kranke leidet zwar nicht ferner an der Urkrankheit, denn diese ist homöopathisch ausgetilgt, aber detso mehr an der übergroßen Arzneikrankheit und an unnötiger Entkräftung.
§ 277
Aus gleichem Grund, und da eine Arznei bei vorausgesetzter, gehöriger Kleinheit ihrer Gabe um desto heilsamer und fast bis zum Wunder hilfreich ist, je homöopathischer sie ausgesucht war, wird auch eine Arznei, deren Wahl passend homöopathisch getroffen worden, um desto heilsamer sein müssen, je mehr ihre Gabe zu dem für sanfte Hilfe angemessensten Grad von Kleinheit herabsteigt.
§ 278
Hier entsteht nun die Frage, welches dieser für teils gewisse, teils sanfte Hilfe angemessenste Grad von Kleinheit sei; wie klein also zum Behufe der besten Heilung die Gabe jeder einzelnen, für einen Krankheitsfall homöopathisch gewählten Arznei sein müsse?
Diese Aufgabe zu lösen und für jede Arznei insbesondere zu bestimmen, welche Gabe von ihr zu homöopathischem Heilzweck genüge und doch so klein sei, dass die sanfteste und schnellste Heilung dadurch erreicht werde – diese Aufgabe zu lösen, ist, wie man leicht einsehen kann, nicht das Werk theoretischer Mutmaßung; nicht vom grübelnden Verstand, nicht von klügelnder Vernünftelei lässt sich die Auflösung dieser Aufgabe erwarten.
Einzig nur reine Versuche, sorgfältige Beobachtung und richtige Erfahrung kann dies bestimmen, und es wäre töricht, die großen Gaben unpassender (allöopathischer) Arznei der alten Praxis, welche die kranke Seite des Organismus nicht homöopathisch berühren, sondern nur die von der Krankheit unangegriffenen Teile angreifen, gegen dasjenige anführen zu wollen, was reine Erfahrung über die nötige Kleinheit der Gaben zum Behufe homöopathischer Heilungen ausspricht.
§ 279
Diese reine Erfahrung zeigt durchgängig, dass, wenn der Krankheit nicht offenbar eine beträchtliche Verderbnis eines wichtigen Eingeweides zu Grunde liegt (auch wenn sie unter die chronischen und komplizierten gehört) und bei der Kur alle anderen, fremdartig arzneilichen Einwirkungen auf den Kranken entfernt gehalten wurden – die Gabe des homöopathisch gewählten Heilmittels nie so klein bereitet werden kann, dass sie nicht noch stärker als die natürliche Krankheit wäre, und sie nicht, wenigstens zum Teil, zu überstimmen, auszulöschen und zu heilen vermöchte, so lange sie noch einige, obschon geringe Erhöhung ihrer Symptome über die ihr ähnliche Krankheit (geringe homöopathische Verschlimmerung § 157 – 160) gleich nach ihrer Einnahme zu verursachen im Stande ist.
§ 280
Dieser unumstößliche Erfahrungssatz ist der Maßstab, wonach die Gaben homöopathischer Arznei, ohne Ausnahme, bis dahin zu verkleinern sind, dass sie nach der Einnahme nur eine kaum merkliche homöopathische Verschlimmerung erregen, die Verkleinerung steige auch noch so tief herab und scheine den grob materiellen Begriffen der Alltagsärzte auch noch so unglaublich; *
* Sie mögen sich von den Mathematikern erklären lassen, wie wahr es sei, dass eine in noch so viele Teile geteilte Substanz auch in ihren denkbar kleinsten Teilen immer noch etwas von dieser Substanz enthalten müsse, und der denkbar kleinste Teil nicht aufhöre, etwas von dieser Substanz zu sein, also unmöglich zu Nichts werden könne; – sie mögen sich, wenn sie zu belehren sind, von den Physikern sagen lassen, dass es ungeheure Kraftdinge (Potenzen) gibt, welche ganz ohne Gewicht sind, wie z. B. der Wärmestoff, der Lichtstoff usw., also immer noch unendlich leichter, als der Arzneigehalt der kleinsten Gaben der Homöopathie; – sie mögen die Schwere von Gallenfieber erzeugenden Kränkungsworten oder das Gewicht der die Mutter tötenden Trauernachricht von ihrem einzigen Sohn wägen, wenn sie können; – sie mögen einen hundert Pfund zu tragen fähigen Magnet nur eine Viertelstunde berühren, und durch die empfundenen Schmerzen sich belehren, dass auch gewichtlose Einflüsse die heftigsten Arzneiwirkungen im Menschen hervorbringen können; – und die Schwächlinge unter ihnen mögen ihre Herzgrube nur leise mit der Daumenspitze eines kräftig gewillten Mesmerierers einige Minuten berühren lassen, und unter den widrigsten Gefühlen, die sie da erleiden, es bereuen, dass sie der unendlichen Natur die Grenzen ihrer Wirksamkeit abstecken wollten; die Geistes-Armen! Wähnt der die homöopathische Heilart versuchende Allöopath, zu so kleinen und so tief verdünnten Gaben sich nicht entschließen zu können, so frage er sich nur selbst, was er damit wage? Hätte der bloß das Wägbare für etwas Wirkliches, alles Unwägbare für Nichts schätzende Unglaube recht, so könnte ja doch auf eine ihm so nichtig scheinende Gabe nichts Schlimmeres erfolgen, als dass gar keine Wirkung entstünde – doch immer also etwas weit Unschuldigeres, als was auf seine zu großen Gaben allöopathischer Arznei erfolgen muss. Warum will er seine mit Vorurteilen gepaarte Unerfahrenheit für kompetenter halten, als die durch Tat sich bewährende vieljährige Erfahrung? Und zudem wird ja die homöopathische Arznei bei jeder Teilung und Verkleinerung durch Reiben oder Schütteln potenziert! – eine vor mir nicht geahnte, so mächtige Entwicklung der inwohnenden Kräfte der Arzneisubstanzen, dass ich in den letzteren Jahren durch überzeugende Erfahrung genötigt ward, die ehemals vorgeschriebenen zehn Schüttelschläge nach jeder Verdünnung bis auf zwei einzuschränken.ihr Geschwätz muss vor dem Ausspruch der untrüglichen Erfahrung verstummen.
§ 281
Jeder Kranke ist besonders im Punkt seiner Krankheit von den arzneikräftigen, durch Wirkungsähnlichkeit passenden Potenzen unglaublich umstimmbar, und es gibt keinen, auch noch so robusten, selbst nur mit einem chronischen, oder sogenannten Lokalübel behafteten Menschen, welcher in dem leidenden Teil nicht bald die erwünschteste Veränderung spürte, wenn er die hilfreiche, homöopathisch angemessene Arznei in der erdenklich kleinsten Gabe eingenommen, welcher, mit einem Wort, nicht weit mehr dadurch in seinem Befinden umgestimmt werden sollte, als der einen Tag alte, aber gesunde Säugling von ihr. Wie nichtsbedeutend und lächerlich ist also der bloß theoretische Unglaube gegen diese nie fehlenden, untrüglichen Erfahrungsbeweise!
§ 282
Da werden auch von der kleinstmöglichen, nur noch die mindeste homöopathische Verschlimmerung zu erregen vermögenden Gabe homöopathischer Arznei, weil sie der ursprünglichen Krankheit möglichst ähnliche (aber auch in dieser Kleinheit noch stärkere) Symptome zu erregen fähig ist, vorzugsweise und fast allein, bloß die schon leidenden, höchst erregten und aufs äußerste für einen so ähnlichen Reiz empfindlich gewordenen Teile im Organismus ergriffen und die in ihnen waltende Lebenskraft in eine etwas höhere, sehr ähnliche, künstliche Krankheit, als die natürliche war, umgestimmt, um die Stelle der letzteren (ursprünglichen) einzunehmen, so dass der belebte Organismus nun an der künstlichen Arzneikrankheit allein leide, welche ihrer Natur nach und vermöge der Kleinheit der Gabe bald von der nach ihrer Normalität strebenden Lebenskraft ausgelöscht wird, und (wenn die Krankheit bloß eine akute war) den Körper möglichst frei von Leiden, das ist, gesund zurücklässt.
§ 283
Um nun echt naturgemäß zu verfahren, wird der wahre Heilkünstler seine wohlgewählte homöopathische Arznei genau nur in so kleiner Gabe verordnen, als zur Überstimmung und Vernichtung der gegenwärtigen Krankheit nur so eben zureicht – in einer Kleinheit von Gabe, die, wenn ihn menschliche Schwäche ja einmal verleitet hätte, eine unpassendere Arznei anzuwenden, den Nachteil ihrer, der Krankheit unangemessenen Beschaffenheit bis zur Geringfügigkeit vermindert, welcher von der möglichst kleinsten Gabe auch viel zu schwach ist, als dass er durch die eigene Kraft der Natur des Lebens und durch schnelle Entgegensetzung des nun nach Wirkungsähnlichkeit passender gewählten Heilmittels, ebenfalls in kleinster Gabe, nicht alsbald wieder ausgelöscht und gutgemacht werden sollte.
§ 284
Es mindert sich auch die Wirkung einer Gabe nicht in gleicher Progression mit dem materiellen Arzneigehalt der Verdünnungen zu homöopathischem Gebrauch. Acht Tropfen Tinktur von einem Arzneistoff auf die Gabe wirken nicht viermal so viel im menschlichen Körper, als zwei Tropfen, sondern nur etwa doppelt so viel, als zwei Tropfen auf die Gabe.
So wird auch von einer Mischung eines Tropfens Tinktur mit zehn Tropfen einer unarzneilichen Flüssigkeit, ein Tropfen eingenommen, nicht eine zehn Mal größere Wirkung tun, als ebenfalls ein Tropfen einer noch zehn Mal dünneren Mischung, sondern nur etwa (kaum) eine doppelt stärkere Wirkung, und so weiter herab, nach demselben Gesetz – so dass ein Tropfen der tiefsten Verdünnung immer noch eine sehr beträchtliche Wirkung äußern muss und wirklich äußert. *
* Gesetzt, 1 Tropfen einer Mischung, welche 1/10 Gran des Arzneistoffs enthält, tue eine Wirkung = a, so wird ein Tropfen einer verdünnteren, welcher 1/100 Gran des Arzneistoffs enthält, nur etwa eine Wirkung tun = a/2; wenn er 1/10000 Gran des Arzneistoffs enthält, etwa = a/4; wenn er 1/100000000 Gran des Arzneistoffs enthält, eine Wirkung tun = a/8; und so wird, so fort, bei gleichem Volumen der Gaben, durch jede (vielleicht mehr als) quadratische Verkleinerung des Arzneigehalts die Wirkung auf den menschlichen Körper sich doch nur jedes Mal etwa zur Hälfte mindern.Einen Tropfen einer Dezillion-Verdünnung von Krähenaugen-Tinktur habe ich ziemlich genau halb so viel als einen Tropfen quintillionfacher Verdünnung, sehr oft, wirken sehen, unter denselben Umständen und bei denselben Personen.
§ 285
Die zu homöopathischem Gebrauch nötige Gabenminderung wird auch durch Verminderung des Volumens der Gabe befördert, so dass, wenn man statt eines Tropfens einer Arzneiverdünnung nur einen ganz kleinen Teil *
* Am zweckmäßigsten bedient man sich hierzu feiner Zucker-Streukügelchen, von der Größe des Mohnsamens; wo dann ein solches, mit der Arznei befeuchtet, in das Vehikel geschoben, eine Arzneigabe bewerkstelligt, die etwa den dreihundertsten Teil eines Tropfens enthält, indem dreihundert solcher kleinen Streukügelchen von einem Tropfen Weingeist hinreichend benetzt werden. Ein solches Streukügelchen allein auf die Zunge gelegt, ohne etwas danach zu trinken, vermindert die Gabe ungemein. Hat man aber Ursache, bei einem sehr feinfühligen Kranken die möglichst kleinste Gabe anzuwenden und den schnellsten Erfolg herbeizuführen; da dient das bloße einmalige Riechen (m. s. die Anm. zu § 288).eines solchen Tropfens zur Gabe nimmt, die Absicht der noch weiteren Wirkungsminderung sehr zweckmäßig erreicht wird; sehr begreiflich aus dem Grund, weil mit dem kleineren Volumen der Gabe auch nur wenige Nerven des lebenden Organismus berührt werden können, wodurch zwar ebenfalls die Kraft der Arznei dem ganzen Organismus mitgeteilt wird, aber eine kleinere Kraft.
§ 286
Aus gleichem Grund steigt die Wirkung einer homöopathischen Arzneigabe, je in einem größeren Umfang von Flüssigkeit aufgelöst, die dem Kranken zum Einnehmen gereicht wird, obgleich der wahre innere Arzneigehalt derselbe blieb. Denn hier wird beim Einnehmen eine weit größere Fläche empfindlicher, die Arzneiwirkung annehmender Nerven berührt.
Obgleich der Wahn der Theoristen in der Verdünnung einer Arzneigabe mit einer größeren Menge Flüssigkeit beim Einnehmen eine Schwächung ihrer Wirkung finden möchte, so sagt doch die Erfahrung, wenigstens bei dem homöopathischen Arzneigebrauch, gerade das Gegenteil. *
* Bloß die einfachsten unter allen Reizmitteln, Wein und Weingeist, vermindern ihre erhitzende und berauschende Wirkung in der Verdünnung mit vielem Wasser.§ 287
Doch findet bei dieser Vergrößerung der Wirkung durch die Mischung der Arzneigabe mit einer größeren Menge Flüssigkeit (vor dem Einnehmen) noch der nicht geringe Unterschied statt, ob die Vermischung der Arzneigabe mit einer gewissen Menge Flüssigkeit nur so obenhin und unvollkommen, oder ob sie so gleichförmig und so innig *
* Durch das Wort innig will ich hier so viel sagen: dass, wenn z. B. der Tropfen einer arzneilichen Flüssigkeit mit 100 Tropfen Weingeist einmal umgeschüttelt, das ist, das beides enthaltende Gläschen, in der Hand gehalten, mit einmaligem starkem Schlag des Arms von oben herab schnell bewegt worden ist, wohl schon eine genaue Mischung beider entstanden ist, mit zwei, drei, zehn und mehreren solchen Schlägen aber diese Mischung noch weit inniger, das ist, die Arzneikraft noch weit mehr potenziert und, sozusagen, der Geist dieser Arznei immer mehr entfaltet, entwickelt und in seiner Wirkung auf die Nerven weit eindringlicher gemacht wird. Wenn man also mit den tiefen Verdünnungen den so nötigen Zweck der Verkleinerung der Gaben in Hinsicht der Milderung ihrer Kräfte auf den Organismus erreichen will, so tut man wohl, jedem der 20, 30 usw. Verdünnungsgläser nicht mehr als zwei solche Schüttelschläge zu geben, und so die Arzneikraft nur mäßig zu entwickeln. Auch wird man wohl tun, bei der Verdünnung der Arzneien in trockener Pulvergestalt mit dem Zusammenreiben in der porzellanenen Reibeschale Maß zu halten, und z. B. einen Gran der rohen, ganzen Arzneisubstanz, bei seiner Vermischung mit den ersten 100 Gran Milchzucker nur eine Stunde mit Kraft zu reiben, ferner die Verdünnung eines Grans dieser Mischung mit anderen 100 Gran Milchzucker (zu 1/10000 Verdünnung) auch nur eine Stunde, und die dritte Verdünnung (zu 1/1000000) ebenfalls durch einstündiges, kräftiges Zusammenreiben eines Grans der vorigen Mischung mit 100 Gran Milchzucker zu einer solchen Verdünnung der Arznei zu bringen, dass die Kraftentwicklung derselben gemäßigt bleibt. Die genauere Art, wie hierbei zu verfahren ist, findet man in den Vorworten der 3. Ausgabe des 2. Teils der reinen Arzneimittellehre, 1833.bewerkstelligt worden, dass der kleinste Teil der Verdünnungsflüssigkeit auch einen verhältnismäßig gleichen Anteil am Arzneigehalt als alles Übrige in sich aufgenommen hat; denn dann ist letztere weit arzneikräftiger durch die Verdünnungsmischung geworden als erstere. Hieraus wird man von selbst abnehmen, wie man mit Einrichtung der homöopathischen Arzneigaben zu Werke gehen müsse, wenn man ihre Arzneiwirkung möglichst verkleinern will, zum Behufe der empfindlichsten Kranken. *
* Je höher man die, mit Potenzierung (durch zwei Schüttelschläge) verbundene Verdünnung treibt, desto schneller wirkend und eindringlicher scheint das Präparat die Lebenskraft arzneilich umzustimmen und das Befinden zu ändern, mit nur wenig verminderter Stärke, selbst wenn man diese Verrichtung sehr weit treibt, – statt, wie gewöhnlich (und meist hinreichend) ist, zu X, nun bis zu XX, L, C, und höher; bloß dass dann die Wirkung immer kürzer anzuhalten scheint.§ 288
Die Wirkung der Arzneien in flüssiger Gestalt *
* Vorzüglich in Dunstgestalt durch Riechen und Einziehung des stets ausströmenden Arzneidunstes eines mit hoher Kraftentwicklung einer Arzneiflüssigkeit benetzten Streukügelchens, welches trocken in einem kleinen Fläschchen liegt, wirken die homöopathischen Mittel am sichersten und kräftigsten. Die Mündung des geöffneten Fläschchens lässt der homöopathische Arzt den Kranken erst in das eine Nasenloch halten und im Einatmen die Luft daraus in sich ziehen und dann wohl auch so, wenn die Gabe stärker sein soll, mit dem anderen Nasenloch riechen, mehr oder weniger stark, je nachdem er die Gabe bestimmt und steckt es dann verstopft wieder in sein Taschenetui, auf dass kein Missbrauch damit getrieben werden könne, und wenn er nicht will, bedarf er so keines Apothekers mehr zu seinen Heilungen. Ein Streukügelchen, wovon 10, 20 bis 100 einen Gran wiegen, mit der 30. potenzierten Verdünnung befeuchtet und dann getrocknet, behält zu diesem Behufe seine volle Kraft wenigstens 18 bis 20 Jahre (so weit reichen meine Erfahrungen) unvermindert, gesetzt auch, dass das Fläschchen indes 1000 Mal geöffnet worden wäre, wenn es nur vor Hitze und Sonnenlicht verwahrt wird. Sollten die Nasenlöcher beide durch Stockschnupfen oder Polypen verstopft sein, so atmet der Kranke durch den Mund, während er die Mündung des Gläschens zwischen den Lippen hält. Kleinen Kindern hält man im Schlaf dasselbe dicht an das eine und das andere Nasenloch und kann des Erfolgs gewiss sein. Dieses Einatmen des Arzneidunstes berührt die Nerven in den Wänden der geräumigen Höhlen, die er durchgeht, ungehindert und stimmt so die Lebenskraft auf die mildeste und doch kräftigste Weise heilkräftig um, weit vorzüglicher, als jede andere Art des Eingebens in Substanz durch den Mund. Alles was nur durch Homöopathik geheilt werden kann (und was könnte sie nicht, außer den nicht manuell-chirurgischen Übeln, heilen?) an höchsten chronischen, nicht gänzlich allöopathisch verdorbenen, so wie an akuten Krankheiten, wird am sichersten und gewissesten durch dieses Riechen geheilt. Schon seit einem Jahr weiß ich unter den so vielen Kranken, die meine und meines Gehilfen Beistand suchten, kaum einen vom Hundert zu nennen, dessen chronisches oder akutes Leiden wir nicht mit dem erwünschtesten Erfolg bloß mittels dieses Riechens behandelt hätten; in der letzten Hälfte dieses Jahres bin ich aber zur Überzeugung gelangt (was ich vorher niemand geglaubt haben würde), dass dies Riechen die Kraft der Arznei auf diese Weise, wenigstens in gleichem Grad von Stärke und zwar noch ruhiger und doch ebenso lange auf den Kranken ausübt, als die durch den Mund genommene Gabe Arznei, und dass daher die Wiederholungszeiten des Riechens nicht kürzer zu bestimmen seien, als bei der Einnahme der materiellen Gabe durch den Mund.auf den lebenden menschlichen Körper geschieht auf eine so eindringliche Art, verbreitet sich vom Punkt der mit Nerven begabten, empfindlichen Faser aus, worauf die Arznei zuerst angebracht wird, mit einer so unbegreiflichen Schnelligkeit und Allgemeinheit durch alle Teile des lebenden Körpers, dass man diese Wirkung der Arznei eine geistartige (eine dynamische, virtuelle) nennen muss.
§ 289
Jeder Teil unsers Körpers, der nur Tastsinn besitzt, ist auch fähig, die Einwirkung der Arzneien aufzunehmen, und die Kraft derselben auf alle übrigen Teile fortzupflanzen. *
* Auch ein Kranker ohne Geruchssinn hat vom Riechen gleich vollkommene Arzneiwirkung und Heilung zu erwarten.§ 290
Außer dem Magen sind Zunge und Mund die empfänglichsten Teile für die arzneilichen Einwirkungen; doch ist noch vorzüglicher das innere der Nase, dann auch der Mastdarm, die Zeugungsteile, so wie alle vorzüglich gefühligen Teile unseres Körpers, zur Aufnahme der Arzneiwirkung fast gleich geschickt, daher auch hautlose, verwundete oder geschwürige Stellen den Kräften der Arzneien eine fast ebenso eindringliche Einwirkung auf den Organismus verstatten, als wenn die Arznei durch den Mund eingenommen worden wäre, wie viel mehr durch das Riechen und Einhauchen.
§ 291
Selbst die Teile, welche ihren eigentümlichen Sinn verloren haben, z. B. eine Zunge und Gaumen, die den Geschmack, oder eine Nase, die den Geruch verloren hat, teilen die bloß auf sie zunächst einwirkende Kraft der Arznei in nicht geringerer Vollständigkeit der Gesamtheit aller übrigen Organe des ganzen Körpers mit.
§ 292
Auch die äußere, mit Haut und Oberhaut umkleidete Körperfläche ist nicht unempfänglich für die Aufnahme der Kräfte der Arzneien, vorzüglich der flüssigen, doch sind die empfindlichsten auch die empfänglichsten. *
* Das Einreiben scheint die Wirkung der Arzneien nur dadurch zu befördern, inwiefern das Reiben an sich die Haut empfindlicher, und so die lebende Faser empfänglicher macht, die Arzneikraft gleichsam zu fühlen und dies Befinden umstimmende Gefühl dem ganzen Organismus mitzuteilen.Das vorgängige Reiben der inneren Seite des Oberschenkels macht die nachgängige bloße Auflegung der Quecksilbersalbe ebenso arzneikräftig, als wenn die Salbe selbst auf diesem Teil zerrieben worden wäre, was man Einreiben nennt, indem es sehr zweifelhaft bleibt, ob das Metall selbst, in Substanz, mittels dieser Verrichtung des sogenannten Einreibens in das Innere des Körpers eindringen könne, oder von den Saugadern aufgenommen werden möchte, oder beides nicht. Die Homöopathik hat jedoch fast nie das Einreiben irgendeiner Arznei und ebenso wenig einer Quecksilbersalbe zu ihren Heilungen nötig.
§ 293
Hier finde ich noch nötig, des von der Natur aller übrigen Arzneien abweichenden, sogenannten tierischen Magnetismus, oder vielmehr des (dankbarer nach Mesmer, seinem ersten Begründer, zu benennenden) Mesmerismus Erwähnung zu tun.
Diese, oft törichter Weise geleugnete Heilkraft, welche durch den kräftigen Willen eines gutmeinenden Menschen auf einen Kranken, mittels Berührung desselben, einströmt, wirkt teils homöopathisch, durch Erregung ähnlicher Symptome, als der zu heilende Krankheitszustand enthält, und dient zu dieser Absicht in einem einzelnen, mit weniger starkem Willen vom Scheitel herab mit flach aufgelegten Händen nicht allzu langsam über den Körper bis über die Fußspitzen geführten Strich, *
* Die kleinste homöopathische Gabe, die aber oft Wunder tut am gehörigen Ort. Nicht selten überhäufen ihre Kranken in schwierigen Krankheiten die sich für überflüssig weise dünkenden unvollkommenen Homöopathiker mit schnell aufeinander folgenden Gaben verschiedener Arzneien, obschon homöopathisch gewählt und in hoher, potenzierter Verdünnung gereicht, und setzen sie so in einen dergestalt überreizten Zustand, dass Leben und Tod miteinander ringt und die mindeste fernere Arznei sie unausbleiblich töten würde. Da bringt bloß ein sanfter mesmerischer Strich und die öftere, kurze Auflegung einer gutmütigen Hand auf die vorzüglich leidende Stelle wieder harmonische Gleichverteilung der Lebenskraft durch den Organismus und so Ruhe, Schlaf und Genesung zuwege.z. B. bei Mutterblutungen, selbst in ihrem letzten, dem Tod nahen Stadium; teils dient er, um die hier und da innormal angehäufte, in den übrigen Teilen aber mangelnde Lebenskraft gleichförmig durch den Organismus zu verteilen, z. B. bei Blutdrang nach dem Kopf und schlafloser, ängstlicher Unruhe geschwächter Personen usw., mittels eines ähnlichen, einzelnen, aber etwas kräftigeren Strichs; teils aber zur unmittelbaren Mitteilung und Ergänzung der Lebenskraft in einem einzelnen geschwächten Teil oder im ganzen Organismus, – ein Zweck, der durch keine andere Potenz, als durch den Mesmerismus so gewiss, so sicher und mit so gar keiner Störung der übrigen arzneilichen Behandlung erreicht werden kann.
In einem einzelnen Teil geschieht dies letztere durch Auflegung der Hände oder Fingerspitzen, unter Fixierung eines sehr kräftigen guten Willens zu dieser Absicht, an dem langwierig geschwächten Teil, wohin ein inneres chronisches Siechtum sein wichtiges Lokalsymptom verlegt hatte, z. B. bei alten Geschwüren, bei Amaurose, bei Lähmungen einzelner Glieder usw. *
* Obgleich durch diese, von Zeit zu Zeit zu wiederholende lokale Ergänzung der Lebenskraft keine bleibende Heilung erreicht werden kann, wo, wie oben gelehrt, ein allgemeines inneres Siechtum, wie immer, dem alten Lokalübel zu Grunde liegt, so ist doch diese positive Kräftigung und unmittelbare Sättigung mit Lebenskraft (die so wenig, als Essen und Trinken bei Hunger und Durst, in die Kategorie der Palliative gehört) keine geringe Beihilfe bei der wirklichen Kur des ganzen Siechtums durch homöopathische Arzneien.Manche schnelle Scheinkur mit großer Naturkraft begabter Mesmerierer in allen Zeitaltern gehört hierher. Am glänzendsten aber zeigte sich die Wirkung von mitgeteilter Menschenkraft auf den ganzen Organismus bei Wiederbelebung einiger, geraume Zeit im Scheintod gelegener Personen durch den kräftigsten, gemütlichsten Willen eines in voller Lebenskraft blühenden Mannes, *
* Vorzüglich eines solchen, deren es wenige unter den Menschen gibt, welcher bei großer Gutmütigkeit und vollständiger Körperkraft einen sehr geringen Begattungstrieb besitzt, den er mit leichter Mühe völlig unterdrücken kann, bei welchem also alle die sonst auf Bereitung des Samens zu verwendenden, feinen Lebensgeister in Menge bereit sind, durch willenskräftige Berührung anderen Menschen sich mitzuteilen. Einige dergleichen heilkräftige Mesmerierer, die ich kennen lernte, hatten alle diese besondere Eigenschaft.welcher Art Totenerweckungen die Geschichte mehrere, unleugbare aufweist.
§ 294
Alle die gedachten Arten von Ausübung des Mesmerismus beruhen auf einer Einströmung von mehr oder weniger Lebenskraft in den Leidenden, und werden daher positiver Mesmerismus genannt. *
* Mit Fleiß gedenke ich hier, wo ich von der entschiedenen und sicheren Heilkraft des positiven Mesmerismus zu sprechen hatte, nicht jener Übertreibung desselben, wo durch oft halbe, ja ganze Stunden auf einmal wiederholte Striche dieser Art, selbst täglich fortgesetzt, bei nervenschwachen Kranken jene ungeheure Umstimmung des ganzen Menschenwesens herbeigeführt ward, die man Somnambulismus nennt, worin der Mensch, der Sinnenwelt entrückt, mehr der Geisterwelt anzugehören scheint – ein höchst unnatürlicher und gefährlicher Zustand, wodurch man nicht selten chronische Krankheiten zu heilen gewagt hat.Eine dem entgegengesetzte Ausübung des Mesmerismus aber verdient, da sie das Gegenteil bewirkt, negativer Mesmerismus genannt zu werden. Hierher gehören die Striche, welche zur Erweckung aus dem Nachtwandlerschlaf gebraucht werden, so wie alle die Handverrichtungen, welche mit dem Namen Calmieren und Ventilieren belegt worden sind.
Am sichersten und einfachsten wird diese Entladung der bei ungeschwächten Personen in einem einzelnen Teil übermäßig angehäuften Lebenskraft durch den negativen Mesmerismus bewirkt, mittels einer recht schnellen Bewegung der flachen, ausgestreckten rechten Hand, etwa parallel einen Zoll entfernt vom Körper vom Scheitel herab bis über die Fußspitzen geführt. *
* Dass die entweder positiv oder negativ zu mesmerierende Person an keinem Teil mit Seide bekleidet sein dürfe, ist eine schon bekannte Regel.Je schneller dieser Strich vollführt wird, eine desto stärkere Entladung bewirkt er. So wird z. B. beim Scheintod einer vordem gesunden *
* Einer chronisch schwächlichen, lebensarmen Person ist daher ein, vorzüglich sehr schneller, Negativstrich äußerst schädlich.Frauensperson, wenn ihre dem Ausbruch nahe Menstruation plötzlich durch eine heftige Gemütserschütterung gehemmt worden war, die wahrscheinlich in den Präcordien angehäufte Lebenskraft durch einen solchen negativen Schnellstrich entladen und wieder ins Gleichgewicht durch den ganzen Organismus gesetzt, so dass gewöhnlich die Wiederbelebung alsogleich erfolgt. *
* Ein zehnjähriger, kräftiger Knabe auf dem Land ward, wegen einer kleinen Unpässlichkeit, früh von einer sogenannten Streicherin mit beiden Daumenspitzen von der Herzgrube aus, unter den Rippen hin, sehr kräftig, mehrmals gestrichen, und er verfiel sogleich mit Totenblässe in eine solche Unbesinnlichkeit und Bewegungslosigkeit, dass man ihn mit aller Mühe nicht erwecken konnte und ihn fast für tot hielt. Da lies ich ihm von seinem ältesten Bruder einen möglichst schnellen, negativen Strich vom Scheitel bis über die Füße hin geben, und augenblicklich war er wieder bei Besinnung, munter und gesund.So mildert auch ein gelinder, weniger schneller Negativstrich die zuweilen allzu große Unruhe und ängstliche Schlaflosigkeit von einem allzu kräftig gegebenen positiven Strich bei sehr reizbaren Personen usw.
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